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Ein geradezu überraschendes Bild aber bot Peter Elbes Tochter, ^ die schon seit geraumer Zeit hier bei der Alten wohnte. Bei un- ! gewöhnlicher Größe und schlankem Wuchs entbehrte ihre Erscheinung ! doch nicht der Anmuth, und ihre Züge hatten einen überaus edlen ! Charakter. Sie schien indessen mit ihrem Herzen wenig bei der ^ bevorstehenden Hochzeit zu sein und begegnete ihrem Bräutigam mit so gezwungener Freundlichkeit, daß es Bianca auffiel und sie ! ihren Bruder nicht ohne Besorgniß darauf aufmerksam machte.
Richard hatte sich eben den Danksagungen für ein reiches ! Geschenk, das er mitgebracht hatte, entwunden und gab seiner Freude über das zierliche Häuschen Ausdruck. Eine tadellose Sauberkeit ! herrschte in den kajütenartig niedrigen, aber Hellen Zimmern. Bunte Tassen standen auf Schränken und Kommoden, deren glatte Flächen die blankgeputzten Messinggriffe wiederspiegelten, und von dem Braun der getäfelten Wände, des gebahnten Fußbodens und der alten, durch den Gebrauch dunkelblitzenden Möbel hoben sich die schneeweiß bemalten Paneele unter den blumenbesetzten Fensterbänken reizvoll ab.
Nachdem alle Platz genommen, ward ein reichliches Frühstück aufgetragen, zu dem die Männer einen Hellen Branntwein tranken. Das Hauptmahl sollte erst später nach der kirchlichen Trauung im sogenannten „Schifferhaus", einer öffentlichen Herberge, stattfinden.
„Es ist zu klein bei mir —" erklärte die Alte, indem sie wohlgefällig mit der Hand über ihre braunseidene Schürze strich. „Und ich Hab' ja ein paar Schilling. Da kommt's nicht drauf an."
Nach einer kleinen Stunde, die in munterem Gespräch verfloß und namentlich durch Peter Elbes frohe Laune gewürzt ward, erhob sich die Braut, um sich anzukleiden, und auch der Kapitän entfernte sich für einige Zeit, nachdem er noch die Gäste in einen kleinen, schmucken, hinter dem Hause gelegenen Garten geleitet hatte. Während die Zurückbleibenden dort plaudernd auf- und abschritten, — etwa ein halbes Stündchen mochte verflossen sein, —- kam das Hausmädchen in höchster Aufregung herbeigelaufen und fragte die Alte, ob sie nicht wisse, wo Fräulein Jngeborg sei.
Diese Frage erweckte zunächst keine Besorgniß; als aber das Mädchen wiederholte, die Braut sei verschwunden, man suche sie vergebens im Haus und in der Nachbarschaft, da ergriff die Alte und ihre Gäste eine große Unruhe. Bianca wechselte mit ihrem Bruder einen überraschten und erschreckten Blick, und eben, als sie alle sich ins Haus begeben wollten, stürzte ihnen Larsen, bleich vor Erregung, mit einem Zettel in der Hand, entgegen. Ein Unbekannter, knirschte er, habe ihn soeben überbracht. Und mit bebender Stimme wiederholte den entsetzt aufhorchenden Gästen Larsen das Geschriebene, das lautete:
„Ich habe Mückern verlassen. Ich kann Dir nicht angehören. Verfolge mich nicht, es wäre vergeblich! I. E."
3 .
Richard und Bianca waren nach Trollheide zurückgekehrt. Der alte Peter hatte auf der Rückfahrt dageseffen wie ein Steinbild, unbeweglich und in sich gekehrt, und nur ab und zu mit- trostlos finsterem Blick die Augen auf die öden, weiten Heideflächen gerichtet, an denen sie mit schnellem Ruderschlag vorüberfuhren.
Jedem Zuspruch war er ausgewichen. Es sei diese Verbindung sein Herzenswunsch gewesen, hatte er wimmernd hervorgestoßen. Nun sei alles todt. Was aus seiner Tochter werden solle, die allein in die Welt hinausgegangen sei? Vielleicht würde er sie nie Wiedersehen! Und die Schande! Mit welchen Worten würden die Leute in Mückern in Zukunft von ihr reden!
So hatte es denn Richard aufgeben müssen, den Alten zu trösten, zumal er mit seinen eigenen Sorgen genug zu thun hatte.
Peter Jeppe war, wie ihm bei seiner Rückkehr berichtet wurde, von den Gendarmen zwar nicht eingefangen worden, doch hatten sie seine Spur in der Umgegend entdeckt und hofften, ihn demnächst dingfest zu machen. Das beruhigte Richard zunächst, doch bestand er darauf, daß seine Schwester ihn begleite, als er zwei Tage später, dem Wunsch des Herrn Ericius entsprechend, nach Limforden übersiedelte. Mancherlei Bedenken, die sich namentlich auf das Zusammenleben mit der Familie Ericius bezogen, hatten in Bianca den Wunsch rege gemacht, in Trollheide zu bleiben und dort die Rückkehr ihres Bruders abzuwarten. Als ihr Richard jedoch erklärte, daß er in seinem eigenen Haus wohne und sie als sein Gast dort von den Ericius völlig unabhängig sei, gab sie ihren Widerstand nicht nur auf, sondern richtete sich auch, dem
Wunsch ihres Bruders entsprechend, darauf ein, die ganze noch übrige Zeit ihres Besuchs auf dem herrlich gelegenen Hauptgut zuzubringen und nicht wieder nach Trollheide zurückzukehren.
