Goethes „Faust" als Bühnenwerk.
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V. Die literarische Behandlung des ersten Theils.
Ich wende mich nun, nachdem ich die scenische Behandlung der Faustdichtung besprochen habe, zu der literarischen Bearbeitung und deren Beziehung zu dem Original.
Devrient beansprucht sür die Aufführung des „Faust" nur zwei Abende. Erster Abend: Vorspiel, Prolog und erster Theil, zweiter Abend: zweiter Theil. Daraus ergiebt sich die Nothwendigkeit gewaltsamer Striche, die namentlich für den ersten Theil sehr bedauerlich sind. Außerdem überschreitet die Dauer einer jeder der Aufführungen (vier und eine halbe Stunde) die Grenzen des deutschen Theaterabends sehr erheblich. Gegen den Schluß hin ist die Genußfähigkeit des Publikums fast erschöpft. Und das ist doppelt Schade, da gerade die letzten Acte — Kerkerscene im ersten, Fausts Tod im zweiten Theil — auch als Bühnenwirkungen zu dem Ergreifendsten und Gewaltigsten gehören, was die dramatische Dichtung aller Länder und aller Zeiten aufzuweisen hat.
Dingelstedt und Frenzel, die diese Uebelstände erkannt haben, empfehlen daher die Dreitheilung, und diesem Vorschläge schließe ich mich an. Dingelstedt beginnt, nach Beseitigung des Vorspiels auf dem Theater, mit dem Prolog im Himmel und schließt den ersten Theil mit dem Monodram Faust: „Die Thräne quillt". Der zweite Abend umfaßt bei ihm das Drama vom Osterspaziergang bis zum Schluß des ersten Theils der Dichtung, der dritte Abend den bühnengemäß umgearbeiteten zweiten Theil.
Frenzel hält das Vorspiel auf dem Theater aufrecht, bringt dieses, den Prolog im Himmel und den ersten Theil bis zum Aufstiegen Fausts und Mephistos aus dem Studirzimmer: „Ich gratulire Dir zum neuen Lebenslauf", am ersten Abend; am zweiten: Auerbachs Keller, die Hexenküche und die Gretchentragödie bis zum Schluß; am dritten den umgearbeiteten zweiten Theil.
Ich meinerseits möchte den ersten Abend noch weiter ausdehnen. Ich würde Vorschlägen, an diesem die beiden Vorspiele und das Drama bis zu Fausts vollendeter Vorbereitung zum neuen Leben (Hexenküche) zu geben. Da würde also der erste Abend schließen:
„Du siehst mit diesem Trank im Leibe Bald Helenen in jedem Werbe".
Der zweite Abend würde die vollkommen einheitlich abgeschlossene Gretchentragödie bringen, mit der Begrüßung: „Mein schönes Fräulein, dürft ich's wagen", beginnen und mit Gretchens Tode schließen, und der dritte Abend, wie auch die Uebrigen empfehlen, den umgearbeiteten zweiten Theil.
In der Dreigliederung, sei sie nun so oder so, wird Goethes „Faust" wie ich glaube, früher oder später auf der deutschen Bühne Sitz und Stand haben. In der Devrient'schen Zweitheilung werden schon im ersten Theile