Heft 
(1.1.2019) 03
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Vermischtes

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Mit dem Notfallkoffer in die Oper

Nahaufnahme: Dr. Alexandra Schröder-Wrusch ist die Betriebsärztin der Universität Potsdam

Oft sitzt sie nach Dienstschluss abends in den gro­ßen Kulturtempeln Berlins im Parkett und verab­reicht als Theaterärztin notfalls Infusionen, wenn im Publikum jemandem vor Ergriffenheit oder Empörung der Kreislauf versagt. Da meistens nichts passiert, nennt sie das Freizeit oder stress­freier Nachtdienst. So könne sie kostenlos das Ber­liner Hochkulturleben genießen, zumal in Beglei­tung. Bei der Vielzahl der Menschen allerdings müsse sie ihren diagnostischen Blick aufs Äußer­ste schärfen, denn der beginne bereits in dem Moment, wenn jemand durch die Praxistür kom­me.

Teil die Kardiologin Alexandra Schröder­

Wrusch einerseits ihre Stärke, nämlich

Y Y mit dem Patienten zu kommunizieren, in der Klinik immer weniger zur Geltung bringen konnte, wurde sie Betriebsärztin. Sie wurde es aber auch, weil sie oft sah, welche Faktoren es eigentlich waren, die zur Krankheit geführt hat­ten und weil vor lauter stationärer Akut- und Auf­tragsmedizin an Ganzheitlichkeit kaum mehr zu denken war. Nicht zuletzt weil die Arbeitsmedizin ein weites Feld sei, ist sie seit Dezember letzten Jahres die Betriebsärztin der Universität Potsdam und zwar als Angestellte der AMB-TÜV Arbeits­medizinische Dienste GmbH in Babelsberg, der als überbetrieblicher Dienst ein Servicepaket aus Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin anbietet. Als Arbeitsmedizinerin besteht meine oberste Aufgabe darin, zu verhindern, dass ein Kollege zu Schaden kommt. Wir machen keine Therapie, sondern übernehmen und koordinieren die arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen, die der Gesetzgeber für bestimmte Berufsgrup­pen vorsieht. Denn man hat Anspruch auf eine arbeitsmedizinische Untersuchung. Die wenig­sten wissen beispielsweise, dass man sich bei einem Bildschirmarbeitsplatz auf diesbezügliche eventuelle Schäden hin untersuchen lassen kann. Ihre Entscheidung, die Klinik zu verlassen, hat sie bisher nicht bereut. Immer dienstags ist sie an der Uni unterwegs, schaut sich Einrichtun­gen und Arbeitsplätze an und gibt Empfehlungen hinsichtlich der Gesundheitsförderung. Wichtig dabei sei es, die empfohlenen Maßnahmen auf lange Sicht nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn Mittelknappheit bestünde.

Im Jahre 1971 wurde Schröder-Wrusch in Dortmund geboren, im Alter von vier Jahren kam

Portal 3-4/03

Arbeitsmedizinerin Schröder-Wrusch:

Patienten nicht unmündig gehen lassen.

Dr. Schröder-Wrusch ist immer dienstags an

der Universität Potsdam unter der Telefonnum­mer 0331-977-2384 erreichbar. Sprechstunde

hat sie an den anderen im Zentrum für Arbeits-| medizinische Dienste GmbH in Potsdam in der

_ Großbeerenstraße 185. Dort erhält jeder Uni­Mitarbeiter, insofern er die Betriebsärztin außerhalb der arbeitsmedizinischen Vorsor­

7 geuntersuchungen sprechen möchte, unter der 1 Telefonnummer 0331/7486625 einen Termin.

N nn Ka e

Foto: Fritze

sie nach Berlin. Nach dem Abitur am Evangeli­schen Gymnasium zum Grauen Kloster ging sie als Arzthelferin nach Hannover und arbeitete dort in einer chirurgischen Klinik. Keiner Mediziner­familie entstammend, wollte sie dennoch schon frühzeitig Ärztin werden. Nach sechsjährigem Studium an der Freien Universität arbeitete sie im Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin im Bereich der Inneren Medizin als Kardiologin und wie alle dort manchmal bis an den Rand der Erschöpfung. Mit ihrem Mann und ihrem Hund Tristan in Wilmersdorf wohnend, kann sie sich jetzt ihre Arbeitszeit flexibel einteilen. Der Uni­versität fühle sie sich schon sehr zugehörig, da man ihr das Gefühl vermittele, ihre Arbeit werde gebraucht. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises für Gesundheit an der Uni Potsdam, und ihr Wunsch ist es, dass sich am Jahresende mit ihrem Namen ein Gesicht verbindet.Ein guter Arzt ist eine Ver­trauensperson, die zuhören können und ein gutes Fachwissen haben muss. Achtzig Prozent der Medizin bestehen daraus, daran zu denken, was es alles sein könnte, nicht nur, alle Krankheitsbil­der im Kopf zu haben. Und man braucht eine ordentliche Notfallausbildung, ansonsten bestim­men einen Angst und Unsicherheit. Sie ist inso­weit Schulmedizinerin, dass sie verstehen möch­te, wie und warum etwas wirkt. Das macht sie auch skeptisch gegenüber der Homöopathie, obwohl sie Naturheilverfahren keineswegs ableh­nend gegenübersteht. Doch seien deren Mittel oft von kaum nachweisbarer Konzentration. Sie weiß aber auch, dass der Glaube, also der berühmte Pla­cebo-Effekt, Berge versetzen kann.

Die Wagnerverehrerin, die Italiens Küche ebenso wie seine Weine und dessen Renaissance­maler liebt, hält nichts davon, die Leute immer wieder zu mahnen, was sie besser machen könn­ten oder besser lassen sollten. Als Spezialistin für Innere Medizin stößt sie sich an den ausgestell­ten bizarren Posen der plastinierten Leichen Gunt­her von Hagens. Sie widersprächen einer seriösen anatomischen Darstellung, da ganz einfach Erklä­rungen fehlten. Das gehöre aber unbedingt zur Vorbildfunktion eines Arztes, nämlich den Patien­ten nicht unmündig gehen zu lassen.Er muss verstehen, was mit ihm passiert, wenn nicht, dann hab ich meinen Auftrag nicht erfüllt. Er muss auch wissen, warum er welches Mittel bekommt. Das ist dann schon der erste Schritt in Richtung Therapie. tp

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