Heft 
(2024) 31
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Meyburg: Jungvogelmanagement beim Schreiadler

seinen Tiefpunkt erreicht und stieg dann ganz all­mählich wieder an. 2023 lag er bei 31 Brutpaaren. Auch der Bruterfolg ging stark zurück. Dieser ver­besserte sich jedoch nicht mehr.

Im Jahr 2023 gab es erste Ausbreitungstenden­zen nach Westen. Im Havelland wurden erstmals seit über 100 Jahren zwei Brutpaare festgestellt, von denen eines in den Jahren 2023 und 2024 er­folgreich brütete. Auch im Landkreis Ostpriegnitz­Ruppin wurden zwei neue Paare 2024 entdeckt, eines davon mit Bruterfolg. Hier gab es seit 150 Jahren keine Brutnachweise mehr.

4.2 Ausblick

Der Schreiadler gehört zu den Vogelarten mit ei­nem besonders hohen Kollisionsrisiko an Wind­energieanlagen, vielleicht sogar dem höchsten aller Brutvogelarten. Bezogen auf den Brutbestand ist er sogar um ein Vielfaches gefährdeter als der Rotmilan ( LANGGEMACH 2022). Der Schreiadler ist neben der Kornweihe Circus cyaneus die einzige in Deutsch­ land vom Aussterben bedrohte Greifvogelart( RYS­LAVY et al. 2020). Es kommt daher auf jedes einzelne Individuum an( BÖHNER& LANGGEMACH 2004).

Die Zahl der Windkraftanlagen in Nord­deutschland hat seit Jahren zugenommen und wird immer noch forciert, obwohl bei ausreichen­dem Windaufkommen mehr als genügend Strom erzeugt wird, jedoch kaum Speicherkapazitäten vorhanden sind und z. B. in den Wintermonaten bis zu 100% des Stroms aus konventionellen Quel­len erzeugt werden müssen.

Die vielen Windkraftanlagen stellen eine gro­Be Gefahr für diese und andere Arten dar mit einer unbekannten, aber sicher viel zu hohen Schlagopferzahl( LANGGEMACH& DÜRR 2023). Ohne systematische Suche nach verunglückten Schreiadlern wurden allein in der Brutsaison 2024 fünf tote Altvögel gefunden, darunter zwei eindeutige Schlagopfer( H. Matthes, mdl.), wobei die Dunkelziffer sicherlich sehr hoch ist. Versuche, die Verluste durch automatische Abschaltsysteme ( vgl. MEYBURG& MEYBURG 2020) zu reduzieren, wie man das jetzt in Mecklenburg- Vorpommern vorhat, versprechen keinen Erfolg und sind daher ungeeignet( z. B. DUERR et al. 2023).

Als schlechtes Omen wurde von den Projekt­beteiligten angesehen, dass kurz nach der Abstim­

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mung im Bundestag am 7. Juli 2022 zur Änderung des Naturschutzgesetzes einer der Projektvögel, noch dazu ein besonders interessanter, in einem Windpark unweit der nördlichen Stadtgrenze Berlins zu Tode kam. Dieser männliche Schreiad­ler war als Abel im Juni 2013 aus einem Horst in Brandenburg entnommen worden. Er erhielt den Kennring" BB". Im Juni 2020 wurde er als Altvo­gel an einem Horst mit zwei Eiern entdeckt. Das zweite Ei wurde entnommen und der daraus ge­schlüpfte Jungvogel ebenfalls aufgezogen und aus­gewildert( Kennring TJ). Im Jahr 2021 zog» BB" erneut ein Junges auf, im Jahr darauf verunglückte " BB" im Alter von neun Jahren an einer nahege­legenen Windkraftanlage tödlich. 2023 wurde der Brutplatz von einem aus Polen stammenden Schreiadlermännchen( Kennring OL) besetzt. Er brütete 2023 und 2024 erfolgreich.

Mit dem Vierten Gesetz zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes( BNatSchG ) vom 7. Juli 2022 hat der Deutsche Bundestag eine deut­liche Verschlechterung für den Schreiadler und andere Arten herbeigeführt, um den Ausbau der Windenergie zu vereinfachen und zu beschleuni­gen( MEYBURG et al. 2022). Um dieser Verschlech­terung etwas entgegenzuwirken, wurde im neuen Bundesnaturschutzgesetz in§ 45d die Verpflich­tung des Bundes zur Aufstellung sogenannter nationaler Artenhilfsprogramme geregelt. Dies dient insbesondere den Arten, die vom Ausbau der erneuerbaren Energien besonders betroffen sind. Zu den 15 ausgewählten Arten gehört auch der Schreiadler. Zu diesem Zweck fördert das Bundesamt für Naturschutz ( BfN ) ab dem 15. Au­gust 2024 Artenschutzmaßnahmen im Rahmen des neuen Förderprogramms Nationales Arten­hilfsprogramm"( nAHP). Auch das Jungvogelma­nagement soll dabei in den nächsten vier Jahren finanziell unterstützt werden.

Es ist zu befürchten, dass die natürliche Repro­duktion weiter abnehmen wird, denn gegenwärtig verschwindet nahezu vollständig ein wesentlicher Teil der Nahrungsbasis: die Amphibien( SCHNEE­WEISS 2021). Nach Untersuchungen in Lettland machen sie 45% der Schreiadlernahrung aus und stellen damit die wichtigste Ergänzung zu Kleinsäugern dar, insbesondere in den zyklisch auftretenden Mangeljahren bei den Wühlmäusen ( BERGMANIS& AUNIŅŠ 2022). Das Jungvogel­