DAS SCHIFF „LER" IST NOCH NICHT IM HEIMATHAFEN
Uni beteiligt sich forschungsbegleitend am Projekt Lebensgestaltung - Ethik - Religionen
Wie weiter? So lautet die Frage in Sachen Lebensgestaltung - Ethik - Religionen (LER). Noch ist nichts entschieden. Zur Zeit werten die Verantwortlichen den bundesweit einmaligen, nicht unumstrittenen Brandenburger Schulmodellversuch LER aus. Die Erprobung begann 1992 unter Beteiligung von ca. 7000 Schülerinnen und Schülern der 7. bis 10. Klassen an 44 Schulen der Sekundarstufe I. Berichte darüber liegen jetzt von den Beteiligten an der wissenschaftlichen Begleitung, der betreuenden Projektgruppe sowie von der evangelischen Kirche vor.
Den Stand der Dinge stellte kürzlich die Ministerin für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, Angelika Peter, so dar: „Das Schuljahr 1995/96 ist ein Jahr der Auswertung und des Übergangs. Eine endgültige Entscheidung über die Einführung eines Lernbereiches oder des Faches ist noch nicht getroffen.“ Bis zum Beginn des Schuljahres 1996/97 soll die Zukunft von LER im neuen Landesschulgesetz geregelt sein. Der ursprünglich für drei Jahre vorgesehene Schulversuch wird um ein weiteres verlängert.
Befragt nach den gegenwärtigen Möglichkeiten der Beteiligung der Uni Potsdam an diesem Unterfangen, antwortet deren Rektor: Wir können uns nicht in den Ausgang des Modellprojektes einmischen, aber im Rahmen der Forschung halte ich entsprechende Überlegungen, LER betreffend, für gut und vernünftig.“ Ab 1996 seien ein Aufbaustudium bzw. Weiterbildungsmaßnahmen mit dem Ziel des Ablegens einer Lehrbefähigung für ein Fach »LER“ an der Potsdamer Hochschule denkbar, man fange jedoch nicht bei Null an.
Zu den forschungsbegleitenden Aktivitäten gehört auch die Konstituierung eines interdisziplinären Arbeitskreises zur inhaltlichen Weiterarbeit an der Entwicklung des Faches, der Fachdidaktik und der Lehrerbildung für LER Anfang Mai 1995. Das Interdisziplinäre Zentrum für Pädagogische Forschung und Lehrerbildung, insbesondere deren Arbeitsstelle für Professionsstudien und Qualifikationsforschung, die
PUTZ 6/95
Projektgruppe für LER am Pädagogischen Landesinstitut Brandenburg, der Gesellschaftliche Beirat für LER sowie das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport arbeiten dabei intensiv zusammen. Im Ergebnis dieser ersten Beratung wurden wichtige Entwicklungsaufgaben benannt. So gehe es um die wissenschaftliche Begründung des Faches LER und damit im Zusammenhang stehend um die Konkretisierung von Aufgaben, Gegenstand und Grundkonzept sowie um das Verhältnis zu anderen Fächern. Weiter will man sich der Entwicklung von Rahmenrichtlinien und der Mitwir
kung bei der Entwicklung von Rahmenplänen für einzelne Schulstufen und Bildungsgänge, aber auch von rahmenbegleitenden Materialien widmen. Ebenso gehe es um die Ausarbeitung einer entsprechenden Didaktik unter Berücksichtigung der verschiedenen Schulstufen und Bildungsgän
ge bei Nutzung der bisherigen Erfahrungen mit dem Fach. Ein wesentliches Element bei den Überlegungen der Wissenschaftler und Praktiker spiele die Lehrerbildung. „Ausgehend von den zu entwickelnden Kompetenzen müssen Anforderungen sowohl an Inhalte als auch an die Struktur der Fort- und Weiterbildung und die Ausbildung bestimmt werden“, erläutert die Leiterin der Arbeitsstelle für Professionsstudien und Qualifikationsforschung, Dr. Regine Keil. Das sei letztlich die entscheidende Voraussetzung dafür, daß das interdisziplinäre Anliegen von LER in vollem Umfang umgesetzt werden könne, um den Schülern damit wirkliche Lebenshilfe zuteil werden zu lassen. Die Uni hätte die Chance, auf diese Weise an der Veränderung der Wissenschafts- und Schullandschaft mitzuwirken. Auch Studierende beteiligen sich, so beispielsweise Andre Falk, der „große Lust darauf hat, sich aus studentischer Sicht sowohl in die universitäre Arbeitsgruppe einzubringen, als auch die Diskussionsangebote zur Veranstaltung werden zu lassen“. Dafür sucht er Mitstreiter. Der Religionswissen- schaftler Prof. Dr. Karl E. Grö- zinger von der Potsdamer Alma mater ist seit Sommer 1994 Mitglied des vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport berufenen Gesellschaftlichen Beirates für LER. Er plädiert für einen interdisziplinär und integrativ gebildeten Pädagogen und damit für einen interdisziplinären Studiengang. Diese Empfehlung gab auch der Gesellschaftliche Beirat. Die gegenwärtige Diskussion aufgreifend, merkt der Wissenschaftler an: „Eine richtige Idee muß noch nicht durch seine unvollkommene Realisierung zum Scheitern verurteilt sein, wenn man weiß, wo die Gründe dafür liegen“. Wesentliche Ursachen für die Kritik sieht er in der objektiv bedingten ungenügenden inhaltlichen Vorbereitung der Lehrer. Das müsse man allerdings von der Gesamtbewertung LER trennen. Seiner Auffassung nach brauche der Schüler „den Kenner und Freund verschiedener Konfessionen, ungeachtet dessen, was er selbst bekennt“. B.E.
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Die Anker sind noch an Land, die Vorbereitungen für die große Fahrt des Schiffes LER in vollem Gange. Route und Hafen müssen allerdings noch bestimmt werden. Foto: Eckardt
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