die. vielgeprüfte Expedition heran. Das geschah im Dezember 1888 in der Nähe des Zusammenflusses des Jhurn und des Dui.
In den Bananenpslanzungen von Ngwetsa ließ Stanley jeden Mann genügenden Mundvorrath mitnehmen, um damit Fort Bodo zu erreichen, bei welchem von der Expedition Felder bestellt worden waren. Alles lief verhältnißmäßig gut ab. Man bestand Kampfe mit den Eingeborenen, schlug sie aber immer zurück; auch einige Zwerge wurden gefangengenommcn und sagteil unter anderem aus, daß man in einigen Tagen eine herrliche Bananenpflanzung erreichen werde. Stanley ahnte nicht, wie verhängnißvoll die Aussage der Zwerge für ihn werden sollte. Er erfuhr es erst am 8. Dezember. Bald nachdem das Zelt des Hauptquartiers aufgeschlagen und das aus blattreichen Pflanzen bestehende Unterholz etwas ausgerodet war, beobachtete Stanley einen jungen Burschen, welcher wankte. Er ging zu ihm und fragte ihn nach der Ursache, worauf er zu seiner Ueberraschung erfuhr, daß Schwäche infolge Mangels an Lebensmitteln der Grund seines schwankenden Ganges sei. „Habt Ihr denn Eure ganzen fünftägigen Rationell scholl aufgegesfen?"
Nein, er hatte sie fortgeworfen, weil die gefangenen Zwerge gesagt hatteil, daß sie in einem Tage eine Pflanzung erreichen würden, die wegen ihrer Bananen, der „größten in der Welt", berühmt fei.
Nachforschungen im Lager ergaben, daß mindestens 150 Leute dasselbe gethan hatten und null nichts mehr besaßen. Man war wieder in einem Hungerlager. Ngwetsa war nur IlOZ Marsch- stunden entfernt. Am 9. Dezember morgens brachen darum etwa 200 Mann nach den Bananenpslanzungen auf, nachdem sie für die 130 Personell im Lager etwa 200 Pfund Mehl zurückgelassen hatten.
Tage vergingen und die Fouragierer kehrten nicht zurück.
Die Leute sahen jämmerlich aus. Stanley öffnete die Kisten lllit europäischem Proviant und vertheilte Butter und kvndensirte Milch zur Verbesserung der Mehlsuppe, je einen Topf Butter und Milch für 130 Personell, die sich nach dieser Mahlzeit im Walde zerstreuteil, um Beeren und Pilze zu suchen. Einige verirrten sich und wurden vermißt, andere starben im Lager.
„Nachts auf meinem Lager," schreibt Stanley, „beunruhigte mich der Gedanke all die Abwesenden; aber wie unangenehm die Idee, daß ein schreckliches Unglück — sie konnten sich im Walde verirrt haben und vor Hunger zusammengebrochen sein, ehe sie die Bananenpslanzung erreicht hatten - - sich ereignet habe, auch seill mochte, ich konnte nicht umhin, auch die dunkelsten Aussichten zu berücksichtigen und das Schlimmste zu erwarten, um wenn möglich die Ueberbleibsel der Expedition zu retten, damit die Nachricht all den Pascha und durch ihn Alles Tages all die Civi- lisation gelange. Ich malte mir aus, daß die ganze Kolonne in diesem Lager umgekommen sei, wie der Pascha einen Monat nach dem andern sich wunderte, was aus uns geworden sei, wie wir in diesem unbekannten Winkel des großen Waldes vermoderten und verwesten, jedes Zeichen all den Bäumen verwuchs und jede Spur von uns innerhalb eines Jahres verwischt sein würde, so daß unser Begräbnißplatz ans ewige Zeiten unbekannt bleibell würde. In der That schien es mir, als ob wir gerade solchem Schicksal stetig entgegengetrieben würden. Da waren ungefähr 200 Mann, welche ohne Lebensmittel 55 ünr weit gingen, um solche zu suchen. Nicht 150 von ihnen würden den Ort erreichen, die übrigen würden sich wie die Madi* auf den Boden werfen, um zu warten und voll den andern zu betteln, falls diese etwa zurückkehren sollten. Und wenn den 50 Tapferstell ein Unglück zustieß, was dann? Einige werden einzeln von den Zwergen niedergeschossen, die übrigen im ganzen von den größern Eingeborenen angegriffen. Die Leute haben keinen Führer, sie zerstreuen sich, verlieren den Kopf, verirren sich und werden einer nach dem andern von den Speeren der Wilden nieder-gemacht. Während wir warten und ewig warten auf Leute, die nicht wiederkehren können, sterben die weinigen erst zu dreien, sechsen, zehnen, zwanzigen, bis alles vorüber ist, wie ein erloschenes Licht. Nein, es muß irgend etwas geschehen.-
„Boillly (der oben genannte Offizier Stanleys) erbot sich, mit ^ 10 Mann im Lager bei den Vorräthen zu bleibell, wenn ich für ihn und die Leute Lebensmittel für zehn Tage, die Zeit, welche -
* Eingeborene auS der Aequatorialprovinz, die Emin Otanley als ! Träger mitgegeben hatte. I
wir fort zu seill beabsichtigten, zurücklassen würde. Das Material, um eine dünne Brühe für eine so kleine Zahl auf zehn Tage zu bereiten, war nicht schwer zu finden. Wir maßen eine halbe Tasse voll Maismehl Pro Kopf für 13 Mann und zehn Tage und zählten 1 Milchbisknits pro Mann und Tag ab; außerdem ließen wir ihnen noch einige Büchsen lllit Butter und kondensirter Milch zur Verbesserung der Mehlsuppe zurück. Für diejenigen, welche nicht gewillt oder nicht imstande waren, uns zn den Bananen zu folgen, vermochten wir nichts zu thnn. Was eine kleine Besatzung voll 13 Mann viele Tage unterhalten konnte, würde das Leben von 50 Leuten nicht retten, die scholl so schwach waren, daß nur eine große Menge des leicht verdaulichen Bananenmehls sie möglicherweise noch erhalten konnte.
