Heft 
(1.1.2019) 02
Einzelbild herunterladen

WISSENSCHAFT AKTUELL

AUSGEBRANNT UND VERBRAUCHT?

Untersuchung zur psychischen Gesundheit von Brandenburger Lehrerinnen und Lehrern

Seit nunmehr zwei Jahren befassen sich Mitarbeiter der Abteilung Persönlichkeits­und Differentielle Psychologie im Institut für Psychologie der Universität Potsdam mit Untersuchungen zur psychischen Ge­sundheit in Berufen mit erhöhten psycho­sozialen Anforderungen. Sie verfolgen mit diesen Untersuchungen vor allem das Ziel, Unterschiede im Belastungserleben und in der Belastungsbewältigung zu diagno­stizieren, die in Frage kommenden Bedin­gungen aufzuklären und damit Grund­lagen für eine differenzierte, den Vorgefun­denen Unterschieden Rechnung tragende Gesundheitsförderung zu schaffen. Am weitesten sind diese Untersuchungen bis­her in der Berufsgruppe der Lehrerinnen und Lehrer gediehen. So konnten im Land Brandenburg 948 Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Schulformen einbezogen werden. Vergleichsstichproben wurden und werden in einigen alten Bundeslän­dern sowie in Österreich gewonnen.

Bereits die Reaktionen auf erste Ergebnisse, die eigentlich nur intern zur Information der Untersuchungsteilnehmer vorgestellt wor­den waren, dann aber doch rasch publik wurden, ließen ein enormes öffentliches In­teresse deutlich werden. Die Berliner und Brandenburger Zeitungen wurden in den letzten Wochen des vergangenen Jahres nicht müde, unter Bezug auf die Potsdamer Untersuchungen in teils spektakulärer Wei­se über den psychischen Zustand der Bran­denburger Lehrerschaft zu berichten. Mel­dungen wieLehrer stöhnen: Wir sind mit den Nerven am Ende" (Titelseite des Berli­ner Kuriervom27.11.96),Nur 15Prozentder Lehrer in Brandenburg psychisch völlig ge­sund" (Welt am Sonntag vom 1.12.96) oder Zwei Drittel der Lehrer sind übermäßig ge­streßt (Berliner Zeitung vom 26,11.96) be­rührten nicht nur die Betroffenen selbst, son­dern ließen auch die Schulbehörden und Gewerkschaften, die Eltern und Schüler auf­horchen. Nicht immer stellten sich dabei die von den Forschern beabsichtigten Wirkun­gen ein. Beispielsweise wandten sich in der Folge Elternvertreter mit der besorgten An­frage an sie, ob man solcherart geschädig­ten Lehrern eigentlich noch seine Kinder anvertrauen könne?

Nun, was sagen die Ergebnisse wirklich? Für die Lehrerinnen und Lehrer lassen sich, wie für andere Berufspopulationen auch, deutliche Differenzierungen in der psychi­schen Gesundheit auffinden. Es ist auch in der Lehrerschaft das gesamte Spektrum psychischer Gesundheit vertreten. Aller­dings machen die vorliegenden Resultate deutlich, daß der Anteil derjenigen, für die

Gesundheitsrisiken zu konstatieren sind, im Vergleich zu anderen Berufspopulationen und auch zu Lehrerpopulationen aus einem anderen gesellschaftlichen Umfeld überpro­portional hoch ist. Etwa 70 % der Branden­burger Lehrerinnen und Lehrer ließen in der Selbsteinschätzung berufespezifischer und über den Beruf hinausgehender Verhaltens­und Erlebensmerkmale deutliche Beein­trächtigungen erkennen. Das bedeutet nun nicht, daß dieser Personenkreis insgesamt als psychisch krank zu bezeichnen wäre, wie das so mancher Bericht in den Medien nahelegte. Wohl aber bedeutet es, daß bei 70 % der Lehrerinnen und Lehrer mehr oder weniger ausgeprägte, in jedem Falle aber ernst zu nehmende Tendenzen einer ge­sundheitlichen Gefährdung bestehen.

