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Kunst als Mode— Mode als Kunst
Madame Swann und ihre Toilette
Gertrud Lehnert sprach in ihrer Antrittsvorlesung über Mode bei Marcel Proust
In seinem siebenbändigen Roman„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschreibt Marcel Proust das komplexe Bild einer Epoche. Der französische Schriftsteller(1871 bis 1922) erzählt in der„Recherche“, anders als in klassischen Romanen üblich, keine Geschichte im herkömmlichen Sinne. Er beschreibt, kommentiert und reflektiert vielmehr das Leben des Erzählers Marcel in einer nicht sofort durchschaubaren Chronologie und dies aus der Perspektive der Erinnerung. Dabei bedient er sich einer durchgängig subjektiven Erzählweise. Bei der Darstellung der Erinnerungen und der künstlerischen Verarbeitung dieser Erinnerungen spielt die Mode der Jahrhundertwende eine wichtige Rolle.
ertrud Lehnert interessierte sich in ihrer
Antrittsvorlesung dafür, wie Mode bei
Marcel Proust„in den Text kommt“ und wie die Wirkungen von Mode sprachlich hervorgerufen werden. Die Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft nannte ihren Vortrag„Metamorphosen des Visuellen. Über Mode bei Marcel Proust“. Sie machte deutlich, dass die Mode Proust nicht als Mittel,„wahre Persönlichkeit“ auszudrücken dient, sondern vielmehr als Medium der„Erzeugung“ von Iden
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tität. Vor allem aber betrachte er die Mode als eine Kunst, die den anderen visuellen Künsten, wie beispielsweise der Malerei, gleichwertig ist. Sie muss von der Trägerin inszeniert werden wie ein Theaterstück auf der Bühne. Mode werde zum wichtigen Element der Beschreibungskunst des Romans selbst, in dem das Sehen die dominante Wahrnehmung ist. Das belegte die Referentin mit Zitaten aus Prousts Roman:„ Plötzlich erschien auf dem Kiesweg der Allee, zögernd, üppig, verhalten wie die schönste Blüte, die ihren Kelch erst zur Mittagsstunde auftut, Madame Swann, von einer Toilette umwogt, die jedes Mal eine andere, doch, wie ich mich zu erinnern glaubte, meist mauvefarben war; dann hisste und entfaltete sie im Augenblick ihres größten Glanzes auf einem langen Stil den Seidenwimpel eines großen Sonnenschirms von dem gleichen Mauveton wie das blütenhafte Gewirr des Kleids, das sie trug.“ Proust bedient sich hier nicht der Bildbeschreibung im engeren Sinne. Vielmehr entwirft er ein visuelles Feld von Bewegungen und benennt erst dann Mode als Gesamteindruck. Das Hauptkennzeichen ist die Farbe, der neben der Bewegung dominante visuelle Eindruck.„Erst nachdem Madame Swann in einer gleichsam triumphalen Bewe
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gung ihren Sonnenschirm gehisst hat, erfahren wir noch etwas mehr über die Kleidung“, erläutert Gertrud Lehnert.
Die Wissenschaftlerin beleuchtete die verschiedenen Perspektiven der Mode: die soziologische, zeichentheoretische, ästhetische oder theatralische. Sie kam zu dem Schluss, dass Mode vor allem ein visuelles Phänomen darstellt und das Erscheinungsbild von Menschen dominiert. Sie verdeutlichte, dass die Mode als Kunst in der „Recherche“ auf unterschiedlichen Ebenen inszeniert wird, wie ein kubistisches Bild, wie eine Blume, eine Theateraufführung oder ein opulentes Märchen aus 1001 Nacht. Interessant sei, dass Proust niemals die Mode der Nachkriegszeit und der zwanziger Jahre zum Gegenstand gemacht habe, die in ihrer Flächigkeit seiner eigenen Beschreibungskunst zu ähnlich sei. Ihn interessierten die dreidimensionalen Moden des späten 19. Jahrhunderts sehr viel mehr, an denen er sein eigenes ästhetisches Verfahren des Zerlegens und Neumontierens vorführen könne. Der Autor erwähnt die Moden der großen Modeschöpfer des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Charles Frederick Worth, Doucet, Jeanne Paquin und Mariano Fortuny. Er befragte für seine Romane auch Bekannte nach Namen von Kleidern, nach Modeschöpfern, nach dem Aussehen von Kleidern und ihrer Herstellung. „Aber sein genaues Wissen ist nur der Ausgangspunkt einer Visualisierung, die eher in der Geschichte der Wahnnehmung und der ästhetischen Gestaltung zu verorten ist als in einer, im engeren Sinne, Geschichte der Mode“, so die Referentin. Mit seiner Auffassung von der Mode als Kunst befinde sich Proust im Einklang mit dem Anspruch der großen Couturiers des 19. Jahrhunderts, die erstmals ihre Mode als Kunst betrachteten. Charles Frederick Worth beispielsweise war der erste Modeschöpfer, der seine Mode signierte und damit seinem künstlerischen Anspruch Nachdruck verlieh. Mode wurde selbst zur Kunst, und als solche regt sie dann wiederum die Sprachkunst Prousts an: Er inszeniert Moden mit Wörtern. be
Fasziniert von inszenierten Moden mit Wörtern: Prof. Dr. Gertrud Lehnert.
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