Heft 
(1890) 37
Seite
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MäLLer- und MüLHen.

Ire Rückkehr des Sultans vom Sekamkik. (Zu dem Bilde S. 617.) Zu dem, was der Fremde in Konstautinopel zuerst sieht, wohin ihn auch ^ der rmeutbehrliche Fremdeuführer säst gewaltsam treibt, gehört der Se- ! lamlik, d. h. der alle Freitage, dem türkischen Sonntage, stattfindeude Zug ' des Silltaus zu irgend einer Moschee. Dieser Kirchgangstag des Großherrn ! ist zugleich der alle acht Tage wiederkehrende Paradetag der gestimmten ^ Garnison von Konstantinopel, und wenn auch die Theilnahme des Publi- ^ lnms nach uuscrn Begriffen keine lebhafte genannt werden kann, so sind ' doch immer Tausende voll Zuschauern versammelt, die in bunten Gruppen ! hinter der dichten Kette des Militärs sich allsstellen oder die Hügel und ? Plätze iil der Nähe besetzen. Die Freude an öffentlichen Auszügen und ; die Neugierde scheint unter den türkischen Schönen nicht minder verbreitet ^ zu sein als anderswo. Sie gehen zwar von der Sitte der Verschleierung ! des Gesichts nicht ab, doch hat man oft Gelegenheit, in die meist schön ^ geschwungenen, melancholisch und doch wieder kindlich dreinblickenden Augen ! zahlreicher Frauen zu sehen, die an den Abhängen und Böschungen der ! Wege hocken. '

Der fetzige Sultan Abd ul Hanüd II. bewohnt nicht die glänzenden > Paläste an den Usern des Bosporus, sondern den ziemlich weit an den j Hügeln hiuaufliegeuden Jldiz Kiosk. Weiß und glänzend liegen in den ! weiten Parkanlagen zahlreiche Gebäude, aber eine starre Mauer umzieht . das Ganze, lind wer nicht ein hoher Würdenträger ist, wird schwerlich ^ hineingelangen. !

In unmittelbarer Nähe, etwas tiefer, liegt die Moschee Hamidije ! auf einem wundervollen Platze, blendend weiß sich von dem tiefblauen > Himmel abhebend. Sie wird für den Selamlik vom Sultan bevorzugt und gewährt auch in ihrer Umgebung den besten Platz für das militärische Schauspiel.

Lange bevor die Ausfahrt des Großherrn beginnt, rücken in langen Zügen die Truppen der Garnison heran, für Fremde eine hochinteressante Sammlung militärischer Typen. Die Uniformen nähern sich im Schnitt sehr den europäischen, nur der Fez, der vor: Generalen wie von Gemeinen gleichermaßen getragen wird, ist das nationale Abzeichen. Die Truppen, die in und um Konstautinopel liegen, sind wohl die besten des Reiches, und unleugbar ist ihr Aussehen ein kriegerisches und Achtung gebietendes, wenn auch bei näherem Zusehen diePropretät" nicht weit her ist.

Bor dem Thore des Palastes versammeln sich die Generale und in einen: unmittelbar daran gebauten Pavillon die höheren Civilbeamten, die Mitglieder der fremden Gesandtschaften, sowie Fremde, die durch irgend eine Empfehlung Zutritt erhalten haben. Es werden Thee, Kaffee und vorzügliche Cigarretten hernmgereicht, und man genießt auf diese Weise ^ das Schauspiel auf die denkbar angenehmste Art. !

Bevor der Sultan den Palast verläßt, erschein: in prächtigen und ^ reichgeschirrten, aber leider geschlossenen Wagen eine Anzahl Damen des Palastes; man sieht nur eine Wolke von Tüll und hie und da ein blitzendes Auge. Sie sind umringt von Eunuchen, meist tiefschwarzen ^ Negern in schwarzem Gehrock, gleichen Beinkleidern, weißer Weste und Lackstiefeln, während ein glänzend gekleideter Stallmeister voranreitek. ! Sobald der Sultan selbst erscheint, ertönt ein Signal, und in weitem i Umkreise rufen die Truppen ihrem Gebieter den Gruß zu. Unter präsen- tirtem Gewehr und mit geneigtem Kopfe stehen die tiefgebräunten Gestalten da, während feierlich und gemessen der offene Wagen mit dem Beherrscher der Gläubigen vorüberzieht.

Wie die meisten Türken hat Abd ul Hanüd nichts Bewegliches und Lebhaftes in seinem Wesen. Leise neigt er das Haupt, mehr mit den Augen als mit der Bewegung des Kopfes grüßend; dennoch macht es den Eindruck, als wenn er alles sähe oder wenigstens alles zu sehen be­müht wäre. Häufig sitzt der vielgenannte Held von Plewna, der greise Osman Pascha, ihm im Wagen gegenüber neben dem Herrscher zu ! sitzen, verbietet wohl die höfische Vorschrift. !

