Heft 
(1889) 25
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Deutschland.

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siert, die Kritiker sträubten sich vergebens." Vergebens mochten sie über Unslnt und Greuel wettern und gegen die Bruder Moor sogar den Dienst des Schinders anrufen die Jugend setzte ihren Dichter durch.

O, wäre das ein Vierteljahrhundert später auch dem an­dern vergönnt gewesen, der neben Schiller der genialste Dra­matiker unserer Sprache ist! Goethe hatte längst Freundschaft mit dem Rüuberdichter geschlossen, ja er hatte schon dem herr­lichsten Freunde das herrlichste Grablied geweiht, da trat ein ehrfürchtiger Bittsteller an ihn heran; Goethe protegierte da­mals mit der Großmut der Großen allerlei litterarisches Krethi und Plethi, aber gegen diesen einen verhielt er sich kalt und schroff. Man führt das Unglück Heinrich von Kleists zum Teil auf jene traurige, wahrhaft tragische Enttäuschung und Verkennung zurück, die er aus Weimar empfing. Niemand kann wissen, ob ihm die Gunst Weimars Glück geleuchtet hätte. Was dem Einsamen fehlte, war nicht der Schutz von oben herab; es fehlten junge Hände, die ihn ans seinem Dunkel hoben; es fehlten junge Schultern, die ihn hoch im Lichte trugen. So kam es, daß dieser große Dichter am halben Le­benswerke starb und erst viele Jahre später seine Poesie ans der Bühne lebendig wurde. So freilich blieb sie, während Schiller- Gemeingut wurde, unverbraucht und unabgegriffen, und heute, dünkt mich, hat ihn die Jugend; nicht zwar die sogenannte reifere" Jugend, für welche Jndianergeschichten und Hoftheater auf der Welt sind; auch nicht jene neuerdings aufgekommene patent-schneidige Jugend, für die schon ans Obersekunda der Geheimratstitel ein Ziel herzinnigen Strebens ist, sondern die Jugend der Werdenden, die immer dankbar sind.

Was Goethe damals von Kleist abstieß, ist dasselbe, was diesem unsere Zeit gewonnen hat, was ihn, den kräftigsten und selbständigsten Sohn der Romantik, zum Vorboten einer neuen Knifft macht. Während Goethe immer stilvoller und maßvoller wurde, während seine Muse immer gesetzter wurde, immer stren­ger auf schöne Form hielt, suchte Kleist den natürlichen Bien scheu. Goethe ging ans feste typische Verhältnisse und stellte sie möglichst rein dar, Kleist ging in großartiger Vorahnung einer neuen Lebensanschannng ans den Zusammenhang des Physischen mit dem Seelischen. Er ging nicht von allgemeinen Grundsätzen ans, sondern wie ein empirischer Forscher vom beobachteten Einzelfall. Er zwängte nicht unter das Allge­meine alles Besondere ein, sondern auf der Kenntnis des Be­sonderen begründete er seine Ansicht vom Allgemeinen. Der allgemeine Grundsatz lautet: Ein Held und Feldherr fürchtet sich nicht vor dem Tode! Kleist aber zeigt den Prinzen von Homburg im Momente der Todesfurcht; und gerade in dieser, von der Schulästhetik so scharf getadelten Scene, die freilich einen kongenialen Realisten wie Joseph Kainz fordert, gerade hier: nicht in der Standhaftigkeit, sondern in den Bewegungen der menschlichen Seele lösen sich die Rätsel der Menschlichkeit. Das menschliche Herz ist nicht ans feste Grundsätze genagelt. Es hat Gefühle, die sich verwirren, es hat Zuckungen, Pressio­nen, Stimmungen, Krankheiten. Es sucht ans Jrrpfaden den rechten Weg und findet ihn selten. Das hat Heinrich von Kleist tief begriffen, und darum ist er im Gegensatz zum Moralidea­listen Schiller trotz seinem romantischen Gepräge der realistische Psychophysiker, und hätte er statt Schiller Schule gemacht, so würden wir vielleicht weniger ideale Begcisternngsfähigkeit, aber mehr Menschenkenntnis in Deutschland gehabt habem Wir hütten weniger weit in die Sterne gesehen, aber desto tiefer dem Nachbar ins Herz. Es wäre weniger übertriebener Haß und weniger übertriebene Liebe unter den Leuten, und wir wären wenigstens dem einen Ideale näher gekommen, das fast höher steht als irgend ein anderes und das unserem historisch-natur­wissenschaftlichen Zeitalter am gemüßesten ist: dem Nebenmen­schen gerecht zu werden.

