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(1.1.2019) 03
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Kunst als Mode Mode als Kunst

Madame Swann und ihre Toilette

Gertrud Lehnert sprach in ihrer Antrittsvorlesung über Mode bei Marcel Proust

In seinem siebenbändigen RomanAuf der Suche nach der verlorenen Zeit beschreibt Marcel Proust das komplexe Bild einer Epoche. Der fran­zösische Schriftsteller(1871 bis 1922) erzählt in derRecherche, anders als in klassischen Roma­nen üblich, keine Geschichte im herkömmlichen Sinne. Er beschreibt, kommentiert und reflektiert vielmehr das Leben des Erzählers Marcel in einer nicht sofort durchschaubaren Chronologie und dies aus der Perspektive der Erinnerung. Dabei bedient er sich einer durchgängig subjektiven Erzählweise. Bei der Darstellung der Erinnerun­gen und der künstlerischen Verarbeitung dieser Erinnerungen spielt die Mode der Jahrhundert­wende eine wichtige Rolle.

ertrud Lehnert interessierte sich in ihrer

Antrittsvorlesung dafür, wie Mode bei

Marcel Proustin den Text kommt und wie die Wirkungen von Mode sprachlich hervor­gerufen werden. Die Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft nannte ihren VortragMetamorphosen des Visuellen. Über Mode bei Marcel Proust. Sie machte deut­lich, dass die Mode Proust nicht als Mittel,wah­re Persönlichkeit auszudrücken dient, sondern vielmehr als Medium derErzeugung von Iden­

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tität. Vor allem aber betrachte er die Mode als eine Kunst, die den anderen visuellen Künsten, wie beispielsweise der Malerei, gleichwertig ist. Sie muss von der Trägerin inszeniert werden wie ein Theaterstück auf der Bühne. Mode werde zum wichtigen Element der Beschreibungskunst des Romans selbst, in dem das Sehen die domi­nante Wahrnehmung ist. Das belegte die Refe­rentin mit Zitaten aus Prousts Roman: Plötz­lich erschien auf dem Kiesweg der Allee, zögernd, üppig, verhalten wie die schönste Blü­te, die ihren Kelch erst zur Mittagsstunde auftut, Madame Swann, von einer Toilette umwogt, die jedes Mal eine andere, doch, wie ich mich zu erinnern glaubte, meist mauvefarben war; dann hisste und entfaltete sie im Augenblick ihres größten Glanzes auf einem langen Stil den Sei­denwimpel eines großen Sonnenschirms von dem gleichen Mauveton wie das blütenhafte Gewirr des Kleids, das sie trug. Proust bedient sich hier nicht der Bildbeschreibung im engeren Sinne. Vielmehr entwirft er ein visuelles Feld von Bewegungen und benennt erst dann Mode als Gesamteindruck. Das Hauptkennzeichen ist die Farbe, der neben der Bewegung dominante visuelle Eindruck.Erst nachdem Madame Swann in einer gleichsam triumphalen Bewe­

Forschung www.uni-potsdam.de/portal/apro3 /forschung

gung ihren Sonnenschirm gehisst hat, erfahren wir noch etwas mehr über die Kleidung, erläu­tert Gertrud Lehnert.

Die Wissenschaftlerin beleuchtete die ver­schiedenen Perspektiven der Mode: die soziolo­gische, zeichentheoretische, ästhetische oder the­atralische. Sie kam zu dem Schluss, dass Mode vor allem ein visuelles Phänomen darstellt und das Erscheinungsbild von Menschen dominiert. Sie verdeutlichte, dass die Mode als Kunst in der Recherche auf unterschiedlichen Ebenen inszeniert wird, wie ein kubistisches Bild, wie eine Blume, eine Theateraufführung oder ein opulentes Märchen aus 1001 Nacht. Interessant sei, dass Proust niemals die Mode der Nach­kriegszeit und der zwanziger Jahre zum Gegen­stand gemacht habe, die in ihrer Flächigkeit sei­ner eigenen Beschreibungskunst zu ähnlich sei. Ihn interessierten die dreidimensionalen Moden des späten 19. Jahrhunderts sehr viel mehr, an denen er sein eigenes ästhetisches Verfahren des Zerlegens und Neumontierens vorführen kön­ne. Der Autor erwähnt die Moden der großen Modeschöpfer des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Charles Frederick Worth, Doucet, Jeanne Paquin und Mariano Fortuny. Er befragte für seine Romane auch Bekannte nach Namen von Kleidern, nach Modeschöpfern, nach dem Aussehen von Kleidern und ihrer Herstellung. Aber sein genaues Wissen ist nur der Aus­gangspunkt einer Visualisierung, die eher in der Geschichte der Wahnnehmung und der ästheti­schen Gestaltung zu verorten ist als in einer, im engeren Sinne, Geschichte der Mode, so die Referentin. Mit seiner Auffassung von der Mode als Kunst befinde sich Proust im Einklang mit dem Anspruch der großen Couturiers des 19. Jahrhunderts, die erstmals ihre Mode als Kunst betrachteten. Charles Frederick Worth beispiels­weise war der erste Modeschöpfer, der seine Mode signierte und damit seinem künstleri­schen Anspruch Nachdruck verlieh. Mode wur­de selbst zur Kunst, und als solche regt sie dann wiederum die Sprachkunst Prousts an: Er insze­niert Moden mit Wörtern. be

Fasziniert von inszenierten Moden mit Wörtern: Prof. Dr. Gertrud Lehnert.

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