Einige Anmerkungen zur Lage der Schulmusikerziehung im
Land Brandenburg
Die Kontroverse um den D. Genisch— Artikel brachto unseren Kollegen A. Flämig auf die Idee, den nachfolgenden Beitrag unserer Redaktion zum Druck vorzuschlagen. Es geht hier nicht um eine unmittelbare Hochschulproblematik, jedoch um Überlegungen, die uns alle angehen sollten.
Erste Vorbemerkung:
Ein Freund von Erfolgsmeldungen und von Zweckoptimismus bin ich noch nie gewesen und möchte ich auch nicht werden. Nach diesem Grundsatz habe ich vor der"Wende” gelebt und gedenke, dies auch zukünftig zu tun.. Zweite Vorbemerkung:
Im Land Brandenburg, vor allem in Potsdam, kursiert seit längerer Zeit eine"Indianer— Geschichte”, Ob das darin geschilderte Geschehen authentisch ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Anzeichen sprechen jedenfalls dafür'ınd erklären so manche Ungereimtheit in diesem Bundesland:
Kurz vor dem Jahreswechsel muß es in einem nicht_
genannten Ministerium eine Beratungsrunde
ben haben. Am Tisch saßen*bodenständige” Mitarbeiter und*Westimporte”., Zwischen beiden Gruppen kam es dann im Verlaufe der Diskussion zu einer harten Kontroverse, die der anwesende Staatssekretär(aus NRW stammend) mit folgenden Worten beendete:
"Bei den Ureinwohnern Amerikas gab es früher Indianer und Häupftlinge. Jetzt sind w ir die Häuptlinge!” So ganz konnte ich diese Geschichte nicht glauben, obwohl mein Informand als integer und verläßlich gelten kann. Doch wenige Tage später brachte das Fernsehen eine Live— Diskussion, an der auch Brandenburgs Bildungsministerin, Frau Birthler, teilnahm. An Biner vermutlich recht brisanten Stelle äußerte sie dem Moderator gegenüber plötzlich:
"Wissen Sie, ich brauchte eigentlich viel mehr
Indianer...!” Das war für mich Anlaß, erneut ein Schreiben an sie zu richten.(Mein Brief, den ich im Auftrag des vds— Landesverbandes an sie gerichtet hatte, datiert vom 26. November 1990, gefüllt mit dem Memorandum unseres Verbandes, verbunden mit der herzlichen Einladung zu unserer Vorstandssitzung am 12. Januar 1991, ist bislang unbeantwortet geblieben.) Diesmal formulierte ich anders:
*Sehr geehrte Frau Birthier!
Eine Gruppe schulmusizierender“Indianer” des
f Landes Brandenburg bittet um Gehör...”
Und diesmal erhielt ich Antwort— 7 Tage nach der
Absendung klingelte bei mir das Telefon... Doch
darauf komme ich an anderer Stelle noch einmal
zu sprechen.
Dritte Vorbemerkung:
Zum gegenwärtigen Zustand der Musikerziehung in
Brandenburg kann ich mich, wenn überhaupt, nur
Gußern, wenn ich versuche, die Arbeits— und Le
bensbedingungen der Musiklehrer mit einzufan
gen. Seit November 1989, verstärkt in den letzten
Monaten, sind Probleme aufgebrochen, die drin
gend einer Lösung bedürfen:
1. Wie kann ein Lehrer sich ernsthaft um Erneuerung
und Demokratisierung bemühen, wenn ihm die
Chance genommen wird, seine Arbeit in Würde zu
verrichten?
2. Kann ein Lehrer seinen Schülern das Gefühl von Sicherheit, Selbstverwirklichung und Freiheit vermitteln, wenn es ihm selbst nicht garantiert Wird?
3. Wie kann ein Lehrer vor dem Hintergrund rechtlicher und sozialer Unsicherheit Freude an seiner Arbeit empfinden?
Lesermeinun
Als immernoch(seit 1986) standiger Leser der Hochschulzeitung freue ich mich seit einiger Zeit nicht nur über das neue Äußere(das schöne weiße Papier mit entschieden besserer Bildqualität) des”Oktober”, sondern auch über den verbesserten Inhalt...Ich finde gut, daß solche Rubriken wie”Potsdamer Straßennamen”,“Wohin in Potsdam”, Buch— bzw. Filmtips usw. weitergeführt werden. Für das Lesen der Zeitung benötige ich, im Gegensatz zu den Exemplaren, die ich vor fast 5 Jahren erhielt, mindestens die doppelte Zeit, Inzwischen lese ich nämlich fast jeden Artikel, weil sie mich interessieren und auch viele wichtige Informatio
Nr.03/91
4. Das Gespenst eines massiven Personalabbaus geht um. Betroffen davon wären allein in Brandenburg ca. 4000 Lehrer, vorausgesetzt, die in der Presse veröffentlichten Zahlen stimmen. Weiß man eigentlich um die seelischen Beklemmungen einer ganzen Berufsgruppe? Und ist bekannt, daß es vor allem bei den älteren Kollegen große Verunsicherungen gibt?
