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Band 1 Heft 1
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G. SOHNS, B. RUDOLPH: Bestandsentwicklung des Schilfrohrsängers, Stadt- und Landkreis Brandenburg 27

Jedes Bruchgebiet ist der natürlichen Sukzession unterworfen und es erfolgt damit ein na­türlicher Floren- und Faunenwandel. Die Urkraft der Flüsse durch Hochwasser und Eisbil­dung schafft immer wieder für zahlreiche Arten günstige Lebensbedingungen.

Durch menschliche Einflüsse kann jedoch von einem Jahr zum anderen ein unumkehrba ­rer Faunenwandel ausgelöst werden. Besonders gravierend wirken sich auf die Siedlungs­dichte des Schilfrohrsängers(SOHNS& WAWRZYNIAK in Vorb.) starke Eingriffe in den Wasserhaushalt zur Brutzeit aus. Nicht nur die direkte Trockenlegung der Brutgebiete im Zuge von Meliorationsmaßnahmen sind ernsthafte Störfaktoren, sondern auch der Wasser­entzug für die Bewässerung angrenzender landwirtschaftlicher Nutzflächen. Wird in den Brutgebieten ein winterlicher Schilfschnitt durchgeführt, werden die Brutmöglichkeiten gerade für die erste Brut stark eingeschränkt.

Schilfrohrsänger benötigen feuchte Schilf-Seggenwiesen und siedeln besonders dort, wo noch einzelne kleine Weiden eingestreut stehen. Für die Anlage der Nester wird die Knick­zone des Schilfes und der Seggen mit trockenen Blättern benötigt. Hier können die Nester zwischen das trockene Material gesetzt werden und erhalten von unten, durch die geknick­ten Halme und Seggen, die erforderliche Stabilität und den notwendigen Sichtschutz.

5.Nachtrag:

Zum aktuellen Bestand des Schilfrohrsängers

im Stadt- und Landkreis Brandenburg Die in den 80er Jahren im Gebiet begonnenen Bestandserfassungen wurden in den zurück ­liegenden Jahren einschließlich 1992 gezielt weitergeführt.

Nach der flächenhaften Kontrolle der Großseen westlich Brandenburgs 1989 folgten 1990 Zählungen am Wusterwitzer See, am Rietzer See und Pritzerber See mit angrenzender Ha­velniederung. 1991 erfolgte die Kartierung der Beetzseenkette und 1992 der Bereich an der Havel zwischen Brandenburg und Gollwitz.

Basis der Bestandserhebung war wie in den Jahren zuvor die Anzahl der singenden Männchen. Demnach schätzen wir den aktuellen Brutbestand des Schilfrohrsängers im Stadt- und Landkreis Brandenburg auf 140 bis 150 Brutpaare. Hauptbrutgebiete sind der Rietzer See mit 60 bis 70 BP, die Havelniederung von Brandenburg bis Gollwitz mit 25 bis 30 BP und der Pritzerber See mit angrenzender Havelniederung mit 20 bis 25 BP. Hinzu kommt eine Reihe kleinerer Brutplätze mit BP-Zahlen zwischen 1 und 5.

Auch wenn sich durch die Auflassung der Bewirtschaftung von feuchtnassen Wiesen in den Jahren 1990/91 der Lebensraum für die Art in den nächsten Jahren wieder vergrößern dürfte, muß die Bestandssituation negativ eingeschätzt werden.

In der gesamten Oder- und Havelniederung dürften gegenwärtig mit jeweils einigen hun­dert Brutpaaren die vermutlich bedeutendsten Vorkommen in Deutschland existieren.

Wir möchten hiermit zur Mitwirkung am Schilfbrüterprogramm der Staatlichen Vogel­schutzwarte Rietzer See aufrufen und bitten um Zuarbeiten und Hinweise zum Vorkommen des Schilfrohrsängers.