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Deutsche Roman-Sibliothek.
Kaiser entfaltete das Blatt und las: „Da am nächsten Tage Seine königliche Hoheit der Großherzog mit Ihrem erhabenen Gaste in den Nachmittagsstunden Jena passiren werden, so wird hiedurch auf ausdrücklichen Befehl Seiner königlichen Hoheit des Großherzogs jedem Studirenden auf das Strengste verboten, sich an der Straße, welche die hohen Reisenden passiren werden, zu zeigen." — Der Kaiser stutzte und seine Züge drückten ein eigenthümliches Befremden aus, Karl August aber fügte lächelnd hinzu: „Ja, ja, ich kenne meine Pappenheimer."
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Lieber nicht. Frau von N. ist von einem ihrer Bedienten auf's Unverschämteste bestohlen worden und hat ihn sofort entlassen. Als sie einer ihrer Freundinnen davon Mittheilung gemacht, meint diese: „Abscheulich! Du hast natürlich Anzeige bei Gericht gemacht?" — „Nein!" — „Aber warum denn nicht? Willst Du die Menschenfreundlichkeit so weit treiben? ..." — „Deßhalb nicht . . „Nun, warum denn?" — „Ja, weißt Du, vor Gericht muß man sein Alter sagen, und lieber schone ich den Dieb."
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Der Weg ;um Altar. Der zweitgeborene Sohn des Herzogs von Argyll wollte sich mit Lady * verloben und bat seinen Vater um seine Einwilligung. Der Vater hatte nichts einzuwenden, 'sprach aber folgenderweise: „Dieweil mein ältester Sohn, Dein Bruder, der Marquis of Lorne, eine Tochter der Königin, unserer Monarchin, geehelicht hat, gebührt fortan ihm die Ehre, Oberhaupt unserer Familie zu sein. Wende Dich an ihn um seine Zustimmung, mein Sohn, und hast Du sie erhalten, wird Dir die meinige nicht verweigert werden." An den älteren Bruder wendete sich hierauf der jüngere, erhielt aber von ihm folgenden Bescheid: „Dieweil ich die Ehre habe, Schwiegersohn der Königin zu sein, so verlangen Sitte und Ehrfurcht, daß ich ihr Dein Anliegen anheimstelle, damit sie entscheide. An sie will ich mich wenden." Und zur Königin verfügte der Marquis of Lorne sich stehenden Fußes und weihte sie ein in die Liebe des Bruders. Aber es sprach die Monarchin: „Seit mir der Himmel den Gatten geraubt, den edlen, ewig beweinten, habe ich mir zum feststehenden Grundsatz gemacht, keinen Schritt zu thun in Angelegenheiten meines Hauses, ohne meinen Schwager, den Herzog von Koburg, zu Rathe zu ziehen. An diesen will ich mich wenden." Die Monarchin that, was sie versprochen, aber statt der erwarteten Zustimmung ward ihr vom «Schwager folgende Antwort: „Dieweil in Deutschland während der letzten Jahre bedeutsame politische Veränderungen vorgefallen sind, die Eurer Majestät, meiner geliebten Schwester, nicht ganz unbekannt sein dürften, und dieweil von wegen besagter Veränderungen der Schwerpunkt alles Seins und Werdens nach Berlin verlegt worden ist, erachte ich es für meine unabweisbare Pflicht, die bewußte Angelegenheit dem Kaiser Wilhelm vorzulegen, auf daß er darüber entscheide und mir allein nicht die Verantwortung bleibe." Raschen Zuges fuhr der Herzog hinauf von Koburg gen Berlin, erbat sich eine Audienz bei Kaiser Wilhelm und weihte ihn ein in den Zweck seiner Reise. Der Kaiser aber antwortete nach kurzem Bedenken: „Was ich erkämpft und erreicht, liegt offen vor den Augen der Mitwelt, nicht aber der Zwiespalt, der gar oft mein eigenes Herz zerwühlt, und der Gedankenwiderspruch, der nicht selten im Kreise meiner Familie und im Rathe meiner Minister herrschte. Das Eine muß ich indessen ehrlich gestehen, daß von allen meinen Nath- gebern Fürst Bismarck sich bisher als der scharfsinnigste und weiseste erwiesen. Wenden Sie sich in meinem Aufträge an ihn. damit er entscheide." Und es lenkte der Herzog seine Schritte nach der großen Wilhelmsstraße, ließ sich bei dem
Schrecklichen melden, wurde vorgelassen, las den Brief der Königin Viktoria vor, berichtete auch getreulich die Worte des Kaisers und erbat sich freundliche Weisung. Der Reichskanzler aber antwortete ohne Bedenken: „Was bedarf's da der Weisung? Was schert uns der Herzog von Argyll? Was schert uns sein Sohn? Lassen Sie den Jungen doch in's Teufels Namen heirathen, wenn er Lust hat!"