Die religiöse Uebung oder der Gottesdienst währt nur etwa zwanzig j Minuten, dann öffnet sich ein Fenster in der Moschee, von wo aus der Sultan den Vorbeimarsch der Truppen abnimmt. Ist dieser vorüber, so besteigt der Herrscher meist einen andern Wagen, um, selbst kutschirend, ! in schnellerer Gangart zurückzufahren. Das letztere ist eigentlich der ! interessanteste und, wenn man will, erheiterndste Theil des Schauspiels. ! Sämmtliche nicht in der Front stehenden Offiziere und Generale schließen ! sich der Equipage des Sultans an, und man kann sich kaum eines Lächelns ! erwehren, wenn man die reichbesternten und zum Theil wohlbeleibten Herren sich bemühen sieht, mit den trabenden Pferden Schritt zu halten. Schweißtriefend und erschöpft langen sie oben am Thore des Palastes au, > um noch einen tief ergebenen Gruß dem Herrscher nachznsenden; dann ! ist das Stück zu Ende. H. L.

Aus dem oberen IonauLhat. (Zn dem Bilde S. 625.) Dort, wo bei Fridingen die Donau in ihrem ersten Lanfe die Wasser der Beera in sich anfnimmt, stellt sich den: jugendlichen Ueberschäumen des jetzt schon stattlichen Flusses ein bedeutendes Hinderniß entgegen: es ist dies der steil­abfallende südöstliche Rand der Schwäbischen Alb, durch dessen hochragende Jurakalkfelsen sich die Gewässer in vielgewundenem und tiefeingefchnittenem Thal ihren weiteren Weg zu bahnen haben. Der sich hier eröffnende Theil i des oberen Donauthals ist eine der reizvollsten Gegenden unseres deutschen ! Vaterlandes und bietet eine unvergleichlicheFülle landschaftlicher Schönheiten. ^ Die zerklüfteten Felsen der Alb erheben sich aus dem Schmuck prachtvoller i

Laubholzwälder zn bedeutender Höhe und sind vielfach mit Schlössern u Ruinen gekrönt, während tief unten das Wasser der Donan in feiw engen Bette wildschänmend über mächtige, moosbewachsene Steinblö dahinbranst. Schon vom Eingang der Thalschlucht glänzt uns hoch ob das^ Enzbergifche Schlößchen Bronnen entgegen, welches, auf steil: Felsenriff erbaut, nur durch eine Zugbrücke mit der nahen Höhe M Kunden ist. Eine herrliche Fernsicht eröffnet sich dem trunkenen Au ans dem kleinen, noch erhaltenen Rittersaal des Schlosses, dessen Fenst, jäh über dem gründümmernden Abgrund gelegen, einen Allsblick üb die vielzerklüfteten Felsmassen der näheren Umgebung bis zu den fern Alp eil gestatten.

Die Wände treten nun immer näher zusammen, prachtvoller Buche Wald nimmt uns auf, bis sich nach etwa zweistündigem Wandern d Schlucht öffnet und aus einer Thalmulde das Kloster Beuron mit sein, stattlichen Gebäuden in weltabgeschiedener Einsamkeit uns entgegenbliä Die schöne Stiftskirche, noch henke ein sehr beliebter Wallfahrtsort, zeü in sehr guten Freskogemälden die Sage von der Stiftung des Kloster und die Bildnisse feiner Patrone und Wohlthüter. Die Klostergebäut sind jetzt wieder mit Mönchen (Benediktinern) besetzt.

Von Beuron zieht sich die Straße über eine gedeckte Brücke auf da linke Ufer der Donau. Bald erscheint rechts auf großartiger Felsenhöh von starrenden Klippen umgeben, die stattliche Bergfeste Wildensteil Ein abgefprungenes Felsenriff trägt auf besonderen Grundmauern ein Tho von welchem eine Zugbrücke über einen gähnenden Abgrund den Zugan zu der Burg ermöglicht, und staunend betrachten wir die riesigen Mauer und Thürme dieses Edelsitzes, welcher in alleil seinen Einzelheiten ei wohlerhaltenes Bild mittelalterlicher Befestigungsbauten bietet. Ein bi zur Sohle der Donan hinabreichender Brunnen, eine Mühle und ei Zeughaus machten in Verbindung mit der natürlichen festen Lage da Schloß geradezu uneinnehmbar. Von der gothifchen Burgkapelle führt ein jetzt verschütteter Gang unterirdisch zn Thal. Im Hauptgebäude dessen Räume sammt dem Rittersaal noch erhalten sind, befanden fick die Wohngemächer des jetzt ansgestorbenen Geschlechts der Herreil vor Wildenstein, der Erbauer dieses durch alle Stürme des Mittelalters mann Haft behaupteten Schlosses.

