WISSENSCHAFTLICHES DENKEN AUCH BEI KINDERN
Zum elften Kolloquium des interdisziplinären Zentrums für Lern- und Lehrforschung
Elf interdisziplinäre Zentren existieren derzeit an der Universität Potsdam. Sie sind nach und nach als zentrale wissenschaftliche Institutionen eingerichtet worden, um dem Desiderat nach organisierter Interdisziplinarität Rechnung zu tragen. Diesem Anliegen entsprach auch die am 27. Oktober 1993 erfolgte Gründung des interdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung. In der Zeit seines Bestehens leisteten dessen Vorstand und die Mitglieder eine intensive Forschungstätigkeit, zu der nicht zuletzt kulturvoller Streit, produktive Auseinandersetzung gehörten. Dem dienten beispielsweise auch die kontinuierlich durchgeführten Kolloquia. Nachdem das elfte dieser Art vor einiger Zeit stattfand, interessierte sich PUTZ für den Stand der Arbeit. Aus diesem Anlaß unterhielt sich Petra Görlich mit Prof. Dr. Joachim Lompscher, Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung, sowie Dr. Eberhard Schröder, Gastreferent des elften Kolloquiums und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Potsdam.
PUTZ: Seit nunmehr anderthalb Jahren arbeitet das Zentrum. Wie würden Sie das bisher Geleistete einordnen?
Lompscher: Die Arbeit des Zentrums insgesamt spielt sich in unterschiedlichen Formen ab. Zum einen betrachten wir als einen “feil unserer Forschungstätigkeit die regelmäßig stattfindenden Kolloquia. An ihnen nehmen unsere Mitglieder, Hochschullehrer und wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni aus unterschiedlichen Instituten und Fakultäten, teil. Diese Breite wiederum bietet die Grundlage für die Bearbeitung einer Vielzahl unterschiedlicher Themen. Zum anderen sind wir dabei, die Interdisziplinarität in der Forschungskooperation zu fördern. Zu diesem Zweck befinden sich mehrere Forschungsprojekte in der Entwicklung. Sogenannte Werkstattgespräche begleiten die Erarbeitung der Projektanträge bis zur Einreichung.
PUTZ: Das elfte Kolloquium widmete sich dem Thema: „Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens bei Kindern und Jugendlichen“, Ausgangsbasis dafür bildete eine empirische Untersuchung zu ökologischen Problemen in Wäldern. Welchen Zielen diente diese Studie?
Schröder: Zwei Gesichtspunkte spielten dabei aus unserer Sicht insbesondere eine Rolle: die Hypothesenbildung und die Hypothesenprüfung. Beides sollte bei den 9- 22jähngen Probanden beobachtet werden. Das gewählte Thema erschien uns dafür als sehr geeignet. Es gab z. B. nur wenige Pro-
Gastreferent während des elften Kolloquiums des Interdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung war Dr. Eberhard Schröder aus dem Institut für Psychologie der Universität Potsdam. Sein Thema: „Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens bei Kindern und Jugendlichen". Foto: ffibukeit
bleme mit den Begrifflichkelten. Verfolgt haben wir den Weg bis zum Finden einer Lösung. Dazu gehörten das Aufstellen, Prüfen, Verwerfen von Hypothesen.
PUTZ: Zu welchen Erkenntnissen sind Sie aufgrund Ihrer Analysen gekommen? Schröder: Zunächst war es interessant zu sehen, daß auch Kinder mit derartigen vorgegebenen Begriffen umgehen. Das wissenschaftliche Denken ist nicht allein den Erwachsenen Vorbehalten. Es gibt jedoch Unterschiede, z. B. den Aspekt des Prüfens betreffend. Die Art der Exploration eines Problems verläuft in etwa vergleichbar, wenn auch bei den Kindern nicht ganz so sicher. Ansonsten existieren offensichtlich
Prof. Dr. Joachim Lompscher ist Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung an der Universität Potsdam.
