Heft 
(1928) 37
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Die Kette von Berlin.

Von Professor Robert Mielke.

Albert Kiekebusch erzählt in der Brandenburgia XXXIV S. 19, von dem Volksglauben, daß jeder, der zum ersten Male nach Berlin kommt, sich bei dem Eintritt durch eine eiserne Kette hindurchbeißen müsse, und läßt durchblicken, daß diese Vorstellung eine Erinnerung an die vielen Scherereien sei, die der Reisende an dem Stadttor einer fremden Stadt zu erleiden hatte. Mag sein, daß diese Unbequemlichkeiten, die uns ja aus älteren Berichten genügend bekannt sind, auch bei der Sage von der Kette von Berlin mitgewirkt haben; doch führt die eigenartige Vorstel­lung auf eine viel ältere Volksanschauung zurück, die freilich noch einige andre heidnische und christliche Vorstellungen in sich aufgenommen hat, die dazu auch mit alten rechtlichen Einrichtungen verknüpft ist.

Die Kette von Berlin ist nicht vereinzelt; auch von Augsburg, Landau, Landshut. Mühldorf, München, Passau, Straßburg i. E. und Tübingen wird die gleiche Ueberlieferung berichtet¹). Es sind das Städte, die alle in dem bayerisch- alemanni­schen Kulturkreise liegen. Nach einer Angabe, die ich indessen noch nicht habe nachprüfen können, soll die Sage auch in Thüringen und Sach­sen bekannt sein. In Berlin ist sie wohl kaum einheimisch und dürfte hier durch Handwerksburschen übertragen worden sein, obwohl ihre Grundelemente, wie sich's zeigen wird, auch in Norddeutschland vorhan­den gewesen sein dürften.

Schon Richard Andree hat in seinem Buche Votive und Weihegaben des katholischen Volkes in Süddeutschland"( Braunschweig 1909) auf die kettenumspannte St. Leonhardskirche in Tölz aufmerksam gemacht, die bekannt ist durch die jährlich einmal stattfindenden Sankt Leonhardsritte und-umfahrten. Dieser Heilige, der als Schützer des Viehes und besonders des Pferdes gilt, spielt auch eine Rolle als Befreier von Gefangenen. Wieweit sich hier noch Beziehungen zum Wodanskult verbergen, wird sich noch herausstellen. Jedenfalls ist es auffallend, daß gerade zahlreiche St. Leonhardskirchen und-kapellen mit einer Kette umspannt oder in der Volksüberlieferung mit einer solchen gedacht sind. Andree nahm in Weiterführung seiner Darlegung über Votivgaben, unter denen sich eiserne Rößlein. Hufeisen, Pflugscharen, Tier- und Gefangenen­ketten befinden, an, daß die einzelnen eisernen Spenden zu einer Kette zu­sammengeschmiedet und daß von ehemaligen Gefangenen ihre Ketten dem

¹) Sepp, Denkwürdigkeiten aus dem Bayernoberland S. 157.