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PUTZ 9/99
Leserbrief:
Zehn Jahre danach...
In der Nummer 7/99 der Universitätszeitung veröffentlichten wir unter dem Titelthema„Zehn Jahre danach...“ eine Reihe von Beiträgen zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls. Als Reaktion darauf sandte uns Joachim Briesemann folgenden Leserbrief.
„In der Bibliothek am Platz der Einheit liegt Ihre Zeitung aus, und ich nehme mir gelegentlich ein Exemplar zum Lesen mit. In der Ausgabe 7/99
Jas ich zwei Artikel zum Thema„Zehn Jahre danach...“. Dabei fiel mir auf,
dass sowohl Prof. Dr. Konrad H. Jarausch wie auch Prof. Dr. Christoph Kleßmann mit keinem Wort den Anteil der Kirche an dem gewaltfreien Prozess, der zum Herbst 1989 führte, erwähnen. Ich kann nicht annehmen, dass die Autoren als Wissenschaftler die in der DDR. geübte ‚Praxis des Totschweigens dieser Rolle einfach- fortsetzen wollen, doch mutete dieses Ignorieren eines vor zehn Jahren jedenfalls allseits bekannten und anerkannten Tatbestandes schon eigenartig an.
Kirche bot Dach
Auch mir ist klar, dass die vielen unabhängigen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen nicht pauschal als kirchliche Bewegungen verstanden wurden. Durch die Asylgewährung unter dem Dach der Kirche- so, wie später: auch der Runde Tisch. wurden ihnen aber Aktionsund Kommunikationsmöglichkeiten geboten. Ich kann mich mit Dankbarkeit noch sehr gut an die in der Evangelischen Akademie in Berlin, auf Kirchentagen, Friedenswerkstätten und Friedensseminaren geleistete Vorarbeit zu einem demokratischen Aufbruch erinnern. Das wurde besonders in den 80-er Jahren gravierend und führte zum konziliaren Prozess. für: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, der sowohl an der
A
Die Kirche besaß großen Anteil am Mauerfall 1989.
Basis wie auch auf Kirchenleitungsebene in den Synoden starke Impulse auslöste. Nach dem Massaker an den chinesischen Studenten wurde auch in der Erlöserkirche in Potsdam drei Tage und drei Nächte die Klagetrommel unter hoher Anteilnahme der Bevölkerung geschlagen. Schließlich gingen auch die Montagsdemonstrationen in Leipzig aus Friedensgebeten in der Nikolaikirche hervor.
Akten geben Auskunft
Die Sicherheitsorgane der DDR sind diesen Aktionen argwöhnisch bis repressiv begegnet, was den Wissenschaftlern doch spätestens beim Studieren der überkommenen Akten aufgefallen sein müßte. Dokumente darüber gibt es in ausreichendem Maße, und diese Entwicklung läßt sich sehr weit in die Geschichte der DDR zurückverfolgen. Aber es besteht ja immer noch die Möglichkeit, gemachte Aussagen zu korrigieren oder zu vervollständigen.“
Foto: zg.
Kein Dissenz
Einer der beiden genannten Autoren, Prof. Dr. Christoph Kleßmann, antwortet im Folgenden auf den Leserbrief.
„Ich kann zwar nicht für meinen Kollegen Jarausch sprechen, bin aber sicher, dass er den Einwand des Leserbriefs von Herrn Briesemann akzeptiert. Das Problem ist eher der vorgegebene Zwang zur Kürze als ein Dissens im Inhalt. Die Kirche hatte selbstverständlich einen erheblichen Anteil an der Vorbereitung und dem Verlauf der Ereignisse vom Herbst 1989. Ohne sie hätten. die zahlreichen Gruppen, auch wenn sie keine kirchlichen Bewegungen waren, kaum so agieren können, wie sie es getan haben. Dies dürfte mittlerweile unter Historikern schon so selbstverständlich sein, dass es in diesem Text nicht mehr nachdrücklich hervorgehoben wurde. Die Kirche war ein Teil des,„demokratischen Aufbruchs von 1989“. Hier ist dem Verfasser des Leserbriefs voll zuzustimmen.“
Neues Heft: Potsdamer Bulletin
Im Oktober konnten interessierte Leser das! Heft Nr. 16 aus der Reihe„Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien“ in die Hände nehmen. Die vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V.(ZZF) herausgegebenen Publikationen erscheinen durchschnittlich dreimal im Jahr. Diesmal geht es im inhaltlichen Teil um die Demokratisierung nach 1945 und um das Dokumentationszentrum„Alltagskultur der DDR“ in Eisenhüttenstadt. Im weiteren gibt es sachkundige Rückblicke auf Themen vergangener Tagungen, finden Buchrezensionen ihren Platz. Auch Hinweise auf Neuerscheinungen des ZZF fehlen nicht.
Zu beziehen ist das Potsdamer Bulletin über das ZZFE, Waltraud Peters, Am Kanal 4/4a, 14467 Potsdam, Tel.: 00331/289910. Die Schutzgebühr beträgt 2,— DM. PUTZ
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