„Am Morgen des 15. Dezember musterten wir alles, was inl Lager noch am Leben war. Der ManMla-Anführer Sadi meldete, daß von seinen Leuten 11 nicht imstande seien, sich zn bewegeil; Kibbobora berichtete, daß voll seiner Abtheilung nur sein kranker Bruder nicht gehen könne, und bei Fundi war unrein Weib und ein kleiner Knabe zu schwach für den Marsch. Die Expedition mußte 13 Personell zurücklassen, die der Auflösung nahe waren, wenn nicht innerhalb 21 Stunden Lebensmittel herbeigeschafft wurden. Einen hoffnungsvolleil Toll anschlagend, obwohl das Herz mir fast brach, sagte ich ihnen, sie sollten guten Muthes seill, ich würde die Abwesenden aufspüren, die sich ver- muthlich vollstopften. Höchst wahrstheinlich würde ich ihnen unterwegs begegnen, in welchem Falle sie den ganzen Weg zum Lager zurück springen sollten. .Betet inzwischen für meinen Erfolg. Gott allein kann euch jetzt helfen!'"
Noch eine furchtbare Nacht im Walde; dann stieß mail am 16. Dezember auf die heimkehrenden mit großen Hansell grüner Früchte beladenen Fouragierer, und nachdem der erste Hunger gestillt worden war, eilte man, zurück in das Hungerlager, wo die Ersehnten willkommen geheißen wurden, wie nur Sterbende die Hand willkommen heißen können, welche sie retten will.
Es war im Januar 1889, als Stanley zum dritten Male am Albertsee eintraf; aber Emins Schicksal hatte sich inzwischen ganz anders entschieden, als mall noch vor 8 Monaten hatte all nehmen können. Die Aegypter hatten gemeutert,. Emin und Jephson verhaftet, und obwohl der Einbruch der Mahdisten den Gefangenen die Freiheit wiederbrachte, so hatte doch Emin über keine Provinz und keine Truppen mehr zu verfügen. Nunmehr blieb nichts anderes mehr übrig als der Rückzug nach Sansibar. Emin war „gerettet", aber voll den wichtigen, vielleicht wichtigsten Nebenzwecken der Stanleyschen Unternehmung war keiner erreicht.
Wenn die Bewohner des offenen Landes, der Grasebene, sich nur bei der ersten Begegnung den Fremden feindlich gegenüberstellten und dann, voll der furchtbaren Wirkung der Feuerwaffen belehrt, sich vor den Mächtigereil beugten, verhielten sich die Stämme des Waldes ganz anders. Bei den wiederholteil Zügen der Karawane durch die Waldwildnisse hatten sie bald ill Erfahrung gebracht, daß sie, da ihnen die Wildniß genau bekannt war, vor den Fremden im Bortheil seien. Sie konnten ihre vergifteten Pfeile aus dem Versteck abschießen, sie konnten einzeln Dahinziehende überrumpeln und niederstechen und machten voll dieser Kriegslist gerade beim letzten Marsch Stanleys durch den Wald den ausgiebigsten Gebrauch.
In hinterlistigen Ueberfällen zeichneten sich namentlich die Zwerge aus. Seit uralten Zeiten wurde das Innere Afrikas als die Heimath der Zwerge betrachtet. Seit den Reisen Schwein- furths im Monbuttulnnde weiß die Welt, daß die Pygmäen keine Sagengestalten sind. Schweinfurth hat den Zwergstamm der Akka entdeckt, die vermuthlich entfernte Verwandte der Busch männer in Südafrika sind. Zwergstämme sind auch in Westafrikn im Aschantilande, ill dem Kongobeckeil als Waldnomnden gefunden worden, und man nimmt an, daß sie den Rest Aller Urbevölkeruilg Afrikas bilden. Ihre Lebensweise ist überall die gleiche. Sie leben voil der Jagd, benutzen vergiftete Pfeile, nomadisiren im Walde. Auch die Zwergstämme, denen Stanley begegnete, zeigen dieselben Eharakterzüge, wie dies die nachfolgenden Stellen aus den Schilderungen Stanleys darthun:
„Zerstreut unter den Balesse zwischen Jpoto und dem Berge Pisgah im Lande zwischen den Flüssen Ngaijn und Jturi, einer