Heft 
(1890) 51
Seite
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Zenzi krrixte abermals und verschwand mit einem langen Seitenblick auf den schönen, blonden Mann, der weder Gruß noch Scherzwort für sie gehabt hatte.

Das ahnungslose Wort Gottes! Jetzt Lhut er's der Kellnerin an, ohne seine Augen nur aufzuschlagen!" dachte Fritz ^ für sich und forderte seinen Gefährten auf, sich umzusehen und ihm zuzugeben, daß es hier wirklich hübsch sei.

Ja Reginald sah sich um und gab es zu. Der sauber gepflegte Garten wies nichts von der üblichen Nüchternheit sonstiger - Restaurationsschauplütze auf es gab liebliche, versteckte Plätzchen in ihm, buschige Anlagen, saftiges Rasen grün und eine Fülle ver­schiedenfarbiger Rosen zwischen würzig duftenden Nelkenbeeten.

Ab und zu trat ein einzelner Gast durch das Gitterthor und ging an den beiden, die bei ihrem Bierkrug und Rettig saßen, ! vorüber tiefer in die Anlagen hinein. So auch jetzt eben wieder: ! ein hochgewachsener, vornehm aussehender Herr schleuderte, von ! einem wunderschöner: Rassehund begleitet, gemächlicher: Schrittes ! den Kiesweg entlang; er stutzte und blieb etwas unschlüssig stehen, > als er die beiden Vettern unter den Ahorn- und Lindenbäumen gewahrte.

Du, Regi," raunte der Lieutenant hastig seinem Gefährten zu und erhob sich von seinem Sitz,ist Dir's sehr peinlich, mit dem Professor Delmont zusammenzuprallen? Wie der hierher­kommt? 's hilft aber alles nichts, ich muß den Mann anreden, ich bin erst neulich in seinem Haus gewesen, und er machte der: ! liebenswürdigsten Wirth, das darf nicht ungerochen bleiben! ! Ergebenster Diener, verehrter Herr Professor! Welcher Wind ! weht Sie in diesen verborgener: Erdenwinkel?" !

Vermuthlich derselbe, der Sie hierhergetrieben hat!" er- ! widerte der Angeredete freundlich, zog den Hut, schüttelte Fritzens dargereichte Hand kräftig und verneigte sich gegerr den Prediger. Durch Zufall habe ich diesen hübschen, stillen Garten entdeckt, ^ in dem man vor lästigem Jubel und Trubel sicher ist, und da ^ meine Braut heute für den beabsichtigten Morgenspaziergang vor ; allerlei Anssteuersorgen nicht zu haben war, so wußte ich nichts ! Besseres zu Lhun, als eben hierher zu kommen, weil mir zum ! Arbeiten die Stimmung fehlte." !

Lange wird dies anmuthige Idyll hier nicht währen!" sagte ^ Fritz gedankenvoll und griff nach einer kleinen hellgrünen Raupe, ^ die sich an einem langen Fader: von der nächststehender: Linde - heruntergelassen hatte und sich dicht vor seinen Augen hin- und ^ herschaukelte.Andere Leute werden auch so klug sein, heraus- zufinden, daß sich's hier gut Hausen läßt und in kurzer Zeit wird man hier im Garten kein leeres Plätzchen Ehr finden, das edle Bier wird getauft werden, und aus den: lieblichen ^ Naturkind Zerrzi wird eine abgefeimte Bedienungsmamsell ge­worden sein!"

Welch ein düsteres Mene Tekel!" schob Delmont lächelnd ein.

Glauben Sie's mir immer dreist, Herr Professor in ! Wirthshausfragen bin ich Autorität meine Berühmtheit auf diesem Gebiet dürfte freilich bedeutend geschmälert werden, wenn ^ ich meinen Nacken unter das sanfte Joch der Ehe beuge! ^ Nun, Ego, alter Freund, kennst Du mich noch?"

Das schöne Thier bewegte den buschigen Schweif und sah mit seinen sprechenden Augen zu dem Lieutenant empor.

Was er doch zu meinem Julchen sagen würde! In ihrer j Art ist sie auch ein Original, sehr gelehrig und für Schnepfen ^ und Wildenten geradezu erstaunlich begabt 's ist eine Freude, - mit Julchen auf die Jagd zu gehen - mehr mit ihr anzufangen ^ als mit manchem Kameraden - in allem Ernst!" ' !

Fritz sprach etwas gezwungen und lachte laut über seinen eigenen Witz; es war ihm peinlich, daß Reginald, sonst der form­gewandteste Gentleman, mit keiner Silbe an dem Gespräch theil- nahm, sondern stumm, mit niedergeschlagenen Augen, beiseite stand.Was hat er denn nur?" dachte der Offizier ungeduldig. ! Früher oder später mußte er doch auf ein Zusammentreffen mit ? Delmont gefaßt sein, und er braucht es ihm wahrhaftig nicht mit ! dieser Geflissentlichkeit zu zeigen, daß er es nicht verwinden kann, ^ von der schöner: Annie um seinetwillen zurückgewiesen worden ^ zu sein! Jetzt steht er da wie der steinerne Gast und macht ein ! Gesicht, als wäre der Professor der leibhaftige Gottseibeiuns. Es bleibt mir nichts übrig, als Regi zu entschuldigen, zumal der Professor schon ganz mißtrauisch zu ihm herübersieht!"

