Heft 
(1.1.2019) 08
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"REES

Geschichte

KolloquiumDeutscher Widerstand 1933- 1945"

Auf Initiative des Memorialmuseums deutscher Antifaschisten in Krasnogorsk und mit Unterstützung des Deutschen Auswärtigen Amtes wurde im Zentralen Museum der Streitkräfte der UdSSR in Mos­kau vom 1. bis 24.3.91 die Ausstellung*Deutscher Widerstand gezeigt. Dem deutschen Besucher fiel auf, daß dem nichtkommunistischen Widerstand viel größerer Raum als früher üblich gewidmet war. In diesem Rahmen fand vom 12. bis 14.3. ein Kollo­quium statt, bei dem die deutsche Seite vertreten war durch die Sowjetologin Prof. M. Mommsen(Bo­Chum), die Historiker Prof, H. Mommsen(Ruhruniver­sität Bochum), Prof. P. Steinbach(Uni Passau) und Prof, K. Finker(BLH Potsdam). Beteiligt war auch der ehemalige bundesdeutsche Botschafter in Moskau Dr. U. Sahm, der selbst dem Widerstand angehört hatte,

Referate und Diskussionsbeiträge zeichneten sich durch Offenheit und Vielfalt im methodischen Her­angehen, in der Problemsicht und in der Bewertung der historischen Vorgänge aus, Von den aufgewor­fenen Fragen seien hier nur einige genannt:

Die Bestimmung des Widerstandskampfes als*Klas­senkampf ist zu eng und versperrt den Zugang zu wichtigen Bereichen. Kampf für Humanismus, Men­schenrechte und- außerhalb Deutschlands- natio­nale Befreiung gehören zu seinen Wesenszügen. Die Kommunisten spielten Im Widerstand eine sehr bedeutende Rolle, die aber in der marxistischen Literatur vielfach überzogen dargestellt wurde. Der europäische Widerstand gegen den Faschis­mus förderte nachhaltig den Europagedanken, der jedoch in der Zeit des kalten Krieges verschüttet oder deformiert wurde,

Im Ergebnis des Widerstandskampfes entwickelten mehrere kommunistische und sozialistische Partei­en programmatische Vorstellungen von der Gestaltung eines demokratischen Sozialismus, die jedoch infolge der Stalinisierung und des kalten Krieges nicht zum Tragen kamen.

Die falsche Einschätzung des zweiten Weltkrieges 1939- 1941 als allseitig imperlalistischen Krieg durch die Komintern hemmte wesentlich den Wider­standskampf, so daß das imperialistische England und nicht die Sowjetunion Zentrum des internatio­nalen Widerstandes in dieser Zeit war.

Sowijetische Historiker sprachen die Auffassung aus, daß die Grausamkeit des Stalinismus gegenüber

den eigenen Menschen die Verbrechen des Hitle­rismus um ein Vielfaches übertraf, daß Stalin mehr Kommunisten umgebracht hat als Hitler, Mussolini, Franco und Salazar zusammen. Die These, daß die Terrorherrschaft Hitlers"milder gewesen sei als die Stalins, wurde begründet, fand aber auch Wider­spruch.

Offen wurde auch über das tragische Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen gesprochen, die nach ihrer Befreiung aus den faschistischen Lagern - in denen etwa 3 Mill. umgekommen sind- sofort in die Stalinschen Lager kamen und häufig dort noch jahrelang festgehalten und*überprüft wur­den, wie es zu ihrem*Verrat gekommen sel und ob sie nicht als*imperialistische Agenten zurück­gekehrt seien.

Grundlage war ein Befehl Stalins vom Juli 1941, in dem alle in deutsche Hand gefallenen Sowjetsol­daten als"Verräter bewertet wurden.

Die Moskauer Prozesse Ende der 30er Jahre und die Stalinschen*Säuberungen waren eine wesentli­che Ursache für das Nichtzustandekommen der Volksfront gegen den Faschismus.

