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Ausführungen des über seine Ignorierung verletzten Grandseigneurs sehr übel auf und citierte den Träger eines so stolzen Namens als Todfeind des Adels vor die Assisen; der Prozeß endete aber im März 1820 mit seiner Freisprechung, die ihm neuen Nimbus verlieh; St. Simon schrieb damals seine „iOettre cie M. 8t. 8iinon uux strrö8 gni dsvaisirt ^ro- irouoor 8nr lüroousation iutootoo ooutro ini." Der Enteur" selbst erweckte viel Interesse in Frankreich und Deutschland; in ihm entwickelte der Begründer des Sozialismus mit großer Kraft seine Ansichten, daß im Gegensätze zu dein im Mittelalter herrschenden und vollberechtigten feudal-theokra- tischen Systeme in unserer Zeit ein industriell-wissenschaftliches System gestaltet und zur Hcurschcist gebracht werden müsse. 1820 erschienen noch „Eoumcköratiorm 8ur 1e8 in.68ni'68 n ^rsinirs pour teinnirier ln rövolutiorw und verschiedene Briese an die Ackerbauer, Fabrikanten, Handelsleute, Bankiers, Industriellen, Arbeiter, endlich einer an den König. Während er sich im Briefe an die Arbeiter zum erstenmal direkt an das Proletariat wandte und sich ihm znneigte, hoffte er für seine industriellen Träume ans den Schutz und die Unterstützung Ludwigs XVIII., denn er wollte seine Revolution weder gegen das Königtum, noch außerhalb desselben machen und war naiv genug, dabei auf die thatkrüftige Mitwirkung der Restau- rationsregierung zu zählen. Wie die Kommunen des Mittelalters mit dem Königtume alliiert waren, so sollten die Industriellen mit den Bourbons sich alliieren, gereinigt durch die Furcht vor Revolution und vor Krieg; der König soll sich zum ersten Industriellen des Reiches erklären, St. Simons Revolution durch königliche Ordonnanz vollführen, soll mit absoluter Diktatur den Fortschritt zum Sieg bringen; später forderte er auch Ludwig und Lafitte auf, sich an die Spitze seiner religiösen Revolution zu stellen, wie jetzt an die der sozialen. Den „8ix lettreL 8ur 1o8 Lourlloim" (1820) folgten 1822 zwei Broschüren „IN8 Illnirttoim et cko8 8ttmrt8." Eines seiner Hauptwerke war das dreiteilige WvMoino in- ellmtriel" (1821—1822); er sagte geradezu, er schreibe für die Industriellen gegen die Höflinge und Adeligen, und traf hier ganz mit der Strömung des Zeitgeistes zusammen, was zumal die Jugeud, d. h. die Zukunft Frankreichs, an ihn zog. Sein Buch führte manchen Gedanken des „Or-AaiimatouM weiter aus, wandte sich an die Beihilfe des Throns, basierte seinen Sozialismus auf das Studium der Nationalökonomie, besonders von Adam Smith und Jean Baptiste Say, mochte von antiker Einfachheit und Rousseauscheu Utopien nichts wissen, sondern huldigte dem Ideale einer reichen industriellen Gesellschaft. Hatte er aber im „OrAuirmatour" von drei Kammern gesprochen, einer für Erfindung, einer für Prüfung und einer für Ausführung, wobei den Gelehrten und Litteraten ein großartiger Anteil zufalleu sollte, so ließ er im „8^8twr>6 inckrmtriel" diese Vertreter des Geistes fast ganz beiseite und gönnte ihnen keine Macht in weltlichen Angelegenheiten; denn, so sagte er, würde die Verwaltung weltlicher Dinge Gelehrten anvertrant, so verschlechterten sich diese, entarteten zu Metaphysikern, Arglistigen und Despoten. Im „8v8t6ui6 iuckuLtriel" tritt uns auch eine philanthropische und humanitäre Seite St. Simons entgegen, die bei seiner Schule besonders wichtig werden sollte. Er strebte mit warmem Herzen danach, das Wohl der arbeitenden Klassen zu verbessern; von dem Worte Gottes erfüllt: „Liebt und helft Euch einander," wollte er ihnen Arbeit und Unterricht geboten wissen, war aber weit entfernt, die besitzenden und die arbeitenden Klassen verfeinden zu wollen. Halte er früher den Schwerpunkt des Lebens in der Wissenschaft erblickt, so sah er ihn täglich mehr in der sich Bahn brechenden Industrie und glaubte die Zeit nahe, wo die Arbeit die Herrschaft führen, wo die politische Gewalt aus deu Händen der Rentiers, Legisten und Militärs in die der Jndustrieellen übergehen werde, wo die volkswirtschaftlichen Mächte im politischen Leben überwiegeu würden. Mit Auguste Comte schrieb er den „Eatoollmmo <168 IrullmtrielL" (1822—1823); er unterscheidet in Frankreichs Geschichte zwei Stämme, die Krieger und
