Deutschland
PH 28.
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Hatte das Paar schon im Frühling die Promenaden nnd Ansflngspunkte zu gewissen Zeiten vermeiden müssen, um sich nicht stillschweigenden Kränkungen auszusetzen, so mußte es jetzt doppelt vorsichtig sein. Es wimmelte überall von Berlinern; ans allen Wegen und Stegen schlugen deren vertraute, schneidige Laute ihnen ans Ohr. Ingrimmig stürzte Stillfried sich in die Arbeit. Er wollte nnd mußte seinen neuen Roman vollenden, schon weil sein Geld durch die Reise, auf der sie ziemlich luxuriös gelebt hatten, stark zusammengeschmolzen war. Er brachte ihn durch diese Energie denn auch richtig zu stände, aber er fühlte selbst, daß das Ende überhastet sei, „hingehauen," wie er sich ausdrückte. Es war nun einmal nicht mehr zu ändern; diese Arbeit war ihm von Grund ans verleidet. Er schickte sie an eine große Monatsschrift, in der die meisten seiner Arbeiten erschienen waren.
Und nun ein unfruchtbares Kümpfen, ein rastloses Ringen! Der Entwurf, das Aufkeimen und allmähliche Wachsen in der Seele des Poeten, ist diesem sonst die freudenreichste Arbeit. Mit Zauberschnelle wächst in der Phantasie ein Gebäude empor, dem die Ausführung nur mühsam nachhinkt. Und diese freudige wurde für Stillfried jetzt zur qualvollen, mühsamen Arbeit. Der Helle Schweiß rieselte ihm von der Stirn, wenn er dabei nach seiner Gewohnheit mit auf den Rücken gelegten Händen im Zimmer umherlief, ohne es packen und halten zu können, was ihm unklar die Seele bewegte. Dann stürzte er wohl ins Freie hinaus. Die Waldluft sollte ihm den Kops kühlen und klären. Wie ein Verzweifelter rannte er stundenlang umher — vergebliche Mühe! Asta sah mit tiefem Schmerz, wie er sich in dem schrecklichen Kampfe mit der erloschenen Phantasie verzehrte. In seinen Blicken glaubte sie den Vorwurf zu lesen, daß sie ihn ans seinen gewohnten Kreisen herausgerissen habe und ihn von jeder äußeren Anregung, von jedem Umgang mit gleichstrebenden Genossen fernhalte. Als sie ihm einmal den Trost spenden wollte, in sich selbst müsse der Dichter Heine Welt finden, lachte er höhnisch auf. Ob sie glaube, daß ein Landschafter, ohne die Landschaft zu studieren, nur ans der Phantasie oder aus dem Gedächtnis heraus malen könne, der Genremaler ohne Modell?
Sie hatten versucht, in der Stadt selbst, die ja von zahlreichen Schriftstellern bewohnt ist, Beziehungen anzuknüpfen. Mit Empfehlungsbriefen wollte er sich bei mehreren, meist verheirateten Fachgenossen einführen. Doch auch hier war das Verhältnis, in dem er zu Asta stand, bekannt geworden. Man empfing ihn nicht, wo man darum wußte. Andere, die ihn empfangen hatten, zogen nachträglich nähere Erkundigungen ein und erwiderten seinen Besuch nicht. Einer sagte ihm im Vertrauen, daß er sich zwar sehr freue, seine Bekanntschaft als die eines aufstrebenden, jungen Talentes gemacht zu haben, aber die Rücksicht auf die Welt... er habe Töchter ... seine Frau ... kurz, es sei unmöglich! Mit einem Münchener Maler, dessen Gattin eine längere Kur in Wiesbaden gebrauchte, waren sie öfters zusammengekommen. Doch auch dieser zog sich eines Tages in auffallender Weise von ihm zurück. Stillfried stellte ihn bei einem zufälligen Zusammentreffen im Park zur Rede. Der Maler gestand ihm ganz offen, er habe erfahren, Asta sei nicht seine Gattin. Er würde gewiß darüber hinwegsehen, aber seine Frau hätte jeden ferneren Umgang abgelehnt, und er selbst verübte Stillfried hauptsächlich, daß er ihm nicht von
vornherein reinen Wein eingeschenkt habe. Unfreundlich schieden die Männer voneinander.
