Fotos: Fritze
Titel
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Was sind die Ideen für die Zukunft? Gerhard-Multhaupt: Zum Beispiel, dass man
eines Tages in der Lage ist, die Signalverarbei
tung, wie sie im Gehirn geschieht, durch Einsatz
von synthetischen und bioanalogen Materialien nachzubilden. Oder, dass man Materialien herstellen kann, die dem Körper helfen, beschädigte Organe oder Teile wieder nachwachsen zu lassen. Ein solches Material würde als Prothese eine
Zeit lang im Körper bleiben, dort die Struktur des Wachstums vorgeben und später vom Körper absorbiert und durch natürliches Gewebe ersetzt werden. Manche halten es sogar für möglich, auf diese Weise zum Beispiel einen ganzen Arm zunächst künstlich nachzubilden, der dann mit der Zeit wieder natürlich wird.
Das sind kühne Visionen, worum geht es heute?
Gerhard-Multhaupt: Bei Hautstücken, gibt es solche vom Körper resorbierbaren Materialien schon heute. Aber es gibt auch andere Ideen, nahe am Alltag. So kann man aus Polymeren taktile Sensoren, also Berührungssensoren, die schon mehr können als nur tasten, herstellen. Sie reagieren ganz empfindlich auf Druck und Temperatur. Damit kann man Roboter bauen, deren„Finger“ auf Wärme und auf mechanische
Spannungen reagieren. Die wären zum Beispiel|
bestens zum Verpacken von rohen Eiern oder druckempfindlichem Obst einsetzbar. Das klingt im Vergleich zu den anderen Ideen vielleicht ein wenig trivial, ist aber in der Praxis tatsächlich ein Problem. Und dann gibt es noch den Bereich der Elektronik. Schon heute gibt es zum Beispiel Leuchtdioden und Transistoren aus„Soft Matter“.
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Welche Rolle spielt Potsdam bei der Erforschung der„Soft Matter“?
Gerhard-Multhaupt: Im Raum Potsdam dürften mittlerweile rund die Hälfte aller Forschungsaktivitäten der Region Berlin-Brandenburg zu diesem Thema konzentriert sein. Dies ist vor allem auf das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung und das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung(beide in Golm) sowie weitere außeruniversitäre Institute und vor allem auch auf die damit abgestimmten Berufungen an die Uni Potsdam zurückzuführen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Was sind Polymere?
Wer heute einen Joghurt isst, der hat es oft mit„Soft Matter“ zu tun. Wer einen Pulli aus Kunststoff trägt, auch. Sowohl Joghurtbecher als auch Textilfasern können Polymere enthalten, die in ihrer unglaublichen Vielfalt einen Großteil
der„Soft Matter“ ausmachen. Das Wort Polymere ist ein Oberbegriff für Riesenmoleküle. Sie entstehen durch Verknüpfen vieler einzelner Moleküle mit nur wenigen Atomen. Dadurch bilden sich lange Ketten, die je nach Herstellungsverfahren und Grundbausteinen mehr oder weniger stark miteinander vernetzt sind. Ab etwa 1000 Atomen spricht man von Polymeren, nach oben sind der Zahl der Atome keine Grenzen gesetzt. Neben den synthetischen Polymeren, den Kunststoffen, gibt es auch natürliche Polymere. Dazu zählen beispielsweise Stärke, Zellulose, Wolle, Proteine oder die DNA, die bis zu etwa eine Millionen Atome enthalten kann. Die Eigenschaften der Polymere werden stark durch die Zahl der Querverbindungen zwischen den Kettenmolekülen beeinflusst. Je mehr Querverbindungen eingebaut sind, desto geringer werden beispielsweise Elastizität und Löslichkeit. Zu den bekanntesten synthetisch hergestellten Polymeren gehören zum Beispiel Polyethen(PE), PVC(Polyvinylchlorid), Teflon(Polytetrafluorethen), Plexiglas(Polymethacrylsäuremethylesther), Polyester, Polyamide(Perlon und Nylon), Bakelit(in Steckdosen und Lichtschaltern) und Polyurethane(in Schaumstoffen).'
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