5. Wie steht es um die geplante Niedrigeinstufung ostdeutscher Lehrer?
Vielleicht sind wirdoch nur Indianer??? Seit November 1989 vollzieht sich in unserem Land ein gewaltiger Umbruch, Das In—Frage— Stellen einer ganzen Gesellschaftsform berührt direkt auch Inhalte und Strukturen unseres Bildungssystems. Davon kann der Musikunterricht nicht ausgenommen werden, galt er doch als Instrument ideolcgiezentrierter Bildung und Erziehung. Jeder Musiklohrer muß sich diese Frage stellen, und er muß Antworten finden. Für mich tut sich da ein ganzer Katalog unbewältigter Probleme auf:
= So sind Inhalt und Organisationsformen dieses Faches kritisch zu prüfen und neu zu bestimmen. Ein neues, völlig anderes Verständnis von Schule ist nötig. Das schließt ein verändertes Rollenverhalten der Lehrer mit ein. Schüler verhalten sich schon lange anders, suchen nach Identität und Individualität und ziehen(berechtigt) vieles in Zweifel und leider aber auch zu vieles!
= Der Lehrer, über 40 Jahre daran gewöhnt, an die Hand genommen und"gelenkt” zu werden, fühlt sich plötzlich isoliert, allein gelassen.
= Dem Musikunterricht mangelt es an zeitgemäßen Lehr— und Lernmitteln, Mit den alten kann man nur noch bedingt arbeiten, die neuen überwältigen und verunsichern ob der Fülle des Angebots und der Kosten.
=" Der Musiklehrer verspürt ein dringendes Bedürfnis nach Fort— und Weiterbildung. Doch wie sieht die Landschaft aus? Alte Strukturen sind fast flächendeckend zerschlagen worden, neue sind nur z.T. in Sicht und können den Bedarf nicht decken. Und was in den alten Bundesländern angeboten wird, ist attraktiv, verlockend, aber bei den derzeitigen Gehältern finanziell unerschwinglich.
Q Was sind die Folgen? Verunsicherung. Und Resignation. In vielen Lehrerkollektiven machen sich Neid, Mißgunst und Egoismus breit, Das Gespenst des Personalabbaus geht ja um. Da gehen Freundschaften in die Brüche, und die Irritationen nehmen zu. Wenn man bedenkt, daß viele Lehrerkollektive vor und während der“Wende” eine Art*Notgemeinschaft” bildeten, wirkt diese Entwicklung besonders deprimierend. Im Raum Teltow bei Potsdam stellen selbst Leistungsklassen den Musikunterricht in Frage und verweigern sich. Einige Potsdamer Musiklehrerkollegen reduzieren seit geraumer Zeit ihren*Unterricht” auf das Abspielen von Musikkassetten, die die Schüler jeweils zur Stunde mitbringen. Auch vom Kreis Nauen wird das berichtet. Diese unerfreuliChen Tendenzen nehmen eher zu als ab. Sicher wird damit nicht d e r Musikunterricht im Land Brandenburg gekennzeichnet. Es steht außer Zweifel, daß ein Musiklehrer, der vor dem November 1989 den Mut hatte, sich*Freiräume” zu schaffen, heute relativ unbelastet arbeiten kann. Doch die Mehrheit unserer B&rufssparte, davon bin ich überzeugt, ist verunsichert und droht zu resignieren. Das läßt
nen nicht nur für Studenten und Beschäftigte dieser Hochschule enthalten. Beiträge wie"Vorsicht Falle! Schon den Nutzungsvertrag unterschrieben?” von Sven Braack,"AIDS— und Suchtprävention— neue Aufgabenfelder für jeden Lehrer” von Dr.Bittmann, *Das Ende der Einheitsschule. Für das Land Brandenburg die Gesamtschule” von Dr. Gentsch und die daraus entstandene Diskussion gingen durch die ganze Seminargruppe...
Ganz toll hat mir übrigens die Aufmachung der Ausgabe zum Jahreswechsel gefallen.
Einen dicken Pluspunkt auch dafür, daß diese Zeitung keine Werbung enthält.
und zur Arbeit des vds—Landesverbandes
sich auch an den“Erfolgen” unserer Verbandsarbeit messen.
