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KOLLOQUIUM
Unterricht und kognitive Entwicklung
Für das 6. Potsdamer Kolloquium zur Lern- und Lehrforschung konnte als Referent einer der wohl prominentesten Vertreter der heutigen Entwicklungspsychologie in Deutschland gewonnen werden - Prof. Dr. Franz E. Weinert, der international bekannte Direktor des Münchner Max-Planck-Institutes für psychologische Forschung und Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft.
Er sprach über den „Einfluß des Unterrichts auf die kognitive Entwicklung im Grundschulalter: Ergebnisse einer Längsschnittstudie.“
Die Zusammenhänge zwischen Unterricht (oder allgemeiner: Erziehung) und Entwicklung werden in Psychologie, Pädagogik und anderen Wissenschaften seit langem und häufig kontrovers diskutiert. Die traditionelle Entwicklungspsychologie - als „Kind der Evolutionstheorie des 19. Jahrhunderts“ - konnte zur Lösung dieser Problematik wenig beitragen, da sie - wie Weinert ausführte - ihrer Grundhaltung nach weitgehend
- universalistisch (d. h. auf die Entwicklung des Gattungswesens Mensch - ohne Beachtung der interindividuellen Variabilität),
- generalistisch (d. h. auf Entwicklungsprozesse schlechthin - ohne Berücksichtigung unterschiedlicher Inhalte),
- strukturalistisch (d. h. auf Entwicklung als mehr oder weniger autonomer Prozeß, auf Entstehung und Veränderung entsprechender Strukturen)
und
- naturalistisch (d. h. auf die Beschreibung der „natürlichen“ Entwicklung)
orientiert war. Sie konnte der Pädagogik und der Pädagogischen Psychologie wenig darüber sagen, wie Lernen stattfindet und wie Lehren dem angepaßt werden sollte.
Die Frage nach individuellen Unterschieden, ihrer Entstehung, Stabilität und/oder Veränderbar- keit, nach Ursachen und Bedingungen, um die individuelle Unterschiedlichkeit zu fördern oder
ggf. auch einzudämmen, wurde - im Unterschied zur psychometrischen Tradition, die in der Entwicklungspsychologie keine große Rolle spielte - kaum gestellt. Die in der Entwicklungspsychologie üblichen Querschnittsstudien sind nicht geeignet, den Entwicklungsprozeß und seine Bedingungen differenzierter zu erfassen. Daher bedarf es Längsschnittstudien, die die gleichen Probanden über mehrere Jahre hinweg in ihrer Entwicklung begleiten. Hier ordnen sich die Münchner Längsschnittstudien ein: LOGIK (steht für „Longitudinalstudien zur Genese individueller Kompetenzen“) und SCHOLASTIK (= „Schulorganisierte Lemangebote und Sozialisation von Talenten, Interessen und Kompetenzen“).
Mit dem Eintritt in den Kindergarten wurden 200 Münchner Kinder in die LOGIK-Studie einbezogen und drei Mal pro Jahr sorgfältigen Untersuchungen im Kindergarten und im Institut unterzogen. Mit dem Übergang in die Schule wurden nicht nur diese Kinder, sondern auch ihre jeweiligen Klassenkameraden in gleicher Weise weiter untersucht (SCHOLASTIK-Studien mit über 1.200 Probanden in 54 Schulklassen). Die Untersuchung lief über 9 Jahre und soll mit einer Nachfolgeuntersuchung weitergeführt werden, wenn die Probanden 16 Jahre alt sind. Intelligenz, Motivation, Schulleistungen, naturwissenschaftliches Denken, soziale Kompetenz, Selbstkonzept u. a. Merkmale wurden über diesen Zeitraum erfaßt.
Wer Erfahrungen in empirischer Forschung, speziell im pädagogisch-psychologischen Bereich, hat, kann sich vorstellen, welche immense Leistung in der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung dieser Untersuchungen steckt und welche inhaltlichtheoretischen, forschungsmethodischen, organisatorischen u. a. Probleme zu bewältigen waren! Es liegen bereits zahlreiche Publikationen von F. E. Weinert und seinen Mitarbeitern darüber vor, im nächsten Jahr ist eine zusammenfassende Buchpublikation (in
Englisch bei Erlbaum) und im Jahr darauf eine oder zwei weitere (in Deutsch) zu erwarten.
Der Referent konfrontierte die Teilnehmer dann mit einigen ausgewählten Ergebnissen. So konnte u. a. festgestellt werden, daß im Verlauf der Grundschulzeit der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulleistung in Mathematik (Arithmetik und Lösen von Sachaufgaben) allmählich schwächer, die Bedeutung der Vorkenntnisse jedoch deutlich stärker wurde, d. h. von der Qualität der entsprechenden schulischen Kenntnisse und Leistungen im 1. und 2. Schuljahr hing der spätere Schulerfolg auf diesem Gebiet (z. B. in der 4. Klasse) mehr ab als vom jeweiligen Intelligenzniveau.
9-12 Unterrichtshospitationen im Jahr ermöglichten eine relativ differenzierte Bezugsetzung zwischen Aspekten der kognitiven Entwicklung und der Unterrichtsqualität. Für die Förderung der kognitiven Entwicklung der Schüler erwiesen sich die Klassenführung (Management, Nutzung der Unterrichtszeit), die Lehrstofforientierung und die Klarheit des Unterrichts als besonders wirksam, während für die relative Egalisierung der Unterschiede zwischen den Schülern die Langsamkeitstoleranz, die diagnostische Sensibilität (beide mit negativer Korrelation), die af
fektive Beziehung u. a. bedeutsam waren. Dabei wurde aber deutlich, daß die Qualitätsfaktoren des Unterrichts nicht „an sich“, sondern über die jeweilige Klassensituation wirksam werden, daß z. B. die Klarheit des Unterrichts und die Nutzung der Unterrichtszeit vom Vorkenntnisniveau und der Vorkenntnisstreuung in der Klasse, von den Lerneinstellungen der Schüler, der Klassengröße u. a. abhängen. Hier zeigt sich eine kommulative Wirkung solcher Faktoren. Als wichtige Komponenten der Expertise von Lehrern erwiesen sich Sachkompetenz, diagnostische Kompetenz, didaktische Kompetenz und Klassenführung (siehe Abbildung).
Der außerordentlich informative und interessante Vortrag regte eine lebhafte Diskussion an, in der es u. a. um die Beziehungen zwischen Entwicklungspsychologie und Didaktik, Unterricht, Schule ging. Die mehr oder weniger globale Kennzeichnung von Entwicklungsstufen und -typen bietet für einen Pädagogen zweifellos eine wichtige Orientierung, reicht aber nicht aus, wenn nicht die interindividuelle Variabilität der Entwicklung deutlich gemacht wird, wozu die Entwicklungspsychologie zunehmend mehr und differenziertere Erkenntnisse einbringen kann. Die günstigste Relation zwischen die-
Einfluß von Merkmalen der Lehrerexpertise und des Klassen- kontexts auf die Nachtestleistung (Kausalmodell auf Klassenebene)