Wir erlebten einmal mehr die traditionelle russische Gastfreundschaft, die nicht nur die Atmosphäre der Tage bestimmte, die auch Ausdruck fand in einer Exkursion in das Kloster Neues Jerusalem in Istra und im Besuch der Mussorgskij-Oper"Cho­wanschtschina im Bolschoi-Theater, Der deutsche Botschafter gab einen Empfang für alle Teilnehmer, Es blieb noch Zeit für einen Spaziergang über den Arabat, dessen Atmosphäre man als Mischung zwi­schen Hydepark und Montmartre bezeichnen könnte. Eine Begegnung mit der Moskauer Taxi­Maffia(30,-- DM für eine nächtliche Fahrt vom Zen­trum zum Hotel in einem Außenbezirk, dafür aber mit 6 Personen in einem für 5 zugelassenen Wagen) gehörte nicht zum Programm, ließ sich aber nicht vermeiden. Die gelungene Veranstaltung war mehr alls nur ein wissenschaftlicher Informations­und Meinungsaustausch. Abgesehen von dem persönlichen Kennen- und Verstehenlernen wurde sie allgemein als Auftakt für eine neue Phase in der Zusammenarbeit deutscher und sowjetischer Histo­riker eingeschätzt.

Prof. Kurt Finker FB Geschichte

BUCHTIP

W. Ruge: Stalinismus- Sackgasse im Labyrinth der Geschichte

136 Seiten, 18,80 DM

Wolfgang Ruge, ein durch seine zahlreichen wis­senschaftlichen Publikationen im In- und Ausland bekannter Historiker, der selbst 15 Jahre Arbeits­lager und Verbannung in der Sowjetunion erdulden mußte, behandelt die Wurzeln, Entstehungsphasen und Erscheinungsformen des stalinistischen Herr­schaftssystems. Er untersucht, wo schon lange vor Stalins Aufstieg zum Alleinherrscher Voraussetzun­gen für Willkür und Machtmißbrauch entstanden. Konkret verweist er auf bestimmte Auffassungen von Marx und Engels, auf spezifisch russische Züge und Traditionen des Bolschewismus, auf die Brutalitätsschule des Bürgerkrieges. Kritisch unter­sucht er insbesondere Lenins Parteiverständnis, sei­ne Vorstellungen vom Staatsaufbau und die Folgen seiner praktischen Politik. Auf dem Hintergrund ei­ner Fülle von Tatsachen berichtet er über den stalinistischen Terror, hebt aber gleichzeitig den welthistorisch bedeutsamen Beitrag hervor, den die stalinistische Sowjetunion zur Zerschlagung des Hitlerfaschismus leistete,

Interessenten: Historiker sowie allgemein historisch interessierte Leser, Politikwissenschaftler, Jour­nalisten

CHRONIK der Deutschen- Betrachtungen zu einem Buch

Herausgegeben von Bodo Harenberg. Chronik Verlag

Dortmund 1988, 2. Auflage, 1168 Seiten, 98,-- DM. Die mehr als tausend Jahre umfassende ge­meinsame Geschichte des deutschen Volkes hat sich als stärker erwiesen als die von äußeren und inneren Mächten versuchte gewaltsame Spaltung in zwei getrennte Staaten. Darum gewinnt das Stu­dium der Geschichte des eigenen Volkes neu.an Interesse und Bedeutung, damit das künftige Ge­deihen aus den Wurzeln der eigenen Geschichte gespeist werden kann.

Die 1168 Seiten umfassendeChronik der Deut­schen ist eine immense Schatzsammlung von Da­ten und Taten aus der Geschichte unseres Volkes, die den Bedürfnissen von Historikern, Geschichtsstu­denten, Lehrern, Schülern und allen Geschichtsin­teressenten gerecht werden kann und die stets neue Interessen weckt, sich der Schatzsuche in der Geschichte zuzuwenden. Diese Chronik ist weder mit altbekannten Datensammlungen noch mit her­kömmlichen Geschichtsbüchern zu vergleichen. Sie ist Datei, Bilderbuch, Geschichtsatias und Sammlung lebendiger Geschichtsschilderungen zugleich,

Sie enthält über 350 Kalenderspalten mit rund 4500 Einträgen und über 3000 parallelen Beiträgen zu Ereignissen, Problemen und Personen, über 2000 zumeist farbige Abbildungen, darunter 100 histori­sche Karten.

In der Darstellung folgt sie einem verblüffend einfa­Chen, aber sehr effektiven und in dieser Perfektion nur vom Chronik Verlag verwirklichten Konzept: In streng Chronologischer Folge werden kalendari­sche Übersichten, Abbildungen und lebendige Be­richte oder sachliche Darstellungen auf einer Dop­pelseite so dokumentiert und kommentiert, daß sie als Gesamtheit auf, en werden können, d.h. Zeittafeln, Abbildungen und Textbeiträge zu wesentlichen Ereignissen aus Politik, Wirtschaft, Kul­tur und Alltag werden In synchronoptischen Über­sichten so angeboten, daß sie ein kombiniertes Abbild der Geschichte ergeben und zugleich zum

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Nachdenken über Zusammenhänge zwischen An­forderungen, Bedingungen, Wirkungsfaktoren der Geschichte sowie über die Rolle des subjektiven Faktors historischer Persönlichkeiten anregen kön­nen. Die Darstellungen beginnen mit einer kurzen Einführung in die allgemeine Geschichte des Men­schen, insbesondere in die Erkenntnisse über die Geschichte der Völker auf dem europäischen Ter­ritorium.