Irr der That hasteten Delmonts große Augen mit be­

fremdetem Forschen auf dem Antlitz des Geistlichen auch ihm schien es unglaublich, daß Conventius, ein Aristokrat, ein Mann der großen Welt, der ihre Formen vollkommen beherrschte, diese auffällige Zurückhaltung zur Scharr trug, weil er einen bevor zugterr Nebenbuhler vor sich sah!

Sie müssen gütigst meinen Vetter entschuldigen, er ist heute keirr ganz normaler Mensch!" begann Fritz und nestelte an seinem Säbel.Sie lesen wohl keine Zeitungerr, Herr Professor?"

Nur die Nachrichten über Kunst und Wissenschaft und das Allernothwerrdigste von Politik anderes niemals!"

Es kommt auch erst jetzt, nachdem alles vorüber ist, eine kurze Mittheiluug irr die öffentlichen Blätter es handelt sich nämlich um einen Anarchisten und Mörder, der heute hingerichtet wurde und den mein Vetter in seiner Eigenschaft als Gefängniß Prediger"

Ich bitte Dich, Fritz," unterbrach ihn nähertretend der Pfarrer von Sankt Lukas plötzlich mit offenbarer Unruhe und Aufregung,was soll das alles? Brich ab von diesem Thema, nenne keinen"

Aber was ficht Dich denn an?" fiel ihm der Lieutenant ins Wort, nun auch seinerseits ärgerlich, daß Reginald ihm der: einzigen Milderungsgrund seineswirklich ganz unparlamentari scheu Betragens" nicht gestatten wollte, auszusprechen.Du thust gerade, als sei das alles eirr Staatsgeheimniß! Heute noch kann Professor Delmont, wenn er Lust dazu hat, den Namen irr allen Abendzeitungen lesen. Also der Mann hat sich in ver­schiedenen großen Städten auch verschieden Namen gegeben, einmal nannte er sich Heller, ein andermal Deals sein eigentlicher Name aber ist Heinrich Schönfeld, und er stammt aus Hamburg."

Hier hielt der Lieutenant inne und es wurde ihm seltsam urrd unbehaglich zu Muth. Delmont war fahl im Gesicht ge­worden, hatte sich vorgeberrgt und starrte mit einem Ausdruck banger Frage und ungläubigen Schreckens in Reginalds Antlitz dies Antlitz aber war urplötzlich dunkel erröthet, bis unter die Haarwurzeln irr Purpurgluth getaucht die Augen blieben be harrlich gesenkt, der Athen: des Mannes karr: und ging rasch urrd hörbar. So wie der Pfarrer von Sankt Lukas da stand, sah er- nicht Delmont! aus wie das verkörperte Schrrldbe- wußtsein!

Fritz sah von einem zum andern irr der tiefen Stille, die seinen Worten gefolgt war; er wußte nicht, was er in seiner Verwirrung denken sollte das eine fühlte er deutlich: hier lag irgendwo der Schlüssel zu Reginalds seit kurzem so auffällig verändertem Wesen. Was, ums Himmels willen, korrrrte ihm denn geschehen sein?

Da fühlte der Ulanenlieutenant mit einem Male eine Hand auf seiner Schulter, und er fuhr so heftig herum, als Hütte ihn eine Natter gestochen.

Wetter, Conventius, müssen Sie eirr schlechtes Gewissen haben!" rief Lieutenant Gründlich lachend und legte grüßend die Hand an die Mütze.Verzeihen die Herren, daß ich Ihnen da so ohne weiteres in Ihr ttzte-ll-tste falle, ich Hütte aber gerrr mit dem Kameraden Conventius ein Wörtchen unter vier Anger: gewechselt soviel kann ich ja verrathen: es handelt sich urrr das Festessen zu Ehren unseres scheidenden Obersten. Jammer­voll, daß er geht, euren solchen Vorgesetzten können wir urrs künftig nur abmalen! Ihr Vetter Fritz, Herr von Conventius, hat von uns allen im Regiment entschieden den glücklichster: Arrangirmuskel, eine beneidenswerte Naturanlage, und ich hoffe, seine Bräutigamspflichten werden ihn nicht verhindern, uns seine Fähigkeiten bei dieser feierlichen Gelegenheit zur Verfügung zu stellen. Für die Herren hat dies natürlich gar kein Interesse Sie entschuldigen es daher wohl, wenn ich Jhnerr den lieber: Fritz auf eine kurze Weile entführe! Einstweilen habe ich die Ehre! -- Also, Conventius, wir hatten zunächst gedacht, um die Sache würdig einzuleiten ..."

Damit faßte Gründlich seinen Kameraden unter den Arm und führte ihn, eifrig in ihn hineinredend, ein Stück weiter, einem kleinen, von Weidengebüsch umstandener: Weiher zu, neben welchem die beiden Offiziere, gänzlich außer Gehörweite und durch ein paar schlankaufgeschoffene Birke:: auch der: Blicker: entzogen, stehen blieben.

Reginald vor: Conventius und Delmont standen einander allein gegenüber,- beide wie von einem Bann umfangen