Unterdes war cs auch in seiner Pension rnchbar geworden. Die Majorswitwe erschien nicht mehr im Salon; das freundliche Ehepaar ans Breslau wurde plötzlich sehr unfreundlich. Schließlich erklärte ihm die Wirtin, sie selbst sei zwar von Vorurteilen frei, aber mehrere ihrer Mieter Hütten erklärt, daß sie ausziehen würden, wenn Herr Stillfried und die „Dame," die bei ihm lebte, noch fernerhin im gemeinschaftlichen Salon erschienen. Natürlich verließen sie sofort die Wohnung. Mit Rücksicht auf den herannahenden Winter, der ja doch eine fernere Gartenbeuutznng unmöglich machte, und auf seine Kasse bezog er ein Privatlogis in der Stadt selbst. Es war eine kleine, möblierte Wohnung. Im Wohnzimmer wurde zugleich das Essen eingenommen; außerdem waren ein kleines Arbeitskabinett und ein schmales Schlafzimmer vorhanden. Asta kochte mit Hilfe einer Aufwartefrau selbst in der dazu gehörigen, eugen Küche. Zum Schreiben blieb ihr natürlich nicht viel Zeit übrig, denn Stillfried war in Bezug auf seine Bequemlichkeit und das Essen sehr verwöhnt. Auch war ihr der Mut gesunken, denn die Erzählung „Ein Traum" war von „ihrer" Zeitschrift mit höflichem Bedauern abgelehnt worden. Sie hatte das Manuskript bei ihrer Heimkehr von der Rheinreise als „angenehme Überraschung" zu Hanse vorgefunden und es gleich darauf an eine andere Redaktion geschickt. Doch wieder kam es zurück. Asta glaubte ein höhnisches Aufleuchten in Stillfrieds Augen zu bemerken, als das Paket sich zum zweitenmal eiustellte. Sie mußte sich wohl getäuscht haben, deuu wie er sie so traurig und mutlos sah, tröstete er sie damit, daß ihm das früher, im Beginn seiner Laufbahn wiederholt begegnet sei. Wenn er sich dadurch hätte abschrecken lassen, hätte er keine einzige Zeile mehr geschrieben. Tief verwundet, in ihren stolzen Hoffnungen betrogen, übergab Asta das Manuskript den Flammen. Mit den knisternden Fünkchen sanken all ihre Träume von Ruhm und Lorbeeren in Asche.
Da es mit einer großen Arbeit nicht vorwärts gehen wollte, begann Stillsried sich wieder mit kleineren Arbeiten zu beschäftigen. Er hatte einen scharfen Blick für seine Umgebung, für Vorgänge nnd Charaktere, die er beobachten konnte. Aber was sollte er hier, abgeschlossen von der Welt, beobachten? Woraus sollte er diese kleinen Skizzen zusammenbosseln und zurechtschnitzen, mit denen er immer so viel Glück gehabt? Berlin fehlte ihm eben überall! Selbst für journalistische Tagesarbeit, mit der er seiner Kasse Hütte anfhelfen können, mangelte ihm bald der Stoff. Es wäre „zum Wahnsinnigwerden," versicherte er Asta jeden Tag. Sie machte ihm den Vorschlag, wieder nach Berlin überzusiedeln.
„Man spricht dort nicht mehr von uns! Ich will mich znrückhalten; man soll mich wenig bemerken! Ich werde Dich gewiß nicht hindern, mit Deinen Freunden zusammenzukommen. Die Junggesellen werden sich ja auch nicht daran stoßen!"
Es sprach so viel Resignation, eine solche Trauer, ihm zur Last zu sein, aus diesen Worten, daß er ihr in plötzlicher Rührung liebkosend über das Haar strich. Er entgegnete nichts darauf, aber sie bemerkte wohl, wie es in ihm arbeitete und gürte. Sie hatte einer: Funken in seine Seele geworfen, der immer weiter glühte.
Der Winter brach nun mit Macht herein; Frost und