Illustriertes Familienblatt. - Begründet von Ernst Keil 1853 .
^ l890.
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(Schluß.)
^>er Herbst war dahin — und ein Herbst war's gewesen, der dem war . . . jetzt zog der Winter in das Land — ein weißer, lautloser Gast.
Die alten Leute in F. sagten es immer wieder, sie könnten sich keines ähnlicheil Winters entsinnen — es schneite und schneite ohne Unterlaß, sacht lind still, vom Morgen bis zum Abend, und wenn die Arbeiter sich Lagüber müde geschaufelt und die Straßen einigermaßen frei gemacht hatten, dann schneite es leise und unaufhaltsam über Nacht weiter, und die Mühe begann von neuem. An den Häusern lhürmten sich die Schneewälle immer höher empor, obgleich lange Wagenreihen ununterbrochen hin- lind herfnhren, die Schneemasscn fortznschaffen. Wind gab es keinen; die Flocken schwebten so ruhig vom gleichmäßig grau iu grau getönten Himmel herab, als sollte das so fortgehen bis ans Ende aller Tage. Die Leute, die im Erdgeschoß wohnten, sahen nichts als Schneeberge vor sich, die täglich anwuchsen; man fragte einander umsonst, wo dos eigentlich hinauswollte, und nur die Kinder waren vergnügt, schrieen, lachten und schneeballten und versanken oft bis an die Brust in den leuchtend weißen lockern Massen.
Trotz des Schnees begann man dennoch, Gesellschaften zu geben. Die bekannten gastfreieil Häuser tha- tcn ihre Pforten auf — Diners, Soupers, große Routs, musikalische Abendunterhaltungen, Bälle — jeder Tag hatte eiu anderes vergnügtes Gesicht. Die jungen Damen hatten sich nun in die Ulanen gefunden und die Dragoner fast ganz ver- 52
Sonnenwende.
Noman von Maple Kornhnrd.
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rauher, stürmischer, böser gessen — nun, .die Ulanen waren in der That entzückend, und lachenden Sommer gefolgt I einer von ihnen, dieser Prachtvolle Lieutenant von Cvnventius,
hatte inzwischen seine blonde Hedwig heimgeführt und machte ein famoses Haus; auch Thor voll Hammerstein, Parsifal genannt, hatte sich verlobt, und zwar mit Hertha Kreutzer, die kein Hehl daraus machte, daß sie eigentlich lieber einen andern gehabt hätte (ebenso, wie ihr Verlobter lieber eine andere gehabt hätte, setzten die boshaften „Freundinnen" inderStille dazu!), indessen es ginge nicht immer im Leben so, wie man wolle, und ihr Erwählter war sehr verliebt und sehr wohlhabend, und vor Herthas erfreuten Blicken gaukelteil die schönsten Zukunftsträume von kostbaren Toiletten und endlosem Vergnügen.
Aber — aber! Es gab viele Unzufriedene in diesem schneereichen Winter! Zumeist waren sie männlichen Geschlechtes doch liefen auch viele weibliche mit unter. Der „Stern" der drei letzten Saisons, die Perle unter den jungen Damen, Annie Gerold, fehlte - - saß ruhig daheim bei ihrer krauten Schwester und studierte und nähte und strickte für die Armeil und zeigte ihr lieb liches Gesichtchen selten bei ihren Freundeil, selten auch auf der Straße, denn sie erging sich am liebsten in ihrem Garten, in welchem sie stun denlang ans- und abwandern konnte, mit ernsten, dunkeln, schwermüthigen Augen vor sich hiusehend.
Niemand wußte recht zu sagen, weshalb Anuies Verlobuug aufgelöst worden sei und wer von den beiden, die ein so überglückliches Paar geschienen hatten, sie gelöst habeil könnte! Annie hatte zu Hedwig Weyland nur gesagt: „Es ist alles zu Ende! Frag'
im
Arn Morgen noch Meihnarhten.
Nach einem Gemälde von Paul Wagner. Photographie im Berlage der Photographischen Union in München.