Heft 
(1890) 04
Seite
54
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Der Major stutzte, er hatte an diese Möglichkeit noch gar nicht gedacht.

Mann wolltest Du sie Wiedersehen?" fragte er.

Heute, um diese Stunde, am Burgsdorfer Weiher. Sie wird sicher schon dort sein."

Falkenried schien mit sich zu kämpfen, in seinem Innern erhob sich eine warnende Stimme und mahnte ihn, diesen Ab­schied nicht zuzulassen, und doch fühlte er, daß es grausam wäre, ihn zu verweigern.

Wirst Du in zwei Stunden Zurück sein?" fragte er endlich.

Gewiß, Vater, noch früher, wenn Du es verlangst."

So geh'!" sagte der Major mit einem tiefen Athemzuge; man hörte es, wie schwer ihm die Einwilligung wurde, die sein Gerechtigkeitsgefühl ihm abrang.Sobald Du zurückkehrst, fahren wir nach Hause, Deine Ferien nehmen ja ohnehin bald ein Ende."

Hartmut, der schon im Begriff war, zu gehen, hielt Plötzlich inne. Die Worte riefen ihm auf einmal wieder in das Ge- dächtniß, was er in der letzten halben Stunde völlig vergessen hatte, den Zwang und die Strenge des so gehaßten Dienstes, der nun wieder seiner harrte. Er hatte es bisher nicht gewagt, seine Abneigung dagegen offen zu verrathen, aber diese Stunde nahm mit der Scheu vor dem Vater auch das Siegel von seinen Lippen. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, kehrte er um und legte von neuem seine Arme um den Hals des Vaters.

Ich habe eine Bitte," flüsterte er,eine große, große Bitte, die Du mir gewähren mußt, und Du wirst es thun, ich weiß es, als Beweis, daß Du mich wirklich liebst."

Zwischen den Brauen des Majors erschien eine Falte und er fragte mit leisem Vorwurf:

Verlangst Du erst noch Beweise dafür? Nun, so laß hören!"

Hartmut schmiegte sich noch fester an ihn, seine Stimme ge­wann wieder jenen schmeichlerisch süßen Klang, der sein Bitten so unwiderstehlich machte, und die dunklen Augen baten so heiß und flehend mit.

Laß mich nicht Soldat werden, Vater! Ich liebe den Beruf nicht, für den Du mich bestimmt hast, werde ihn niemals lieben lernen. Wenn ich mich bisher Deinem Willen gebeugt habe, geschah es mit Widerstreben, mit heimlichem Groll, und ich bin grenzenlos unglücklich dabei gewesen; ich wagte nur bisher nicht, Dir das zu gestehen."

Die Falte auf der Stirn Falkenrieds vertiefte sich und langsam ließ er seinen Sohn aus den Armen.

Das heißt mit anderen Worten, Du willst nicht gehorchen!" sagte er herb,und gerade Dir ist das nothwendiger als jedem anderen."

Ich kann aber keinen Zwang ertragen!" brach Hartmut leidenschaftlich aus,und der Dienst ist ja nichts anderes als z Zwang und Ketten. Immer und ewig gehorchen, nie einen eigenen ! Willen haben, sich Tag für Tag einer eisernen Disziplin beugen, ^ starren kalten Formen, mit denen man jede eigene Regung nieder- ! hält das ertrage ich nicht länger! Alles in mir drängt nach ! Freiheit, nach Licht und Leben. Laß mich hinaus, Vater! Halte ! mich nicht länger fest an der Kette, ich sterbe, ich ersticke darin!" '

Er hätte seine Sache nicht schlimmer führen können als mit ^ diesen unvorsichtigen Worten vor einem Manne, der mit Leib und Seele Soldat war. Noch klangen sie in stürmischer, glühen­der Bitte, noch lag sein Arm um den Hals des Vaters; aber dieser richtete sich jetzt plötzlich auf und stieß ihn zurück.

Ich dächte, der Waffendienst wäre eine Ehre, keine Kette!" sagte er schneidend.Schlimm genug, daß ich meinem Sohne das erst in das Gedächtniß rufen muß. Freiheit, Licht und Leben? Meinst Du vielleicht, man hat mit siebzehn Jahren schon das Recht, sich ohne weiteres in das Leben zu stürzen und all seine Güter an sich zu reißen? Für Dich wäre die ersehnte Freiheit nur die Zügellosigkeit das Verderben!"

Und wenn das wäre!" rief Hartmut völlig außer sich. Lieber verderben in der Freiheit, als weiter leben in diesem Zwang. Für mich ist er nun einmal eine Kette, eine Sklaverei"

Schweig'! kein Wort mehr!" herrschte ihn Falkenried so drohend an, daß der Knabe trotz seiner furchtbaren Aufregung verstummte.Du hast überhaupt keine Wahl mehr, denn Du stehst bereits in Eid und Pflicht, und wehe Dir, wenn Du das Vergessen solltest! Erst hast Du Offizier zu werden und Deine

Pflicht als solcher voll und ganz zu leisten, wie jeder Dem er Kameraden; dann, wenn Du mündig geworden bist und ich keine ! Macht mehr habe, Dich zu hindern, magst Du Deinen Abschied z nehmen, wenn es mir auch den Todesstoß geben wird, Zu er- ! leben, daß mein einziger Sohn den Waffendienst flieht!"

