Heft 
(1885) 08
Seite
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war das Schlößchen geworden! Früher hatte es wie ein verschlafenes Dornröschen zu Füßen des Berges gelegen halb unter dem schützenden Betthimmel des bergaufkletternden Waldes, den heute schon die gelben und rothen Flammen des Herbstes betupften ohne Glanz und Farben und wenig beachtet. Jetzt hatte es sich gereckt und gestreckt und die Augen aufgeschlagen; zwischen den dunklen Nußbäumen glitzerte und flimmerte es, als sei eine Hand voll Diamanten dort verstreut worden die alten, vermorschten und nie geöffneten Jalousien waren verschwunden, und neue, ungebrochene Spiegelscheiben füllten die mächtigen steinernen Fensterrahmen.

Ja gelt, Gretel, wir sind vornehm geworden hier draußen?" fragte der Großpapa. Er zeigte mit ausgestrecktem Arm hinüber. Wie ein Recke chritt er dahin, der Siebziger! Unter seinen Tritten krachte das Chausseegeröll, und sein mächtiger weißer Schnanzbart leuchtete wie Silber iw dem braunen, kühnen Gesicht, das die breite, einst auf dem Fechtboden geholte Schmarre quer über der Wange von der einen Seite fast furchtgebietend machte. Ja, vornehm und fremdländisch!" bekräftigte er weiterstapfend; wenngleich die Frau Mama eine urdeutsche Pommersche ist und die Tochter auch von väterlicher Seite her Nichts von John Bull oder den ,?nrl62-von8 krnntzni^' in den Adern hat macht nichts! es wird doch auf englische Art gekocht und gegessen und französisch parlirt nach Noten . . . Ja, die alten Nußbäume werden wohl gucken und sich in ihr Herz hinein schämen, daß sie in ihren alten Tagen wie dumme Bauerjungen dastehen und in ihrer Jugend nicht lieber Platanen oder sonst was Vornehmes geworden sind."

Margarete lachte.

Ja, da lachst Du, und Dein Großvater lacht auch! Ich lache über den Staub, den zwei Weiberröcke da herum >" er beschrieb mit ausgestrecktem Arm einen weiten Bogen über die Gegend hina Wirbeln die reine Affenkomödie, sag' ich Dir! . . . ,Warst Du schon im Prinzenhof?' heißt's da, und chist Du schon vorgestellt?' dort! Und der Eine grüßt kaum, wenn man nicht, wie er, beim großen Diner gewesen ist, und ein Anderer stiert Einem ganz perplex, wie einem notorisch Ver­rückten, ins Gesicht, wenn man sagt, daß man sich bedankt hat und lieber in seinen vier Pfählen geblieben ist ... Ja, guck, Gretel, der Mensch lernt nicht aus! Hab' da gemeint, ich lebe mitten unter lauter Hauptkerlen vom thüringischen Schlag, von echtem Schrot und Korn, und da quetschen sich jetzt die alten Knasterbärte in den Frack, schütten sich Lun äs Invunäs, oder anderes Riechzeug" er unterdrückte nur halb ein energisches Pfui Teufel!"auf ihre Schnupftücher und schlucken zimperlich eine Tasse Thee mit Butterbemmchen da drüben sie mögen schön dran würgen, die ausgepichten Burgunderschläuche die!"

Margarete sah ihn von der Seite an; von der betonten Lachlust vermochte sie keine Spur zu finden; wohl aber sprühte ihm der Helle, ehrliche Manneszorn unter den weißbuschigen, gerunzelten Brauen hervor. Sie hing sich schleunigst an seinen Arm, hob den rechten Fuß und versuchte in seine weiten, militärisch strammen Schritte einzulenken.

Er schmunzelte und schielte seitwärts auf sie herunter. Die winzige Spitze ihres Stiefelchens sah gar zu lächerlich aus neben dem ungeheuren Jagdstiefel.Was für arme Spazierstöckchen! Und das will sich auch noch mausig machen!" höhnte er.Geh, gieb's auf, Gretel! Da lebt die Junge dort" er zeigte nach dem Prinzenhofe zurückauf einem anderen Fuße! Sapperlot, da muß man Respekt haben! Freilich, ihr Beide könntet in der Wiege umgetauscht sein solch ein polizeiwidrig kleines Pedal kommt Dir nicht zu, und bei einer Blaublütigen ist ein großer Fuß allemal nur ein unbegreifliches, boshaftes Naturspiel . . . Aber schön ist sie sonst, die junge,Gnädige' Alles was wahr ist! Weiß und roth wie Milch und Blut, blond, Du braunes Maikäferchen mußt Dich daneben verkriechen groß" er hob die Hand fast bis zu seiner Kopfeshöheschwer und drall, echt pommersche Rasse, und gesetzt und pomadig! Solch ein Wind­spiel, wie eben eines neben mir hertrippelt, kommt da nicht auf."

Ach Großpapa, das Windspiel freut sich seines Lebens, so wie es ist darüber lasse Du Dir ja kein graues Haar wachsen!" lachte das junge Mädchen.Uebrigens haben die armen Spazier­stöckchen schon ganz Respektables geleistet, und es fragt sich noch sehr, ob Dein großer Siebenmeilenstiefel da mit mir Leichtfuß

auf den Schweizerbergen konkurriren könnte. Frage nur den OM Theobald in Berlin!"

