—- 494
Körbe, Säcke, Seile und Stricke. Im Sande der Wüste erst würdigt man ihren vollen Werth, ihre ganze Bedeutung; im Sande der Wüste wird sie zum verständlichen Sinnbilde der arabischen Dichtung, welche wie sie vft unfruchtbarem Boden entstammt, wie sie kräftig, immer sich gleichbleibend, emporwächst, der Höhe zustrebt und in ihr erst ihre süßen Früchte bringt.
Mimosen und Palmen sind die Charakterbäume aller Oasen, fehlen also auch denen nicht, welche so viele Quellen oder Brunnen besitzen, daß man Gärten und Felder anlegen konnte. Hier beschränken sie sich, gleichsam auf Vorposten gegen den andringenden Wüstensand gestellt, auf die äußere Umrandung der Wüsteninseln, wogegen das Innere der letzteren anspruchsvolleren, wasserbedürftigeren Pflanzen eingeräumt wurde. In der Nähe der Quellen oder am Brunnen breiten sich oft reizende Gärtchen aus, in denen man fast alle Fruchtarten Nordafrikas anbaut. Hier klettert die Rebe, glüht die Orange im dunklen Laube, öffnet die Granate ihren rosigen Mund, breitet die Banane ihre Wedelblätter, rankt die Melone durch die Gemüsebeete, vollenden Feigenkaktus und Oelbaum, vielleicht sogar Feigen-, Aprikosen- und Mandelbäume das Bild der Fruchtbarkeit. Weiter entfernt dehnen sich Felder aus, ans denen mindestens Kafferhirse, günstigen Falles Weizen, ja selbst Reis gebaut wird.
In so reichen Oasen hat der Mensch feste Wohnsitze gegründet, wogegen er in den ärmeren Niederungen nur zeitweiliger, mehr oder weniger regelmäßig erscheinender Gast sein darf. Das Dorf oder Städtchen der Oase ähnelt im wesentlichen dem des benachbarten Fruchtlandes, denn es hat wie dieses seine Moschee, seine Kaufhallen und Kaffeehäuser; die Menschen aber sind Kinder eines anderen Geistes als die Bauern oder Städtebewohner des Nil- oder Küstenlandes. Obwohl meist verschiedenen Stammes, haben sie doch einerlei Sitte und Gewohnheit angenommen. Die Wüste hat sie aus- und umgeprägt. Ihre hagere Gestalt, die scharfgeschnittenen Züge, die unter buschigen Brauen liegenden blitzenden Augen lassen auch sie sofort als Söhne der Wüste erkennen; ihre Sitten und Gewohnheiten bezeichnen sie noch schärfer als solche. Sie sind anspruchslos, strebsam und genügsam, gastfrei, offen, ehrlich und treu, aber auch selbstbewußt, reizbar und jähzornig, zu Raub und anderer Gewaltthat geneigt, ähnlich den Beduinen, obwohl sie diesen weder im Guten noch im Bösen gleichkommen. Eine in ihrem Wohnorte einziehende Karawane ist ihnen eine willkommene Erscheinung, der Reisende ihrer Ansicht nach aber zu Zoll und Abgabe verpflichtet.
Von solchen Oasen weit verschiedene Rastorte sind die Niederungen, in denen sich nur hier und da ein stets ersehnter Brunnen befindet. Die arabischen Wanderhirten, welche aus ihm schöpfen, sind zufrieden, wenn er ihnen und ihren. Herden für einige Monate, oder auch nur Wochen, nothdürftig Trinkwasser gewährt; die hier rastende Karawane darf froh sein, wenn sie ihren Bedarf im Laufe einiger Tage deckt. Gewöhnlich ist der Brunnen ein tiefer Schacht, dessen Wände eher Wasser ausschwitzen als in rieselnden Adern zur Tiefe senden.
Unsagbar arme Menschen sind die Wanderhirten, welche hier ihre Zelte aufschlagen, so lange ihre schwachen Ziegenherden Nahrung finden; ihr „Kampf ums Dasein" ist nichts anderes als eine einzige Kette von Mühsal, Entbehrung und Noth. Ein langes, dunkles Tuch aus Ziegenwolle, in seiner Mitte über ein einfaches Gerüst gelegt, mit seinen beiden Enden an den Boden gepflöckt, hinten durch ein Stück ans demselben Zeuge, vorn durch eine Matte aus Palmenblättern geschlossen, bildet ihr Zelt, die Brautgabe der Frau, an welcher sie vom achten bis zum sechzehnten Jahre sammelte, spann und wob; aus einigen Matten, welche als Lagerstätten dienen, einer Granitplatte und dazu gehörigen Reibsteinen zum Zerkleinern des eingetauschten Getreides, einer flachen Thonplatte zum Rösten der Fladen, zwei bauchigen Töpfen, einigen Ledersäcken und -Schläuchen, einer Axt und mehreren Lanzen besteht der ganze Hausrath; eine Herde von zwanzig Ziegen gilt als reicher Besitz der Familie. Aber diese Leute sind ebenso brav als arm, ebenso liebenswürdig als wohlgestaltet, ebenso gntmüthig als schön, ebenso freigebig als anspruchslos, ebenso gastfrei als ehrlich, ebenso sittenrein als gläubig.