!Vater, hältst Du mich für einen Feigling?" brauste Hartmut ! auf.Wenn ich im Kriege, im Kampfe stehen könnte

>So würdest Du tollkühn und blind jeder Gefahr entgegen- ^ stürmen, auf eigene Hand, und mit diesem Eigenwillen, der keine i Disziplin kennt, Dich und die Deinigen vernichten. Ich kenne z ihn, diesen wilden, maßlosen Freiheits- und Lebensdrang, dem ! keine Schranke und keine Pflicht heilig ist, ich weiß, von wem ! Du ihn geerbt hast und wohin er schließlich führt. Darum halte ? ich Dich fest an der ,Kette', gleichviel, ob Du sie hassest oder . nicht. Du sollst gehorchen und Dich beugen lernen, so lange es noch Zeit ist, und Du wirst es lernen, darauf gebe ich Dir mein Wort!"

Seine Stimme klang wieder in der alten, unbeugsamen Härte, jede Weichheit, jede Zärtlichkeit war ausgelöscht in den ^ eisernen Zügen, und Hartmut kannte den Vater zu gut, um jetzt noch die Bitte oder den Trotz zu versuchen. Er erwiderte keine , Silbe, aber in seinem Auge glühte wieder jener dämonische ^ Funke, der ihm alle Schönheit nahm, und um die Lippen, die sich fest aufeinanderpreßten, legte sich ein fremder, böser Aus- i druck, als er sich stumm zum Gehen wandte.

Der Major folgte ihm mit den Augen da erhob sich wieder ! die warnende Stimme in seinem Innern, es kam wie die Ahnung ! eines Unheils über ihn, und er rief den Sohn zurück.

Hartmut, Du wirst doch in zwei Stunden wieder hier sein?

- Du giebst mir Dein Wort darauf?"

Ja, Vater!" Die Antwort klang grollend, aber fest.

Gut, so will ich Dich einmal als Mann behandeln. Mit diesem Worte, das Du mir verpfändest, lasse ich Dich ruhig gehen, sei pünktlich!"

Der junge Mann war erst einige Minuten fort, da trat Wallmoden ein.

Du bist allein?" fragte er etwas befremdet.Ich wollte Dich nicht stören, aber ich sah eben Hartmut durch den Garten eilen. Wohin geht er denn so spät noch?"

Zu seiner Mutter, um Abschied von ihr zu nehmen."

Der Botschaftssekretär stutzte bei dieser unerwarteten Auskunft.

Mit Deiner Bewilligung?" fragte er rasch.

Gewiß, ich habe es ihm erlaubt."

Wie unvorsichtig! Ich dächte, Du hättest doch nun ge­sehen, wie Zaklka ihren Willen durchzusetzen versteht, und jetzt überläßt Du ihr Deinen Sohn von neuem auf Gnade und Ungnade!"

Auf eine halbe Stunde und nur zu einem Lebewohl, das ich nicht verweigern konnte. Was fürchtest Du denn? Doch nicht etwa einen Gewaltstreich? Hartmut ist kein Kind mehr, das man in den Wagen trägt und trotz seines Sträubens entführt."

Wenn er sich nun aber nicht sträubt bei einer etwaigen Entführung?"

Ich habe sein Wort, daß er in zwei Stunden zurückkehren wird," sagte der Major mit Nachdruck.

Wallmoden zuckte die Achseln.

Das Wort eines siebzehnjährigen Knaben!"

Der aber zum Soldaten erzogen ist und die Bedeutung des Ehrenwortes kennt. Das macht mir keine Sorge, meine Be­fürchtungen gehen nach einer anderen Richtung."

Regine sagte mir, Ihr hättet Euch gefunden," bemerkte Wallmoden mit einem Blick auf die noch immer schwer umdüsterte Stirn des Freundes.

Auf Minuten, dann mußte ich wieder der harte, strenge Vater sein, und gerade diese Stunde hat mir gezeigt, wie schwer die Aufgabe ist, diese unbändige Natur zu beugen und zu er­ziehen- gleichviel, ich werde sie bewältigen."

Der Botschaftssekretär trat an das Fenster und blickte in den Garten hinaus.

Es dämmert schon und der Burgsdorfer Weiher ist über eine halbe Stunde entfernt," sagte er halblaut.Du hättest diese letzte Zusammenkunft, wenn sie nun einmal stattfinden sollte, nur in Deiner Gegenwart gestatten sollen."

Und Zalika Wiedersehen? Unmöglich, das konnte und wollte ich nicht."