Foto: Rüffert
sehr unterschiedliche Formen des Umgangs mit Strategien. Sie scheinen sich wohl auch qualitativ unterscheiden zu lassen in die Phasen Kindheit, Jugend- und Erwachsenenalter. Eine sehr ausgereifte Form des wissenschaftlichen Denkens zeichnet sich durch ein ständiges Hin und Her zwischen Problemstellung und der Art und Weise des Nachprüfens sowie der Rückbindung an sie aus. Bei Kindern wird dieser Kreisprozeß früher abgebrochen, D. h., Belege, die sie heranziehen, bilden sie auf einer etwas vordergründigen Ebene. Diese scheinen auch nicht zurückzuwirken. PUTZ: Wie finden derartige Erkenntnisse in der Lern- und Lehrforschung nun ihre Anwendung?
Lompscher: Zum einen möchte ich den entwicklungspsychologischen Aspekt erwähnen. Hier interessieren, wie bestimmte Qualitäten, Niveaustufen, Merkmale usw. (in dem Fall des Denkens) in Erscheinung
treten und sich im Verlaufe der Ontogenese (Entwicklung des Individuums von der Keimzelle bis zum Tod - Anm. d. Red.) verändern. Auch international widmet man sich zunehmend diesem Thema. Schon vor Jahrzehnten hat es entsprechende aufschlußreiche Untersuchungen in der sowjetischen Psychologie im Rahmen der kulturhistorischen Schule gegeben. Gezeigt wurde - damals in Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Piaget über das Denken bei Vorschulkindern -, daß unter bestimmten Bedingungen Vorschulkinder ganz andere Erscheinungsweisen, Leistungen im Hinblick auf Denken aufweisen, als man das nach den vorherrschenden Meinungen erwarten konnte. In die gleiche Richtung gehen im übrigen Analysen des Max-Planck- Instituts für Psychologische Forschung in München. Hinzu kommt der didaktische Aspekt. Er äußert sich in der Frage: Welche Bedingungen kann man im Unterricht schaffen, um die Entwicklung des Denkens zu fördern? Dazu bietet die Lern- und Lehrforschung zahlreiche Ansatzpunkte. Gerade jetzt sind wir dabei, mit mehreren Kollegen ein Projekt zu schaffen, in dem es um die Entwicklung wissenschaftlichen Denkens in der Sekundarstufe II geht und das die Entfaltung der Studierfähigkeit der Schüler als wesentlichen Gesichtspunkt beinhaltet. Zum anderen beschäftigen wir uns gegenwärtig auch mit Begriffsbildungen in der Grundschule. Andere Aspekte wären sicher zu erwähnen, sollen hier aber vernachlässigt werden.
PUTZ: An welchen Schwerpunktsetzungen wollen Sie sich künftig orientieren? Lompscher: In einem Werkstattgespräch haben wir uns beispielsweise mit Problemen und Erfahrungen der Curriculumentwicklung auseinandergesetzt. Das ist ein Problem, vor dem alle Fachdidaktiker stehen - ganz unabhängig vom Fach oder der Klassenstufe. Anlaß hierfür war ein vor einiger Zeit gehaltener, hochinteressanter Vortrag Prof. Wolfgang Edelsteins über die Entwicklung eines Curriculums, das sich über faktisch den ganzen Schulzeitraum erstreckte. Insgesamt stellen wr uns einem Rahmenthema: Wechselbeziehungen von Aneignungsweisen und Lehrstrategien“. Es betrifft die Unterschiedlichkeit der bei Lernenden ablaufenden Prozesse und die Unterschiedlichkeit, in der diese Lernprozesse durch Lehrende im Unterricht organisiert, angeregt wird. Dabei ist es unser Anliegen, dazu beizutragen, durch die Analyse der Prozesse und der Bedingungen, die ihnen zugrunde liegen, zu einer größeren Kompatibilität zu kommen. Das braucht seine Zeit. Mehrere entsprechende Projekte befinden sich in Arbeit. Ich hoffe, daß wir uns diesem Fernziel peu ä peu nähern können. PUTZ: Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.
PUTZ 4/95
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