Damit lenkte sie glücklich auf ein anderes Thema über.

Der alte Mann war tief ergrimmt und gereizt; er übergoß die t zukünftige Schwiegertochter mit der ganzen scharfen Lauge seines , Spottes. Seine Beziehungen zu der Großmama mochten deßhalb i augenblicklich noch weit weniger friedfertig sein, als gewöhnlich, st Und er hatte sicher wieder einmal Recht, sein scharfer Blick trog st selten; aber die Enkelin konnte und durfte doch nicht Oel ins st Feuer gießen, und so erzählte sie in anschaulicher Weise von dem Hospiz auf dem Sankt Bernhard, wo sie mit Onkel und Tante während eines furchtbaren Schneesturmes übernachtet, von aller- ' Hand Erlebnissen in Italien und so weiter; und der alte Herr '- hörte ganz hingenommen zu, bis der Packhaus-Thorflügel hinter i ihnen zufiel und das abgefallene Lindenlaub im Hofe unter ihren s , Füßen knisternd umherstob. st

Sie betraten eben den Flur des Vorderhauses, als ein winzig st kleiner Hund, ein Affenpinscher, durch einen schmalen Spalt des ; Hausthores vom Markte hereinschlüpfte. Er kläffte die Eintretenden - . mit hoher, scharfer Stimme an.

Margarete kannte das kleine Thier. Vor Jahren war Herr Lenz einmal von einer Reise zurückgekommen und hatte es mit- , gebracht. Und es hatte ausgesehen, als sei es das Schoßhündchen einer Prinzessin gewesen. Blauseidene Bandschleifen hatten aus , seinem zottigen Fell geleuchtet, und an kalten Tagen war es in einer schöngestickten Purpurschabracke auf dem Gange herum- gelaufen. Trotz aller Lockungen war es aber nie in den Hof zu ' den Kindern herabgekommen, die Malersleute hüteten es wie ein Kind.

Nun kam es da hereingelaufen, und gleich darauf wurde st der Thorflügel weiter aufgestoßen, und ein Knabe sprang ihm ' nach. Fast in demselben Momente klirrte aber auch das in den st Hausflur mündende Fenster des Komptoirs, und Reinhold's Kops ; - fuhr heraus.

Du infamer Bengel, habe ich Dir nicht verboten, hier ' durchzugehen?" schrie er den Knaben an.Ist etwa der Thor- . weg im Packhause nicht breit genug für Dich? . . . Das ist das Herrschaftshaus, und da hast Du absolut nichts zu suchen, so , wenig wie Deine Leute! Habe ich Dir das nicht schon gesagt? Verstehst Du denn nicht Deutsch, einfältiger Junge?" . -

Was kann ich denn dafür, wenn Philine mir ausreißt und ' hier hereinläuft? Ich wollte sie fangen, aber es ging nicht gut, st weil ich den Korb am Arme habe!" entschuldigte sich der Kleine - mit einem etwas fremdartigen Accent.Und Deutsch kann ich -W sehr gut; ich verstehe Alles, was Sie sagen," setzte er gekränkt, st aber auch trotzig hinzu. Er war ein bildschönes Kind; ein wahrer st st kleiner Apollokopf, umringelt von kurzgeschnittenen braunen Locken .st und strahlend in Frische und Gesundheit, saß fest und hochgetragen st. auf dem kräftigen Nacken. Aber all diese Lieblichkeit schien nicht ; st vorhanden für den bleichsüchtigen jungen Menschen mit dem '' tödlich kalten Blick und der keifenden Stimme, der am Komptoir- l - fenster stand. '

Und nun ließ sich die entwischte Philine auch noch einfallen, st die nach der Wohnstube führenden Stufen hinaufzuspringen, als st ? sei sie da zu Hause. < .

Reinhold stampfte mit dem Fuße auf, während der Knabe st - ängstlich der kläffenden Miffethäterin um einige Schritte nachlief. st.

Nun mache Dich nur schleunigst aus dem Staube, Junge," scholl es erbittert aus dem Fenster,oder ich komme hinaus und schlage Dich und Deinen Köter windelweich"

Na, na, das wollen wir erst 'mal sehen, Verehrtester! Da sind auch noch andere Leute da, die das zu verhindern wissen!" sagte der alte Amtsrath und stand mit zwei Schritten vor dem ^ Fenster.

Reinhold duckte sich unwillkürlich vor der plötzlichen, ge- Mst waltigen Erscheinung des Großvaters.

Bist mir ja ein schöner Kerl!" höhnte der alte Herr v / Aerger und Sarkasmus stritten in seiner Stimme.Keifst wie ein Waschweib und machst Dich mausig in Deines Vaters Hause, als hättest Du den Hauptsitz in der Schreibstube. Geh', laß ' s Dir erst die Federn wachsen und den Schnabel Putzen! . -- st ' Warum soll denn das Bürschchen da nicht durchgehen, he? Meinst vielleicht, er tritt Euch von dem kostbaren Steinpflaster da 'was s