Unterhalb von Wildenstein, nach einer wiederholteil Krümmung deE Flusses, eröffnet sich ein prachtvolles Panorama: von beiden Seiten treten senkrecht aufsteigende Felswände bis an die Thalsohle heran und eine de: großartigsten der riesigen Felsmaffen zur Linken des Flusses trägt das alte fürstenbergische Schloß Werwäg mit seinen stattlicheil Giebeln und Thürmen, welches mit seinen alterthümlichen Jnnenrünmen und Einbauteil, die ganz ursprünglich erhalten sind, mit dem dazu gehörenden Gutshof lllld ausgedehnten Grundbesitz einer der schönsten Edelsitze des Landes genannt werden muß. Vorbei an dem Dorfe Hausen mit der stattlichen Ruine Wagenburg und einer großen gegenüberliegenden Felsenhöhle wälzt nun die Donau ihre grünen Fluchen thalabwürts. Manche stattliche Ruinen wie Gutenstein, Falkenstein und Dietfurth liegen noch an ihrem Ufer, und ihrem Laufe folgend, gelangen wir auf schöner, dem Felseil abgernngener Kunststraße mit mehreren Tunnels über Thiergarten nach dem Orte Laiz, von wo all die Felsmaffen zurücktreten und der Fluß durch flachere Gefilde derBurg Sigmars" znstrebt, der ebenso hübschen wie malerischen Stadt Sigmariugen. R. Stieler.

Etwas vomWohnentied". Ueber den AusdruckDas geht übers Bohnenlied" haben sich schon viele und darunter sehr gelehrte Leute die Köpfe zerbrochen. Binder imSprüchwörterfchatz der deutschen Nation" meint, der Spruch beziehe sich auf ein altes schweizerisches Spott­gedicht, das in den allerstärksten Ausdrücken über die Sittenverderbniß der damaligen Geistlichkeit loszog. Wackernagel dagegen behauptet, unter demBohnenlied" feien alte deutsche Lieder zu verstehen, die mit dem Kehrreim schlossen:Nun geh nur aus den Bohnen", und die also die Aufforderung enthielten, sich zu trollen. Eine neue und gar nicht un­glaubliche Deutung giebt Drück in derbesonderen Beilage des Staats-, anzeigers für Württemberg". Er nimmt an, daß bei dein früher viel verbreiteten, meist am Dreikönigstag gefeierten Bohnenfest auch Lieder gesungen worden feien, die, dem Wesen dieser aus den römischen Satur- nalien entsprungenen Lustbarkeit entsprechend, an Derbheit und Aus­gelassenheit das Menschenmögliche geleistet hätten. Der Leser, der vielleicht eine der bildlichen Darstellungen eines solchen Bohnenfestes mit feinem Bohnenkönig und seiner Bohnenkönigin zu Gesicht bekommen hat, wird dies gerne glauben. Wenn nun heute einer sagt:Das geht übers Bohnenlied", so heißt das:Hier ist das Aeußerste noch überboten".

Wie alt übrigens der Ausdruck ist, mag man daraus entnehmen, daß schon in einem Fastnachtsspiel des 15. Jahrhunderts die Worte sich finden:

Dieser Sach bin ich fast müd,

Es ist mir übers Bohnenlied."

Und als dem Herzog Christoph voll Württemberg, welcher von 1550 bis 1568 regierte, der Stadtbaumeister von Stuttgart einen Entwurf zur Ueberwölbung des die Stadt mit üblen Dünsten durchströmenden Nefen- baches vorlegte und dabei die merkwürdige Ansicht verrieth, das Wasser- Habe die natürliche Tendenz, bergauf zn fließen, da schrieb der Herzog an den Rand:Das wäre doch übers Bohnenlied!" Und der Herzoa hat recht. ^

^ ^ Znßatt: Sonnenwende. Roman von Marie Bernhard (2. Fortsetzung). S. 613. Die Ostjaken. Von Alfred Edmund Brehm (Fortsetzung). S. 616. Die Rückkehr

des Sultans vom Selamlik. Bild. S. 617. Sängertage in der Kaiserstadt Wien. Bon Gerhard Ramberg. S. 619. Mit Zeichnungen S. 613, 619, 620 u. 62 l.Deutsche Art geht über alles." Ein Nachklrng vom deutschen Sängerbundesfest in Wien. Von Karl Hüdiger (Hittcher). Gedicht. S. 622. Ein Mann. Roman von Hermann Heiberq (10. Fortsetmnci) 622. Brlder aus dem oberen Donauthal. Bild. S. 625. Blätter und Blüthen: Die Rückkehr des Sultans vom Selamlik. S. 628. (Zn dem Bilds S. 617.) Aus dem oberen Donauthal. Von R. SNeler. S. 628. (Zu dem Bilde S. 625.) Etwas vom Bohnenlied. S 628.

Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf nroner- Vertag von Ernst Keil's Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig