Heft 
(1890) 04
Seite
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So vergingen etliche Stunden und die Sonne machte schon Miene, hinter der mit Tannen besetzten Höhe zu verschwinden. Lehnert aber, der all die Zeit über mit besonderem Weiße ge­arbeitet, hatte seines in die Hobelspäne gestellten Kaffees ganz vergessen und wollt' eben aufstehen, um das Versäumte nach­zuholen, als die Mutter in großer Hast und Aufregung vom Haus her auf ihn zukam und in den Arbeitsschuppen hineinrief: Ein Has', Lehnert, ein Has'!"

Wo, Mutter?"

In unserm Korn."

Und ehe zwischen beiden noch weiter ein Wort gewechselt werden konnte, sprang Lehnert auch schon voll seiner Arbeit auf, lief auf das Haus zu, riß die Flinte vom Riegel und stürzte durch die Hinterthür, über den Hof fort, auf den zu Feld und Wald hinüberführenden Brückensteg zu. Bevor er diesen aber erreichen konnte, wurd' es dem Hasen drüben nicht recht geheuer, der denn auch in kurzen Sätzen, und zwar immer an dem Korn­feldstreifen entlang, sich auf den Wald zu zog. Freilich nur langsam und mit Pausen.Sieh, er sputet sich nicht 'mal, er hat nicht 'mal Eile," sagte Lehnert vor sich hin und legte den Kolben an die Schulter und zielte. Da wurde der drüben mit einem Male flinker und beeilte sich, den kaum zehn Schritt breiten Abhang, der zwischen Acker und Wald die Grenze zog, hinauf- zukommen; aber eh' er noch bis an das Unterholz heran war, fiel der Schuß. Am Saume hin zog der Pulverrauch und wollte sich nicht gleich verthun; Lehnert indeß, der wohl wußte, daß er keinen Fehlschuß gethan hatte, ging langsam auf die Stelle zu, nahm den Hasen vom Boden und kehrte dann über Steg und Hof in sein Häuschen zurück.

Da, Mutter. Der soll uns schmecken. Opitz kann sich den Hahn braten lassen."

Erst als Lehnert diesen Namen nannte, kam der Alten die nur zu berechtigte Sorge wieder, was Opitz zu dem allem wohl sagen würde. Lehnert selbst aber war guter Dinge, sprach in einem fort von Haus- und Feldrecht und suchte der Alten ihre Befürchtungen auszureden. Ob es ihm ernst damit war und ob er wirklich an seinHaus- und Feldrecht" glaubte, war schwer zu sagen und blieb auch da noch im Ungewissen, als eine halbe Stunde später Opitz in Person von seiner Försterei herüberkam und den Hasen forderte.

Lehnert spielte den Unbefangenen, ja zunächst sogar den Ver­bindlichen und bat Opitz, Platz nehmen zu wollen, und erst als dieser, unter Ablehnung der Artigkeit, die Forderung wiederholte, stellte sich Lehnert mit dem Rücken an den Ofen und sagte:Was man nicht hat, kann man nicht geben."

Um Opitz' Züge, der nur zu gut wußte, daß er jetzt seiueu alten Gegner in Händen habe, flog ein spöttisches Lächeln, und es trieb ihn mächtig, diesem seinem Gefühle von Ueberlegenheit auch sofort einen Ausdruck zu geben. Er bezwang sich aber und sagte:Lehnert, Ihr nehmt den Streit wieder auf und thätet doch klüger und besser, es nicht zu thun. Ich warn' Euch. Ich mein' es gut mit Euch."

Ich habe den Hasen nicht."

Ihr habt von dem Brückensteg aus gezielt und geschossen."

Ich habe von dem Brückensteg aus geschossen, aber nicht gezielt. Der Hase saß in unserm Feld; er ist jetzt öfters bei uns zu Gast, und nachts wird er wohl mit Familie kommen. Ich brauche keinen Hasen in meinem Felde zu leiden und ich Hab' ihn verjagen wollen."

Ein Has' ist ein Has' und Ihr braucht bloß in die Hand zu klatschen ..."

Aber ein Schuß hilft mehr."

Namentlich, wenn er getroffen hat."

Lehnert schwieg und sah an Opitz vorbei, der seinerseits eine kleine Weile vergehen ließ, fast als ob er Lehnert eine Frist zur Ueberlegung gönnen wolle. Als aber jedes Entgegenkommen aus­blieb, nahm er zuletzt das Wort wieder und sagte:Lehnert, Ihr bringt Euch in Angelegenheiten. Ihr habt einen Haß gegen mich und das verdirbt Euch Euren guten Verstand. Ihr streitet mir den Hasen ab, Ihr, der Ihr immer von Eurer Wahrheitsliebe sprecht, und es wäre mir doch ein leichtes, den Hasen in Eurem Hause zu finden. Und wenn ich ihn nicht fände, so doch Diana . . . Kusch dich! . . . Ihr habt den Hasen verjagen wollen. Nun, meinetwegen; das ist Euer gutes Recht. Und wenn Jhr's

Euch einen Schuß Pulver kosten lasse',: wollt, nun, so mag auch das hingehen, obwohl es auffällig ist und eigentlich nicht in der Ordnung. Es ist nicht Brauch hier zu Land, einen Hasen durch einen Flintenschuß zu verjagen. Und der letztberechtigte dazu seid Ihr, der Ihr schon manches auf dem Kerbholz habt. Ich sah von meiner Giebelstube her, daß Ihr im Anschlag lagt, und ich sah auch, wie der Hase zusammenbrach. Und zum Ueber- fluß Hab' ich mir die Stelle drüben, eh' ich in Euer Haus kam, mit allem Vorbedacht angesehen und habe den Schweiß an dem hohen Farnkraut gefunden, das drüben steht."

Die Bedrängniß, in der sich Lehnert befand, wuchs immer mehr, und ein begreifliches Verlangen überkam ihn, aus dieser seiner Lage heraus zu sein. Er war aber schon zu tief drin, und was die Hauptsache war, er konnte sich nicht entschließen, zu­zugeben, daß er eine Lüge gesprochen habe. So pfiff er denn leise vor sich hin, als ob er andeuten wolle, daß der Worte genug ge­wechselt seien.

Opitz seinerseits aber war nicht willens, seinen Triumph ab­zukürzen, und fuhr, während er eine gewisse Gütigkeitsrolle weiter­spielte, ruhigen Tones fort:Ich sehe, Lehnert, daß Ihr unge­duldig werdet, und will Eure kostbare Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen. Und so hört denn meinen letzten Vorschlag! Ich will den Hasen nicht, und meine Frau, die's, wie Ihr wißt, gut mit Euch meint, mag Euch auch noch den Speck dazu schicken. Und ich, Lehnert, ich will's bei dem Grafen verantworten, und wenn er sich wundern sollte, so will ich, aus Rücksicht für Euch, von einem Schreckschuß sprechen, der zufällig getroffen habe. Der Graf ist ein gnädiger und nachsichtiger Herr, und wenn er das mit dem .Schreckschuß' auch nicht glauben wird, so wird er doch so thun, als glaub' er's. Aber das verlang' ich von Euch, daß Ihr Euch vor mir zu dem bekennt, was Ihr gethan habt, und daß Ihr Euch entschuldigt. Hab' ich Euch doch mein Bedauern über den Hahn ausgesprochen und war nicht dazu verbunden. Aber Ihr, Ihr seid's. Und nun heraus mit der Sprache! Beichte:: ist immer das beste, da wird die Seele wieder frei, nicht wahr? Und man kann jedem wieder ins Auge seh'n."

Kann ich!" sagte Lehnert, und sein Auge suchte das des Försters, um sich mit ihn: zu messen. Aber das Gefühl seines Unrechts war doch stärker als sein Trotz und er senkte den Blick wieder.

Opitz lächelte.

Guten Abend, Frau Menz. Ich werde meine Frau von Euch grüßen. Und auch Christine. Und nun Gott befohlen!"

Und ohne weiter ein Wort an Lehnert zu richten, verließ er das Haus und ging auf den Steg zu. Diana folgte.

8 .

Die Alte war ihm bis in den Vorgarten gefolgt und rechnete darauf, daß er sich noch einmal nmsehen würde, für welchen Fall sie unterthänigst zu knixen vorhatte; als sie aber schließlich gewahr wurde, daß auf einen gnädigen Abschiedsblick nicht mehr zu rechnen sei, gab sie's auf und ging in die Stube zurück. Hier stand Lehnert noch an: alten Fleck und sah vor sich hin.

Ach, Lehnert, wenn Du's doch nicht gethan hättest . . . Und Speck will er uns auch noch schicken. Sieh, so ist er immer und meint es gut. Aber wenn ich ihn auch mit Schmand* brate, schmecken thut er mir doch nicht. Wie kann er mir auch schmecken? Wenn man Angst hat, schmeckt einem nichts, gar nichts, und will nicht 'runter, und ich fühle schon, wie's mir hier sitzt."

Ach, Mutter, was soll das? Aber so bist Du. Du willst alles haben, und wenn dann nachher 'was passirt, was nach Ge­richtsvorladung aussieht, oder wenn Du gar zu glauben anfängst, nun ist es mit dem Schinkenknochen und dem Liesenschmalz drüben vorbei, dann heißt es wieder: ja warum auch? warum hast Du geschossen?"

Ich habe nichts gesagt, ich habe Dir nicht zugeredet."

Lehnert stampfte heftig auf, fiel aber rasch wieder ins Lachen und sagte:Wir wollen uns vertragen, Mutter. Du bist, wie Du bist. Nein, zugeredet hast Du nicht. Du kamst bloß, als ob wenigstens das Haus in Brand stünd', und riefst: ,Ein Has', ein Has'!' Nun sage, was hieß das? was sollte das? Sollt' ich

* Sahne.