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Der beste Koch. Der Koch Rothschilds in Paris, Herr Adolphe Duglsve, ein wahrer Virtuose in seiner „Kunst", war gestorben. Die Pariser Blätter widmeten ihm weh- müthige Nachrufe, rühmten seinen trefflichen Charakter und seinen süperben Geschmack, den er übrigens nicht nur in feinem Spezialfach bekundete, wie die hübsche Gemäldegalerie beweist, welche er seinen Erben hinterläßt. Auch war der Verstorbene ein witziger Kopf, in dessen geistiger Küche das attische Salz niemals fehlte. So kolportirt man folgendes, von ihm herrührende Bonmot: „Will man es in unserer Profession bis zum Künstler bringen, so muß man lernen für Diejenigen zu kochen, welche keinen Hunger haben."
Dicht wieder. Frau von S .... ist eine sehr wehleidige Dame. Fehlt ihr auch nur das Geringste, so schickt sie gleich zum Doktor, der in Folge dessen nicht gut auf sie zu sprechen ist. Eines Tages bemerkt die Dame einen kleinen rothen Fleck auf ihrer Hand und läßt natürlich sofort den Doktor holen. Dieser kommt, betrachtet den Fleck und sagt dann in bedenklichem Tone: „Gut, daß Sie mich so zeitig holen ließen." — „Mein Gott, ist es denn so gefährlich?" fragt die Dame, ganz blaß vor Schreck. — „Durchaus nicht," antwortet mit unerschütterlichem Ernste der Arzt, „aber sehen Sie, bis morgen wäre der Fleck ohne mein Zuthun verschwunden gewesen und ich würde dann mein — Honorar eingebüßt haben."
Die Heirathen von Bühnenkünstlerinnen. Ein Theaterstatistiker hat sich die Mühe nicht verdrießen lassen, in allen alten und neuen Almanachs nachzuschlagen, um schließlich herauszufinden, wie viele Schauspielerinnen sich in den letzten zwanzig Jahren mit Herzogen, Fürsten, Erzherzogen, Prinzen, Grafen und Baronen, ferner mit Bankiers, Kaufleuten rc. verheirathet haben, auch die Künstlerehen, d. h. die Verbindungen mit Kollegen, hat die eigentümliche Statistik zu zählen versucht. Diese Ziffern sind indeß weniger interessant, als der daraus gezogene Schluß. Es wird für unsere Bühnenkünstlerinnen von Interesse sein, zu erfahren, daß sich auf Grund jener Statistik die Möglichkeit, von einem Prinzen erwählt zu werden, wie 1 zu 846 verhält, die Chancen, einen Herzog zu kriegen, verhalten sich wie 1 : 512, jene, Fürstin zu werden, wie 1 : 405, während die Möglichkeit, Gräfin zu werden, dem arithmetischen Verhält- niß von 1 : 200, und jene, Baronin zu werden, dem Ver- hältniß von 1 : 170 entspricht.
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Gute Nachreden. Die „World" bringt eine Zusammenstellung von Aeußerungen, das heißt von Todtenklagcn, womit in den verschiedenen Ländern die Anzeige eines Todesfalles in der Regel beantwortet wird. In Frankreich fragt man darnach: „Wie alt war er?", in Deutschland: „Was hat ihm denn eigentlich gefehlt?", in Amerika: „Gott verdamme ihn! ist er endlich gestorben?", in Italien: „Armer Teufel!", in Rußland: „Jetzt braucht er nicht mehr zu arbeiten, er ist glücklich!", in Holland: „Wie viel Geld hinterläßt er?", in England: „War sein Leben assekurirt?"
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> Haus des Labrilranien. 2 Lände. AI. 8. — Hin den Halbmond.
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Reduktion: I)r. Edmund Zoller. — Druck und Verlag der Deutschen Verlags-Anstalt (vormals Eduard Hallberger) in Stuttgart.