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(1.1.2019) 04
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WISSENSCHAFTLICHES DENKEN AUCH BEI KINDERN

Zum elften Kolloquium des interdisziplinären Zentrums für Lern- und Lehrforschung

Elf interdisziplinäre Zentren existieren derzeit an der Universität Potsdam. Sie sind nach und nach als zentrale wissenschaftliche Institutionen eingerichtet worden, um dem Desiderat nach organisierter Interdisziplinarität Rechnung zu tragen. Diesem Anliegen entsprach auch die am 27. Oktober 1993 erfolgte Gründung des interdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung. In der Zeit seines Bestehens leisteten dessen Vorstand und die Mitglieder eine intensive Forschungstätigkeit, zu der nicht zuletzt kulturvoller Streit, produktive Auseinandersetzung gehörten. Dem dienten beispiels­weise auch die kontinuierlich durchgeführten Kolloquia. Nachdem das elfte dieser Art vor einiger Zeit stattfand, interessierte sich PUTZ für den Stand der Arbeit. Aus diesem Anlaß unterhielt sich Petra Görlich mit Prof. Dr. Joachim Lompscher, Direktor des In­terdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung, sowie Dr. Eberhard Schröder, Gastreferent des elften Kolloquiums und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Potsdam.

PUTZ: Seit nunmehr anderthalb Jahren ar­beitet das Zentrum. Wie würden Sie das bisher Geleistete einordnen?

Lompscher: Die Arbeit des Zentrums ins­gesamt spielt sich in unterschiedlichen For­men ab. Zum einen betrachten wir als einen feil unserer Forschungstätigkeit die regel­mäßig stattfindenden Kolloquia. An ihnen nehmen unsere Mitglieder, Hochschulleh­rer und wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni aus unterschiedlichen Instituten und Fakultäten, teil. Diese Breite wiederum bie­tet die Grundlage für die Bearbeitung einer Vielzahl unterschiedlicher Themen. Zum anderen sind wir dabei, die Interdiszipli­narität in der Forschungskooperation zu för­dern. Zu diesem Zweck befinden sich meh­rere Forschungsprojekte in der Entwick­lung. Sogenannte Werkstattgespräche be­gleiten die Erarbeitung der Projektanträge bis zur Einreichung.

PUTZ: Das elfte Kolloquium widmete sich dem Thema:Entwicklung des wissen­schaftlichen Denkens bei Kindern und Ju­gendlichen, Ausgangsbasis dafür bildete eine empirische Untersuchung zu ökologi­schen Problemen in Wäldern. Welchen Zie­len diente diese Studie?

Schröder: Zwei Gesichtspunkte spielten dabei aus unserer Sicht insbesondere eine Rolle: die Hypothesenbildung und die Hy­pothesenprüfung. Beides sollte bei den 9- 22jähngen Probanden beobachtet werden. Das gewählte Thema erschien uns dafür als sehr geeignet. Es gab z. B. nur wenige Pro-

Gastreferent während des elften Kolloquiums des Interdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung war Dr. Eberhard Schröder aus dem Institut für Psychologie der Universität Pots­dam. Sein Thema: Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens bei Kindern und Jugendlichen". Foto: ffibukeit

bleme mit den Begrifflichkelten. Verfolgt haben wir den Weg bis zum Finden einer Lösung. Dazu gehörten das Aufstellen, Prü­fen, Verwerfen von Hypothesen.

PUTZ: Zu welchen Erkenntnissen sind Sie aufgrund Ihrer Analysen gekommen? Schröder: Zunächst war es interessant zu sehen, daß auch Kinder mit derartigen vor­gegebenen Begriffen umgehen. Das wis­senschaftliche Denken ist nicht allein den Erwachsenen Vorbehalten. Es gibt jedoch Unterschiede, z. B. den Aspekt des Prüfens betreffend. Die Art der Exploration eines Problems verläuft in etwa vergleichbar, wenn auch bei den Kindern nicht ganz so sicher. Ansonsten existieren offensichtlich

Prof. Dr. Joachim Lompscher ist Direktor des In­terdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehr­forschung an der Universität Potsdam.