Zur Arbeit des vds—Landesverbandes Brandenburg
Ich glaube, das Beste an unserem Landesverband ist im Augenblick der Vorstand. Hier ringen sieben engagierte Schulmusikerzieher, von denen fünf direkt an der musikpädagogischen Basis arbeiten, um eine Lösung der akuten Probleme. Einmal im Monat treffen wir uns und beraten Probleme inhaltlicher und organisatorischer Natur. So bereiten wir z.B. konkrete Fortbildungsangebote für das Frühjahr und den Sommer 1991 vor, bemühen wir uns um die Anerkennung als"gemeinnütziger eingetragener Verein”, halten Kontakt zu unserer Fachzeitschrift “Musik in der Schule”, haben als Verband gegen die drohende Auflösung der Musikschule Potsdam protestiert, stehen in Verbindung zum Brandenburgischen Landesmusikrat, beraten in zwei ArbeitsgruppenC'Lehrinhalte/Lehrmittel" und*Fortbildung”) und suchen die Nähe zu unseren Mitgliedern, die sich ja aus den ehemaligen Bezirken Frankfur/O, Cottbus und Potsdam rekrutieren. Aus diesem Grunde ist kurz vor dem Jahreswechsel eine Art"Weihnachtsbrief” des Landesverbandsvorsitzenden versandt worden und kurz darauf Fortbildungsbroschüren der IGMF und des amj, was unsere ausgesprochen schmale finanzielle Basis um ca. 160,— DM"erieichterte”...
Gegenwärtig zählt unser Landesverband 60 Mitglieder, doch diese Zahl stagniert. Als Ursachen dafür sehe ich die bereits beschriebenen VerunsiCherungen an, die vielfältige Lehreraktivitäten zu lähmen drohen.
Wenn man aber bedenkt, daß unser Partnerverband Nordrhein-Westfalen über 400 Mitglieder zählt, stehen wir noch am Anfang.
Oder schon am Ende?
Nicht zufrieden können wir uns damit geben, daß die Mehrheit unserer Mitglieder in und um Potsdam angesiedelt ist. Doch mehrere Presseveröffentlichungen(u.a. in der MAZ, BNN und in der DLZ) hatten nur eine sehr bescheidene Resonanz. Vielleicht bringt unsere Wortmeldung im Februarheft von"Musik in der Schule” Besserung?
Bislang vergeblich haben wir auch an die Tür des Brandenburgischen Bildungsministeriums geklopft. Unser Brief vom 26. November 1990 sei dort nicht angekommen bzw. verlorengegangen...
Erst der"Indianer— Ruf” vom 5. Januar 1991 hätte die Regierung erreicht. Jedenfalls bat man mich um Verständnis, täglich würde ca. ein meterhoher Poststapel eingehen, und die Personaldecke sei noch sehr dünn, und alle Mitarbeiter seien fast überfordert usw., usw. Sei es, wie es sei.(Man macht sich ja seine eigenen Gedanken ob dieser Schilderungen.) Ich will hoffen, daß die zur Abteilung II(Herr Hofmann) aufgetane Tür jenes Bildungsministeriums nicht wieder zuklappt. Meine Kollegen aus den anderen neuen Bundesländern, vor allem die aus Sachsen, Thüringen und Mecklenburg— Vorpommern, wissen wesentlich Erfreulicheres aus den einschlägigen Ministerien zu berichten.
Und noch etwas bereitet uns Sorgen: Bislang hat noch kein einziger Student zu unserem Verband gefunden. Dabei dürfte doch gerade die Brandenburgische Landeshochschule Potsdam als Hochburg der Musiklehrer— Ausbildung gelten!? Indianer hin— Indianer her. Unsere Ratsversammlungen halten wir weiter ab, auch die Trommeln (nicht die Kriegstrommeln!) werden fortan gerührt, bis sie gehört werden, denn das Rauchen der Friedenspfeife ist unsere liebste Zeremonie— zum Wohle der Musikerziehung in Brandenburgs sandigen Kiefernwäldern.(Diskussionsbeitrag vom 12.01.91)
Andreas Flämig Fachbereich Musik
Den Mitarbeitern dieser Zeitung wünsche ich für 1991 weiterhin gute Ideen, immer einen heißen Draht zu wichtigen Ereignissen, eine freie Arbeit und noch viel mehr mitdenkende Leser. Ich wünsche mir von der Zeitung vielleicht noch mehr Informationen über die gesamte Studienorganisation, aus den Fachbereichen mehr Anregungen für neue Studienmöglichkeiten(man liest auch so selten etwas von der Primarstufe) und insgesamt auch in der Nächsten Zeit eine so offene, unzensierte und abwechslungsreiche Zeitung, wie ich sie in den letzten Monaten erhielt,
Mit freundlichen Grüßen
Ines Hackbarth, MaU 11/90(Januar 1991)