Wie viel Schuld trägt der Mensch?
Sonntagsvorlesung über menschliche Einflüsse auf Hochwasser
Weltweit haben Hochwasser zugenommen. Noch mehr stiegen die daraus resultierenden Schäden. Inwieweit beeinflusst der Mensch diese Katastrophen? Dieser Frage ging Axel Bronstert, Professor am Institut für Geoökologie der Universität Potsdam, in seinem Vortrag im Rahmen der Reihe „Potsdamer Köpfe“ nach. Wer Pauschalurteile erwartete, wurde dabei enttäuscht. Vielmehr warnte der Wissenschaftler vor allzu schnellen Schlüssen.
Land unter: Koblenz
en Blick für das Problem schärften in D Brandenburg spätestens die Hochwas
ser im Sommer 1997 an der Oder und im August 2002 an der Elbe. Auch, weil die angerichteten Zerstörungen enormes Ausmaß besaßen. Experten beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden, der durch das Hochwasser 2002 an Elbe und Donau entstand, auf fast zehn Milliarden Euro.
Welchen Anteil hat der Mensch an dieser Entwicklung? Bronstert betrachtete auf seiner Suche nach einer Antwort drei Ebenen, die der Klimaänderung, die der Änderung der Landnutzung sowie die der Flussbaumaßnahmen.„Die Unsicherheiten bei der Quantifizierung der Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Hoch
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wassersituationen an den Flüssen sind noch sehr groß“, beschrieb er den gegenwärtigen Forschungsstand. Insbesondere gelte dies für die Frage der mit einer Klimaänderung verbundenen Niederschlagsänderungen und für die Unterschiede in den Auswirkungen. Besonders wichtig, aber auch besonders. unsicher, sei die Frage einer möglichen Änderung der Wetteranomalien und der damit verbundenen hydrologischen Extreme.
g Weniger Eishochwasser
Bei aller Vorsicht zeigte sich Bronstert hinsichtlich der künftigen, vom Menschen beeinflussten Klimabedingungen Brandenburgs sicher.„Wir wissen zwar noch nicht, wie sich die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre konkret weiter entwickelt, aber auch bei greifenden Klimaschutzabkommen ist global wie regional von einer Erwärmung auszugehen“, stellte er fest. Für Brandenburg rechne man mit einem Anstieg der Temperaturen von mindestens 1,5 Grad Celsius in den nächsten 50 Jahren. Entscheidend für Hochwasserereignisse im Land seien jedoch die Klimaverhältnisse an den Oberläufen von Oder und Elbe. Beobachtet würde in diesem Zusammenhang die Zunahme so genannter „Troglagen über Mitteleuropa“ in den Sommermonaten, die auch für die Hochwasserereignisse an den großen Flüssen im Märkischen relevant seien.„Dabei handelt es sich um eine Tiefdruckbrücke, die Tiefdruckgebiete über dem Mittelmeer und Mitteleuropa verbindet. Feuchtwarme Luft wird aus dem Mittelmeer nach Norden transportiert und trifft in Mitteleuropa auf Kaltluft“, so die Erklärung des Referenten zum Phänomen. Eine Wetterlage, die besonders im Sommer kräftige, durchaus kurzfristige Niederschläge bringt. Paradoxerweise gäbe es aber im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Sommerniederschläge in Brandenburg, so dass die Gefahr von Trockenzeiten im Sommer Zzunähme.
Bezüglich der Hochwasser im Winter können die Fachleute mit ziemlicher Sicherheit belegen, dass für diese Flussgebiete aufgrund steigender Temperaturen ein Rückgang der Eishochwasser erfolgt.
Uni Aktuell
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Mehr besiedelte Flächen
Verändert hat sich auch das Landnutzungsverhalten der Menschen. Die Siedlungsfläche ist in den letzten 60 Jahren in Deutschland auf etwa das Doppelte angestiegen.„Urbane Flächen wurden auf Kosten landwirtschaftlich genutzter Flächen erweitert“, konstatierte Bronstert. Die Bewirtschaftungsart der Böden ist zudem eine andere. Jene Eingriffe auf die Landoberfläche bleiben nicht ohne Folgen für die Abflussbildung in der Landschaft. Wie groß sie ausfallen, hängt von den regionalen Gegebenheiten ab.„Denn das Wasser fließt nur zum Teil von der Oberfläche ab. In einigen Gegenden sucht es sich bis zu 90 Prozent unterirdisch seinen Weg“, erläuterte der Uni-Professor. Hier könne auch durch Flussbau wenig geändert werden. Generell gelte: Je feuchter das Gebiet und je größer das Niederschlagsvolumen, desto geringer der Einfluss der Landoberfläche und desto geringer auch die Auswirkungen derselben.
Polder schützen
Beim Rhein zeigen Aufzeichnungen der letzten 20 Jahre, dass nicht nur die Niederschläge in seinem Einzugsgebiet zugenommen haben, sondern die Abflussmengen real gestiegen sind. Doch die Abflusskapazität sank. Möglich machten dies beispielsweise Staustufen am Oberrhein, die den Fluss dort von seinen Überschwemmungsflächen abschneiden. Dadurch liegt Simulationen zufolge der Scheitel eines Hochwassers in Karlsruhe heute um rund ı5 Prozent höher als vor Beginn des Staustufenbaus im Jahr 1932. Die Nutzung von Wasserrückhalteflächen direkt an großen Flüs
Foto: Fritze
sen, zum Beispiel die der Havelpolder für den Rückhalt von Elbehochwasser, kann zu beträchtlichen Reduktionen der Hochwasserscheitel führen. Im Falle des waren dies fast 50 Zentimeter. Dennoch, die Rückhalteflächen bieten Für und Wider. Bronstert beschrieb die beiden Seiten so:„Solche Flächen zu nutzen, macht nur
Axel Bronstert bekleidet Elbehochwassers die Professur für Geo
Ökologie.
Sinn, wenn sie große Wassermassen speichern können und durch eine gesteuerte Wasserrückhaltung eine effektive Reduktion des Wasserstandes erfolgt. In den betroffenen Räumen entstehen allerdings durch die Überschwemmungen zum Teil erhebliche Schäden für die Land- und Fischwirtschaft.“ pg
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