Heft 
(1885) 08
Seite
138
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I

Der Wächter selbst beschwert vom wein Nickt aus dem Thurm ermattet ein.

Da schreckt ihn aus um Mitternacht Des nahen Mondes Helle Fracht,

Die ostwärts überm Wald erglommen.

Er meint, schon will der Morgen kommen. Zeit ist's, denkt er in jähem Schrecken, Die große Ritterschaft zu wecken.

Die Alten brummen in den Bart:

To war von je der Weiber Art. wenn sie des Vaters Haus verlassen, Weiß keine sich vor Schmerz zu fassen.

Laut stößt ins Horn der trunkne Mann: Steht aus, ihr Herrn! Der Tag bricht an! Das Dröhnen des Allarmhorns traf Die Zecher all im ersten Schlaf;

Sie starrten gähnend in die Helle.

Die Anechte schlichen in die Ställe,

Und unter Lärmen und Geschrei Zog Roß und Zelter man herbei,

Bis endlich die gesammte Schaar Der alten Herrn im Sattel war.

Dem ältsten ward die bleiche Braut Zu Dienst und Obhut anvertraut.

Der Armen führte man am Thor Des Freundes bunten Zelter vor;

Da deckt sie mit dem Schleier sich Und schluchzt und weinet bitterlich.

So brach man aus noch lang vor Tag. Ihr Ziel, ein altes Kirchlein, lag Fern an des großen Waldes Saum.

Der weg bot nur zwei Rossen Raum, Drum ordnet sachte sich die Schaar.

In langem Zuge Paar um Paar Rottirten sich die vielen Reiter,

Zuletzt die Braut und ihr Begleiter.

Der alte Herr, der wenig sprach,

Ließ sie voraus und folgte nach,

Daß in des finstern Weges Enge Sein Roß nicht an das ihre dränge.

So ging es durch die Wälder fort,

Man hörte kaum ein lautes Wort,

Das Rascheln nur im dürren Laub,

Der Thiere Stampfen und Geschnaub. Die meisten nickten schlummertrunken, Vorn aus des Pferdes Hals gesunken, Und wer im Sattel ausrecht saß,

Der sann für sich aus dies und das,

Im Kops umnebelt und verwacht,

Und niemand nahm des Fräuleins Acht. Ihr Ritter war ein gutes Stück Des Weges hinter ihr zurück,

Da oft sein Rößlein stehen blieb,

Bis er's im Schlafe weiter trieb.

Sie selbst blickt achtlos vor sich hin,

Nur Lieb und Liebesleid im Sinn.

So ritt sie durch die Einsamkeit Allein, nur Gott war ihr Geleit,

Bis tief sich in ein schattig Thal Die Straße senkte, wo kein Strahl Des Mondes durch das Dickicht drang. Sie ließ dem Zelter freien Gang,

Und unvermerkt bog dort mit ihr In jenen Pfad das treue Thier,

Den es in hoffnungsreichen Tagen So manchmal seinen Herrn getragen.

Sie schwand im Wald. Der Troß der Reiter Ritt aus der großen Straße weiter.

Doch endlich sah das Fräulein um: Rings nächtge wildniß öd und stumm; Sie war verlassen und verirrt,

Sie bebt vor Schreck und Graus verwirrt, Schon will sie rufen angstbeklommen, Doch wehe, nein! was soll's ihr frommen ? Viel besser wahrlich, hier zu sterben,

Und in der wüste zu verderben!

Sie ließ dem klugen Roß die Zügel;

Das trug sie weit durch Thal und Hügel Mit sanftem Schritt ohn' Aufenthalt,

Und langsam lichtet sich der Wald.

Da kreuzt ein Gießbach ihren weg, Dumpsbrausend, tief und ohne Steg; Das Roß ging ruhig längs dem Rand, Bis es die Furt, die seichte, fand,

Und sicher klomm es aus der Schluft. Ein Horn klang durch die Dämmerluft. Sie kam ins freie Feld hinaus Und sah vor sich ein festes Haus.

Dort auf der Zinne blies ein Mann Den Tag mit Hellen weisen an.

Der treue Zelter ritt in Ruh Dem wohlbekannten Thore zu,

Und auf der Brücke scharrt sein Huf. Der Wächter stockt im Morgenruf Und spähte lauschend hin und wieder, von seiner warte stieg er nieder Und ries durch's Fensterlein am Thor: wer ritt hier auf die Brücke vor? Sie spricht, und ihre Thränen wallen: Die Unglückseligste von Allen,

Die je geschaut des Lebens Licht! wohin ich soll, ich weiß es nicht.

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Dann neß er sein Gebot erschallen Dem Thürmer und den Knechten allen: Merkt auf und sagt's von Mund zu Munde! Vor Sonnenaufgang eine Stunde Soll alles wach sein und bereit.

Drum sorget, daß zur rechten Zeit Ein jeder flink das seine Lhue!

Drauf legten alle sich zur Ruhe Die junge Braut nur lag in Thränen Und wacht' in hoffnungslosem Sehnen;

ie weinte still und seufzte tief,

Indessen ringsum alles schlief.

Ich bin verirrt. Erbarm dich mein! I Nur bis es Tag ist, laß mich ein! Das darf ich nicht, bei meinein Haupt! ! Bevor es mir mein Herr erlaubt. ^ Der liegt vergrämt in herbem Grimm; Denn man betrog ihn allzu schlimm. - !

Ob ihrer Schönheit staunt der Mann ! Und stieg zu feinem Herrn hinan; ! Der lag in stetein Kummer wach. ! Verzeiht, Herr, rief er ins Gemach,

Vor unsrem Thor im Morgengrau Hält eine tiefbetrübte Frau,

Von Jahren jung und fein von Sitten. Sie kam dort aus dem Wald geritten. Ihr Mantel glänzt in prächtgem Scheine, Der ist von Scharlach, wie ich meine.