Ein wesentliches Ergebnis der Untersuchun­gen besteht darin, daß das globale Phäno­menLehrerstreß untersetzt wird. Flinter den Klagen über Belastung, Erschöpfung, Nervosität u.ä. verbirgt sich sehr Unter­schiedliches, was auch unterschiedliche Herangehensweisen an die Gesundheitser­haltung und Gesundheitsförderung nach sich ziehen muß. So konnten die Wissen­schaftler zwei TVpen von Gesundheitsrisiken auffinden. Die ihnen zuzuordnenden Perso­nen geben gleichermaßen starkes Bela­stungserleben im Berufsalltag sowie ein deutlich erhöhtes Niveau allgemeiner psy­chischer Beschwerden und körperlich-funk­tioneller Beeinträchtigungen an. Hinter dem gleichen Belastungsgrad stehenjedoch sehr unterschiedliche Qualitäten von Verhaltens­und Erlebensbesonderheiten:

Der erste der beiden Risikotypen ist vor al­lem durch eine resignativ-leidende Haltung den Berufsanforderungen, aber auch den generellen Lebensanforderungen gegen­über gekennzeichnet. Vermindertes berufli­ches Engagement ist die Folge, was Außen­stehende nicht selten als Schonungstendenz interpretieren. Dabei ist das reduzierte En­gagement aber keineswegs mit der Fähig­keit zum Abschalteri und Erholen verbun­den. Schulische Probleme - und hier stehen Schwierigkeiten mit undisziplinierten Schü­lern sowie zu großen Klassen ganz oben -, gehen ihnen me aus dem Kopf, schlagen sich auch in Schlafstörungen, Alpträumen und dergleichen nieder. In diesen Kontext ist das sogenannte Burnout-Syndrom einzuord­nen, d.h. das Erleben von Enttäuschung und Erschöpfung nach vorangegangenem (ver­geblichem) Bemühen. Hierzu gehören die direkten Folgen von Überforderung auf­grund von Defiziten in den pädagogischen und fachlichen Fähigkeiten. So schätzen die Personen dieses Risikotyps ihre durch Aus- und Fortbildung erworbenen Kompetenzen

deutlich geringer ein als alle anderen. Sie geben auch häufiger an, den Lehrerberuf eigentlich nicht gewollt und nur aus Verle­genheit gewählt zu haben. Es liegt auf der Hand, daß Schlußfolgerungen für präventi­ve Maßnahmen in diesem Falle bis in die Berufeorientierung und die Gestaltung der Studienanforderungen reichen müssen.

Der zweite Risikotyp zeigt dagegen kein eingeschränktes, sondern ein überhöhtes Engagement. Es liegt eine deutliche Ten­denz zur Selbstüberforderung vor. Noch stärker als das für den erstgenannten Typ gilt, besteht Distanzierungsunfähigkeit ge­genüber dem Schulalltag. Auch hier gehört zum Bild die eingeschränkte Lebens­zufriedenheit. Das Charakteristische dieses zweiten Typs: exzessive Anstrengung»-, und Verausgabungsbereitschaft führt nicht zu den angestrebten Ergebnissen, findet also keine emotional befriedigende Entspre­chung über das Erleben von Erfolg und Anerkennung. Gesundheitsförderung muß hier u.a. auf die ausgewogene Proportio­nierung von beruflicher Anspannung und Erholung gerichtet sein.

Prinzipiell - so die Meinung der Potsdamer Forscher - legen beide Typen unterschied­liche Schlußfolgerungen für präventive Maß­nahmen nahe. Dabei plädieren sie dafür, diese Maßnahmen sowohl an den Verhältnis­sen als auch am Verhalten, d.h. sowohl an den schulischen Arbeitebedingungen als auch an der individuellen Art und Weise der Auseinandersetzung mit diesen Bedingun­gen, anzusetzen.

Der erstgenannte Risikotyp war bei etwa 30 % der Lehrer festzustellen. Einen ähnli­chen prozentualen Anteil fanden die Wissen­schaftler auch in den bisher untersuchten Lehrerpopulationen aus anderen Regionen. Es dürfte hier also kein für Brandenburg, sondern für den Lehrerberuf spezifisches Problem vorliegen. Anders sieht es in bezug auf den zweiten Risikotyp aus. Er trat bei 40 % der brandenburgischen Population auf und liegt damit doppelt bis vierfach so hoch wie in den anderen Lehrerpopulationen. Die Ursachen können dabei nicht allein in der Berufssozialisation unter den Bedingungen des DDR-Volksbildungswesens zu suchen sein, denn auch für die jüngeren Lehrerinnen und Lehrer, die erst Anfang der 90er Jahre in ihren Beruf eingetreten sind, gelten die glei­chen Relationen. Es liegt daher nahe, so die Potsdamer Psychologen, dieses Verhaltens­und Erlebensmuster vorrangig als eine Re­aktion auf die für die Lehrerschaft in vieler­lei Hinsicht kritische, die individuellen Res­sourcen extrem beanspruchende Anforde­rungssituation der Nachwendejahre zu ver­stehen. Uwe Schaarschmidt

PUTZ 2/97

Seite 17