Die Geschwister hatten, da der Herbst noch immer milde, fast sommerlich warm war, in einem offenen Wagen Platz genommen. Ein eigener Zauber war über der scheinbar so unveränderlichen und doch so wechselnde Bilder bietenden Landschaft ausgebreitet. Eine solch traumvergessene Stille lag über der weiten, von dem blauüberschleierten Horizont begrenzten Ebene, so wundervoll waren die Farben, ein so wunschloses Genügen schien die Erde und die auf ihr lebenden Geschöpfe zu durchdringen, und ein solcher Friede erfüllte zufolgedessen ihre Seele, daß in Bianca fast das Verlangen aufstieg, nie wieder in die große Stadt zurückzukehren, sondern in dem Umgänge mit der Natur die künftige Daseinsbefriedigung zu suchen.
Am Spätnachmittag langten Richard und Bianca in Lim- sorden an. Schon während der letzten Wegstunde hatte sich der Charakter des Landes allmählich verändert, überraschend jedoch trat ihnen dieser Wechsel erst jetzt, da sie die Grenze des Gutes erreicht hatten, entgegen. Eine von Ueppigkeit strotzende Natur löste die unfruchtbaren Flächen ab. Was Limforden so eigenartig schön machte, waren die überall von Buchen- und Eichenwald umgebenen ungewöhnlich großen Wiesenabschnitte. Die Gebüsche auf den sie einfriedigenden Wällen waren im Lauf der Jahrhunderte allmählich zu Bäumen herangewachsen, deren stolz und kraftvoll emporstrebende Stämme diese weitläufigen Flächen wie im Dienst der Ruhe und der Schönheit bestellte Wächter umstanden. Je näher sie dem Gutshof kamen, desto mehr wuchs Biancas Entzücken.
Wie ein von der großen, geräuschvollen Welt abgeschiedener und noch in dem seligen Behagen des Friedens und ungetrübten Glückes ruhender Erdenfleck erschien diese Gegend dem Auge.
In imposanter Stattlichkeit erhob sich im Hintergrund eines großen, von weitläufigen Wirtschaftsgebäuden flankierten Hofs das aus grünen Parkanlagen auftauchende Herrenhaus, ein altes, schloßartiges Gebäude, einst der Stammsitz der gräflichen Familie Tolk, von der es Ericius seiner diesem Geschlecht zugehörigen Gattin zuliebe erworben hatte.
Das Haus des Direktors befand sich unter mächtigen Kastanienbäumen versteckt neben dem des Oberinspektors, eines Herrn von Alten, inmitten eines hübschen, kleinen Gartens.
Hunde bellten, neugierige Mädchen und Knechte erschienen in den Thoren der Scheunen und Ställe, vorübergehende Arbeiter zogen die Mützen, die eben zum Melken abfahrenden Dirnen, nebeneinander sitzend auf offenen Wagen, unter denen blankgeputzte Milcheimer schaukelten, grüßten mit kurzer Kopfneigung, und endlich hielt der Wagen vor dem Haus des Direktors. Ole, Tromholts Diener, sprang hinab, in der Thür erschien Marieken, die alte Wirth- schafterin, und Richard führte seine Schwester in die für sie im ersten Stockwerk hergerichteten Gemächer.
Während sie sich's dort bequem machte, suchte er seine eigene, im Erdgeschoß liegende Wohnung auf. Aber er glaubte seinem Auge nicht trauen zu sollen, als er beim Eintritt — Jngeborg, die Tochter von Peter Elbe, vor sich sah.
„Sie, Sie, Fräulein Jngeborg?" rief er, seinem ungemessenen Erstaunen Ausdruck verleihend.
„Ja, ich! Verzeihung, Herr Direktor!" erwiderte das schöne Mädchen, mit flehenden Augen zu ihm aufblickend, und wäre vor ihm ins Knie gesunken, hätte er sie nicht daran gehindert.
„Weiß jemand außer der Alten, daß Sie hier im Hause sind?" fragte Richard, rasch die Sachlage überdenkend.
„Ich hoffe nicht!" entgegnete Jngeborg. „Ich kam gestern nacht auf Umwegen hierher, weckte Marieken und sagte ihr alles."
„Sie haben also nicht, wie angenommen wurde, das Dampfschiff benutzt?"
„Nein, Herr Direktor! Ich wünschte nur, Larsen von meiner Spur abzulenken."
Einen Augenblick schwieg Richard Tromholt, dann sagte er, voll warmherziger Theilnahme in Jngeborgs Zügen forschend: „Sie lieben den Kapitän nicht?"
„Nein, ich Haffe ihn!" stieß das Mädchen hervor.
„Wäre es aber dann nicht richtiger gewesen, Sie hätten ihn und die Ihrigen von Ihrem Entschluß früher in Kenntniß gesetzt? Haben Sie nicht bedacht, welch furchtbaren Herzenskummer Sie Ihrem Vater durch Ihre Flucht bereiten würden?"