Foto: Rüffert

sehr unterschiedliche Formen des Um­gangs mit Strategien. Sie scheinen sich wohl auch qualitativ unterscheiden zu las­sen in die Phasen Kindheit, Jugend- und Erwachsenenalter. Eine sehr ausgereifte Form des wissenschaftlichen Denkens zeichnet sich durch ein ständiges Hin und Her zwischen Problemstellung und der Art und Weise des Nachprüfens sowie der Rückbindung an sie aus. Bei Kindern wird dieser Kreisprozeß früher abgebrochen, D. h., Belege, die sie heranziehen, bilden sie auf einer etwas vordergründigen Ebene. Diese scheinen auch nicht zurückzuwirken. PUTZ: Wie finden derartige Erkenntnisse in der Lern- und Lehrforschung nun ihre An­wendung?

Lompscher: Zum einen möchte ich den entwicklungspsychologischen Aspekt er­wähnen. Hier interessieren, wie bestimmte Qualitäten, Niveaustufen, Merkmale usw. (in dem Fall des Denkens) in Erscheinung

treten und sich im Verlaufe der Ontogene­se (Entwicklung des Individuums von der Keimzelle bis zum Tod - Anm. d. Red.) ver­ändern. Auch international widmet man sich zunehmend diesem Thema. Schon vor Jahrzehnten hat es entsprechende auf­schlußreiche Untersuchungen in der sowje­tischen Psychologie im Rahmen der kultur­historischen Schule gegeben. Gezeigt wur­de - damals in Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Piaget über das Denken bei Vorschulkindern -, daß unter bestimmten Bedingungen Vorschulkinder ganz andere Erscheinungsweisen, Leistungen im Hin­blick auf Denken aufweisen, als man das nach den vorherrschenden Meinungen er­warten konnte. In die gleiche Richtung ge­hen im übrigen Analysen des Max-Planck- Instituts für Psychologische Forschung in München. Hinzu kommt der didaktische Aspekt. Er äußert sich in der Frage: Welche Bedingungen kann man im Unterricht schaffen, um die Entwicklung des Denkens zu fördern? Dazu bietet die Lern- und Lehrforschung zahlreiche Ansatzpunkte. Gerade jetzt sind wir dabei, mit mehreren Kollegen ein Projekt zu schaffen, in dem es um die Entwicklung wissenschaftlichen Denkens in der Sekundarstufe II geht und das die Entfaltung der Studierfähigkeit der Schüler als wesentlichen Gesichtspunkt beinhaltet. Zum anderen beschäftigen wir uns gegenwärtig auch mit Begriffsbildun­gen in der Grundschule. Andere Aspekte wären sicher zu erwähnen, sollen hier aber vernachlässigt werden.

PUTZ: An welchen Schwerpunktsetzungen wollen Sie sich künftig orientieren? Lompscher: In einem Werkstattgespräch haben wir uns beispielsweise mit Proble­men und Erfahrungen der Curriculum­entwicklung auseinandergesetzt. Das ist ein Problem, vor dem alle Fachdidaktiker ste­hen - ganz unabhängig vom Fach oder der Klassenstufe. Anlaß hierfür war ein vor eini­ger Zeit gehaltener, hochinteressanter Vor­trag Prof. Wolfgang Edelsteins über die Entwicklung eines Curriculums, das sich über faktisch den ganzen Schulzeitraum erstreckte. Insgesamt stellen wr uns einem Rahmenthema: Wechselbeziehungen von Aneignungsweisen und Lehrstrategien. Es betrifft die Unterschiedlichkeit der bei Ler­nenden ablaufenden Prozesse und die Un­terschiedlichkeit, in der diese Lernprozes­se durch Lehrende im Unterricht organi­siert, angeregt wird. Dabei ist es unser An­liegen, dazu beizutragen, durch die Analy­se der Prozesse und der Bedingungen, die ihnen zugrunde liegen, zu einer größeren Kompatibilität zu kommen. Das braucht sei­ne Zeit. Mehrere entsprechende Projekte befinden sich in Arbeit. Ich hoffe, daß wir uns diesem Fernziel peu ä peu nähern können. PUTZ: Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

PUTZ 4/95

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