Beim Eintreffen einer Karawane versammelt sich die ganze Bewohnerschaft solcher zeitweiligen Siedelung. Der Aelteste tritt hervor aus ihrer Mitte und spendet den Gruß des Friedens; alle übrigen heißen die Fremdlinge willkommen. Dann bietet
man das köstlichste, welches diese begehren: frisches Wasser, bietet alles, was man besitzt, und bietet es mit würdevoller Freundlichkeit, die Gabe weder aufdrängend noch unwillig gewährend. Gierig schlürfen die Reisenden in langen Zügen das erquickende Naß: ungestüm drängen sich auch die Kamele zu der Tränkstelle, obwohl sie aus Erfahrung wissen könnten, daß sie erst entlastet, gefesselt und auf die Weide gesandt zu werden Pflegen, bevor man ihnen gestattet, nach vier- bis sechstägiger Entsagung wiederum einmal ihren Durst zu löschen. Man spendet auch am Brunnen keinen überflüssigen Tropfen, giebt ihnen daher zunächst das etwa noch vorhandene Schlauchwasser zum besten und tränkt sie erst, nachdem man alle Schläuche wieder gefüllt hat, mit mehr Rücksicht auf den vorhandenen Masservorrath als ihr Bedürfniß. Nur an reichlich wasserhaltigen Brunnen stillt man ihr maßlos scheinendes Verlangen und sieht dann, nicht ohne Heiterkeit, wie sie schlürfen, ohne einmal dabei aufzusehen, und dann mit absonderlichen, unschönen, durch ihre Fesseln bedingten Sätzen der nicht minder ersehnten Weide zueileu, um ihrem augenblicklich wie eine halbvolle Tonne polternden Magen auch Speise zuzuführen.
Für Reisende und Lagerbewohner aber bricht ein wahrer Festtag an. Erstere finden frisches Wasser, vielleicht sogar Milch und Fleisch zur Würzung der ersehnten Rast und Ruhe; letztere heißen jede Unterbrechung ihres in guten Tagen gleichmäßig sich abspinnenden Lebens willkommen. Einer der Kamelführer hat im nächsten Zelte das beliebteste Touwerkzeug der Wüstenbewohner, die Tambura oder fünfsaitige Zither, aufgefunden und versteht es meisterhaft, seinen einfachen Gesang zu begleiten. Der Klang lockt die Töchter des Lagers herbei, und schlanke, schöne Frauen und Mädchen drängen sich fragend um die fremden Männer, heften ihre dunklen Augen auf sie und ihre Habseligkeiten, erkundigen sich ungeziert nach diesem und jenem. Wappne Dein Herz, Fremder: diese Augen möchten es sonst in Brand setzen! Sie sind schöner noch als die der Gazelle; aber auch die Lippen l unter ihnen beschämen die Korallen, die blendenden Zähne da- ! zwischen die Perlen, welche Du diesen braunen Töchtern der Wüste ! etwa reichen könntest! Und nunmehr will alles zu Klang und i Dichtung werden. Um den Zitherspieler ordnen sich Gruppen zum Tanze, weiche Hände begleiten taktschlagend Zithertöne, Liedesworte und den ebenmäßig wogenden Tanz.
Solche Rast labt Leib und Seele. Gestärkt und ermuntert setzt die Karawane ihre Reise fort; und wenn die Tage nichts Schlimmeres bringen als Sonnenbrand und Gluth, Durst und Ermattung, erreicht sie ungeschwächt auch den zweiten, dritten Brunnen und endlich das Ziel der Reise, die erste Ortschaft jenseit der Wüste.
Doch leicht veränderlich, gleichwie die erdumgürtende Fluth, ist auch das Meer des Sandes. Auch in ihm toben Stürme, welche seine Schiffe brechen und verderbenbringende Wellen dahinrollen. In der Zeit, in welcher der monatelang wehende Nordwind mit südlichen Luftströmungen im Kampfe liegt oder diesen die Herrschaft gänzlich abgetreten hat, sieht der Reisende urplötzlich den Sand lebendig werden, zu mächtigen, ebenso hohen als dicken Säulen sich aufthürmen und diese nun bald langsamer, bald schneller über die Ebene wirbeln. Die Sonnenstrahlen verleihen ihnen zeitweilig den blutigen Schimmer von Feuerflammen, wogegen sie bald wieder farblos, bald schauerlich dunkel erscheinen; der bewegende Sturmwind schwächt und verstärkt sie, trennt sie und vereinigt zwei oder mehrere von ihnen zu einer einzigen, bis zu den Wolken ragenden Sandhose. Wohl möchte der Abendländer Bewunderung des .großartigen Schauspiels laut werden lassen; die ängstlichen Blicke und Worte seiner Begleiter aber lähmen ihm die Zunge. Wehe der Karawane, welche von solchem rasenden Wirbelsturme erreicht wird! Sie darf froh sein, wenn das Leben der Menschen und Thiere erhalten bleibt! Und wenn die Sandmassen, ohne Schaden zu bringen, an dem Reisezüge vorüberrasen: ungefährdet ist letzterer doch nicht, denn jenen Sandhosen folgt in der Regel der „Samum" oder „Giftsturm" nach.
Keineswegs steigert sich dieser in der Wüste unter allen Umständen gefürchtete Wind immer zum Sturme; nicht selten vielmehr weht er kaum bemerklich, und dennoch macht er manches Mannesherz erzittern. Wohl hat man fast schrankenlos über ihn gefabelt, so viel aber entspricht der Wahrheit, daß dieser Wind unter Umständen jeder Karawane in hohem Grade gefährlich werden kann.