Kleist suchte 1811 den Tod und brauchte nicht vergessen zu werden, da er gar nicht bekannt geworden war. Die deut­sche Bühnenpoesie aber ging, unbeeinflußt vom Dichter des Prinzen von Homburg" und desZerbrochenen Kruges," ihrer

Wege. Jetzt nach achtzig Jahren stehen wir, wenn nicht alles täuscht, am Ende dieser völlig ausgetretenen Wege, und es fragt sich: Was nun? Werfen wir einen flüchtigen Blick auf diese Wege zurück. Der eine geht vom hohen Stil der Schiller- scheu Trauerspiele ans. Für die Sprache ist der fünffüßige Jambus feste Form und Norm. Der Stoff wird aus den großen geschichtlichen Begebenheiten der Vergangenheit geschöpft. So­viel wie möglich beachtet man die nie verstandenen Re­geln des Aristoteles. Schöne Lebensweisheiten, schwungvoll ausgedrückt, verschaffen dem Dichter zugleich den Ruf eines tieferen Geistes. Da mit diesen Stücken nie viel Geld zu ver­dienen war, denn selten konnte eins davon sich das Theater erobern, so galten ihre Dichter für ideale Naturen, die, vom rauhen Leben abgekehrt, dem wahrhaft Schönen und dem wahr­haft Guten einen stillen Altar bauen, die, wie die Märchen­tante sagt, das Banner des Idealismus Hochhalten. So häuf­ten sich jene Bnchdramen, von denen die Bühne nichts weiß, und die Beschäftigung mit Konradin von Schwaben oder mit den Gracchen wurde eine poetische Ferienlust sinniger Ober­lehrer. Meist konnten sie von Glück sagen, wenn niemand auf ihr stilles Wirken achtete. Dein: regte sich irgendwo ein stär­keres Talent, öffnete sich ihm erfolgreich die Bühne, so konnte sich ein so unendlich trauriges Menschenlos erfüllen, wie wir es am preisgekrönten Dichter vonBrutus und Collatinns" erlebt haben. Der Weltentlegene fand sich nicht mehr zurecht in der Welt. Selbst wirkliche Poeten, die etwas zu sagen haben und etwas sagen können, scheiterten an der Entlegenheit ihrer Stoffe, an der Getragenheit ihres Stils, lind ihre großen Erfolge ans anderen Gebieten konnten die Jambenstücke nicht mit ins Schlepptau nehmen. FreytagsFabier," HeysesAl- kibiades," WilbrandtsNero," wer kennt sie? Hob sich einmal eins dieser Stinke zur Kraft eines Bühnenerfolgs, wie Wil­brandtsArria und Messalina," so verdankte es ihn recht un­idealen Ursachen: einer pikanten Situation oder den Reizen einer großen Schauspielerin. Diese Gattung des Buchdramas schien an ihrer eigenen Langeweile sterben zu wollen, als der Herbst 1881 plötzlich eine Überraschung brachte: das siegreiche Auftreten Ernst von Wildenbrnchs, der es verstanden hatte, dem absterbenden Stil noch einmal starke, fortreißende Theatereffekte abznzwingen. An jenem Karolinger-Abend des Berliner Vietoria- theaters, der vielen von uns in guter Erinnerung ist, begrüßte man den Anbruch einer neuen Ära. Ich fürchte, es war das letzte Anfflackern der verlöschenden Flamme, denn der Dichter selbst fühlt sich nicht sehr wohl mehr im alten Jambenstil. In seinen beiden jüngsten Dramen, bei denQnitzows" im Stoff, beimGeneralfeldoberst" in der Wahl des Knüttelvers­maßes welch weitgehende, entschlossene Konzessionen an den derben Realismus unserer realen Zeit. Dennoch wird der Harolddichter unter dem Namen des letzten Pathetikers in die Litteratnrgeschichte übergehen.

Liegt in den historischen Tragödien die Abkehr von Welt und Leben gewissermaßen im Stoff und im Stil, erblickte man in dieser Abkehr sogar eine poetische Tugend, so sind die ande­ren Gattungen, die im Sterben liegen, durchaus ans Wirklich­keit und Wett angewiesen; denn als Zeit der Handlung wird in diesen Stücken meist die Gegenwart angegeben, und Ort der Handlung ist entweder eine deutsche Kleinstadt oder eine deutsche Mittelstadt oder ein Rittergut, neuerdings immer häufiger eine Großstadt, worunter dann meist Berlin verstanden wird. Es fehlt auch nicht an lokalen Beziehungen, inan speist bei Dressel, kauft (Lchmncksachen bei Friedländer, stärkt sich bei Siechen und läßt in Hoppegarten rennen. Die Personennamen sind zwar mehr ans der Gartenlaube als ans dem Adreßbuch ge­nommen, und auf eine Minna oder Martha kommen immer dreißig Hildegards und zwanzig Hortensien, aber die Berufs­wahl der Herrschaften verführt uns, sie für werte Zeitgenossen zu halten. Diesem äußerlichsten Realismus entspricht inner­halb der Handlung ein Realismus in Kleinigkeiten. Aber in allem Wesentlichen, vor allem in den Charakteren, Empfin­dungen, Entschlüssen, Redewendungen der handelnden Personen