die Arbeiter, die Frauken und die Gallier; letztere, die industrielle Klasse, tritt immer mehr iu den Vordergrund, zersetzt sich aber selbst durch Konkurrenz, Welthandel und Kredit; in ihr stehen Bankiers und Legisten deu Arbeitern gegenüber und bilden eine Art Mittelklasse, deren vielgerühmter Liberalismus in dem egoistischen Grundsätze gipfelt: „Oto-toi guo ,jo >>llv inotto!" Die Industriellen aber sind der wichtigste Faktor des Staates, ihnen müssen sich alle anderen unterordnen; und da ihr Prinzip das der vollkommenen Gleichheit ist, so muß die soziale Ungleichheit wie bereits die politische abgeschafft werden. All diese Arbeiten wurden von St. Simon unter den äußersten Entbehrungen geschrieben; er mußte manchen demütigenden Schritt thun, damit sie gedruckt wurden; die Not war sein täglicher Tischgast; vergebens suchte er sie zu vertreiben, seine arme Stube war ihr traut geworden. Allmählich brach seine moralische Kraft, Verzweiflung überkam ihn und in einem solchen Momente griff er in der Nacht des 9. März l823 zur Pistole; aber seinen Leiden war die Erlösung noch nicht beschiedeu. Unter der Pflege seiner jungen Freunde erholte er sich zu weiterem Leben und mußte es einäugig, entstellt, schwach bis zu Eude tragen. Seit er an den Pforten des Todes gestanden, verdoppelte sich seine Geistesthätigkeit; mit mehr Eifer und Elastieitüt begann erneue Arbeiten. Comte hatte sich 1824 von ihm getrennt; jetzt schrieb St. Simon mit Läon Halevy, Olinde Rodrigues, Du- vergier und Bailly die „Ochnioim llttorni»««, chüI<»8o>>llchn68 6t iircku8trioU68" und setzte ihnen das triumphierende Motto vor: „Das goldene Zeitalter, welches blinde Tradition in die Vergangenheit versetzte, liegt vor uns." Mehr als in den bisherigen Schriften betont der Graf seine philanthropisch-reformierende Tendenz; er wünscht, die Politik solle sich zum Ziele die Verbesserung des moralischen und physischen Wohlstands der Arbeiter nehmen; was er hier nur audeutete, führte er iu seinem berühmtesten und letzten Werke aus, iu dein mit einem Vorworte von Rodrigues 1825 erschienenen „Xoavoan olirmtumMinoch dasselbe führte das bezeichnende Motto: „Wer andere liebt, hat das Gesetz erfüllt. Alles ist in dem Worte enthalten: Du sollst Deinen Nächsten lieben als Dich selbst!" Das Buch war der Abschluß seiner Doktrin und seines Lebens und wurde ebenso maßlos gepriesen wie angegriffen. Seiner Ansicht nach war das Christentum jetzt in all seinen Kirchen profaniert; von Natur zur Entwickelung und zum Fortschritte bestimmt, war cs in kanonischen Banden gefesselt; es hat sich nicht nach Volk und Zeit, Land und Sitte modifiziert, ist verknöchert und hat das Prinzip der Bruderliebe, die schönste Erbschaft Christi, vergessen; im Papste sah er ebenso einen Ketzer wie in Luther. Im wahren Christentum, wie es St. Simou versteht, strahlt stets das Prinzip der Bruderliebe voran; die Religion soll die inenschliche Gesellschaft zum Ziele einer möglichst raschen Verbesserung des Loses der zahlreichsten und ärmsten Klasse führen; Priester dieser Religion müssen natürlich die werden, deren Arbeit sie am meisten befähigt, die Allgemeinheit zu beglücken. Er fühlte, zum Gelingen seiner Beglückungspläne sei die Religion eine wertwolle Alliierte, verwarf aber den Irrtum, daß sie nichts mit dieser Zeitlichkeit zu thun habe, wollte verhütet wissen, daß sie den Streit zwischen Geist und Fleisch entfache, forderte vielmehr, daß sie beides versöhne und schon hienieden alle Menschen glücklich mache. Die neue Weltordnung, iu der Priester, Gelehrte und Industrielle die ganze Gesellschaft bilden sollten, stellte er auf die Hauptprinzipien: „Jedem nach seiner Fähigkeit" und „Jeder Fähigkeit nach ihren Werken." St. Simons Leben lief nun rasch ab; er konnte das Journal, in dem er seine Lehren verkünden wollte, «Mo Mroäuotmrr,» nicht mehr erscheinen sehen, obwohl er ihm unausgesetzte Arbeit widmete. Seine Armut blieb ihm treu, er lebte zwei Monate nur von Wasser und Bouillon; seine Schüler pflegten ihn aufopfernd. Utopist bis zum Grabe, sagte er zu ihnen: „Die Frucht ist reif, Ihr werdet sie pflücken. . . Rodrigues, . . . erinnere Dich, daß, um Großes zu thun, mau passioniert sein muß . . . Mein ganzes Leben faßt sich iu einen: Gedanken zusammen: allen Menschen die freieste Ent-