Die erste Zeitliste und die ersten Abbildungen von Ausgrabungen und Sachzeugen berichten aus dem 8, Jahrhundert v. Ch,

Von hier ausgehend erfährt der Leser über Lebens­weise, Schicksale und Entwicklung der Völker in Europa, z.B. über Wanderungen der Völker, die Ausbreitung der indogermanischen Sprache, über frühe Handelswege bis hin zu den frühen Bezie­hungen der Germanen zu den Römern vom 3. Jahrhundert v, Ch. an.

Vom zweiten Kapitel ROM und GERMANIEN an dürfte das der Vorgeschichte des eigenen Volkes gewidmete Interesse jedes Lesers angesprochen werden. In den nächstfolgenden Kapiteln werden die historischen Reiche der Merowinger, der Karo­lingen, der Ottonen, der Salier und der Staufer Chronologisch und systematisch geordnet sowie überschaubar dargestellt, Es folgen die Darstellun­gen aller weiteren Abschnitte der Geschichte un­seres Volkes mit beeindruckender Auswahl illustrierender Erscheinungen in wesentlichen Zu­ordnungen bis In die jüngste Zeitgeschichte beider deutscher Staaten.

Die Chronik endet mit dem Jahr 1987, d.h. mit dem Freitod von Uwe Barschel und Rudolf Heß sowie dem Verzicht Willi Brandts auf den SPD-Vorsitz und der Volkszählung der BRD. Der Entwicklungsschub der Geschichte in der jüngsten Vergangenheit hat diese Ereignisse längst in den Schatten gestellt, und die Chronik sollte schnellstens überarbeitet und er­gänzt werden. Nicht nur in den neuen Bundeslän­dern besteht vielfältiger Bedarf nach einem Werk mit so vielfältigen und so interessant aufbereiteten

Informationen zur historisch- kulturellen Geworden­heit unseres Volkes, N

Im Zusammenhang mit einer solchen Überarbei­tung scheint es dem Rezensenten wert, unter dem anspruchsvollen Titel des Werkes und unter Be­achtung seiner Geschichtsbild prägenden Wir­kung, folgende Fragen neu zu prüfen: Widerspiegelt diese Chronik in genügendem Maße die internationalen Einflußfaktoren auf die Ge­schichte der Deutschen? Vollziehen sich geschichtsprägende Prozesse in den letzten zwei Jahrhunderten nicht zunehmend international ­auch die Spaltung Deutschlands und die Chance der Wiedervereinigung unseres Volkes? Verdient die Ausprägung eines Geschichtsverständnisses mit Ausblick auf die weitere Gestaltung der Ent­wicklung unseres Volkes in einem vereinigten Euro­pa und in globaler Mitverantwortung nicht eine stärkere Aufbereitung dieser Einflußfaktoren? Ge­nügen die Informationen über Ursachen, Triebkräf­te und Verlauf der Teilung Deutschlands und die Relation der Informationen über beide deutsche Staaten dem Informationsbedarf?

Die DDR ist heute nur noch ein Gegenstand der Geschichte, aber das sollte sie dann in der Ge­schichtsinformation auch sein, um die in Zukunft zu meisternden Prozesse verstehen zu können. Werden die Informationen über die Auslands­deutschen und über das Wirken Deutscher im Aus­land adäquat angeboten?

Sind die außerhalb der Politik liegenden Bereiche des Lebens des Volkes, z.B. des Freizeitverhaltens, des Sportes adäquat vertreten?

Es kann hier auf die spezifischen Chroniken des gleichen Verlages verwiesen und zugleich der Wunsch nach Überarbeitung gerade dieser Chro­nik geäußert werden, denn die"Chronik der Deut­schen ist eine Schatzkiste, auf die kein Geschichts­lehrer verzichten sollte, die er mit gutem Gewissen jedem Schüler empfehlen kann. Ihre Anschaffung kann in jeder Familie zur Bereicherung beitragen.

Prof. Dr. sc. S. Melchert, FB Sportwissensch.

Nr.08/91