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Der kleinen Quäkergemeinde aus Crefeld folgt einige Jahre später die Auswanderung aus der Pfalz, die sich nach dem Staate New-Aork wendet und dort das reizende Mohawkthal in einen blühenden Garten umschafst. Was jene erste pennsylvanische deutsche Ansiedelung als Vorbild gleichsam gestiftet, das wiederholt sich nun im Laufe der zwei Jahrhunderte in den verschiedensten Theilen der Union bis auf den heutigen Tag.
Der Urwald weicht dem fleißigen Anbau, Handwerk und Industrie erstehen in den deutschen Niederlassungen wie auf Zauberwort, daneben kehrt geselliger Frohsinn ein und bald finden auch Kunst und Wissenschaft ihr Heim. Kein Gebiet menschlicher Thätigkeit, in dem Deutsche nicht Großes geleistet hätten! Es wäre unmöglich, hier auch nur in gröbsten Umrissen den Antheil der Deutschen an der geistigen und materiellen Entwickelung Amerikas zu schildern. Und als es im vorigen Jahrhundert galt, das herrliche Gut der Freiheit zu erringen, als dann später in blutigem Bürgerkrieg die Schmach der Sklaverei ausgetilgt werden sollte, da durfte auch deutsches Heldenthum seine altbewährte Größe bezeugen.
Das sind in allgemeinen Zügen die Erinnerungen, die den „Deutschen Tag" ins Leben riefen und die bei seiner Feier durch Wort und Bild zur Darstellung kamen. Denn es galt ja, die Bedeutung unseres Volksthums für Amerika nicht nur der Masse unserer Landsleute ins Gedächtniß zu rufen, sondern sie vor allem der amerikanischen Bevölkerung lebendig zur Anschauung zu bringen, die von geschichtlicher Bildung leider nur in Ausnahmefällen weiß und von deutsch.amerikanischer Vergangenheit ! in der Schule höchstens über die unglücklichen, im Unabhängigkeitskrieg an England verkauften „Hessen" gehört hat. ;
Als Festtag hatte man so ziemlich allgemein in allen Städten ! den 6. Oktober, den durch Seidensticker festgestellten Landungstag ! der ersten deutschen Einwanderung in Pennsylvanien, gewählt. ! Nur in einzelnen Städten, wie z. B. in Cleveland, Ohio und in ^ San Franeisko, knüpfte man das Fest an einen andern deutsch- ! amerikanischen Gedenktag. Aber auch hier trug die Feier denselben Charakter, den ihr der gemeinsame große Zweck und die einmüthige Begeisterung an allen Orten aufdrückte. Und die echt deutsche Kunst, frohe Feste zu feiern, sorgte überall dafür, daß der Tag erhebend und eindrucksvoll verlief.
Natürlich gestaltete sich die Feier am großartigsten da, wo das Deutschthum zu vielen Tausenden vertreten ist, in Städten wie Baltimore, St. Louis, Milwaukee, Kansas City, Detroit u. a. An vielen dieser Orte ruhten für den Festtag die Geschäfte, die Straßen prangten in herrlichem Fahnen- und Blumenschmuck, und Tausende und Abertausende von Zuschauern sahen die geschmackvoll geordneten, imposanten Umzüge vorüberziehen. Wo es nicht gerade, wie diesmal in St. Louis, auf eine Massenparade abgesehen war,
da hatte man weder Mühe noch Kosten gescheut, um glänzende historische Festzüge zu schaffen, die Scenen aus der Geschichte und dem Leben der Deutsch-Amerikaner zur Darstellung brachten. Vielleicht war der historische Festzug, den das kunstsinnige Deutschthum Milwaukees ausschmückte, das Vollendetste in dieser Beziehung. Doch auch da, wo man auf einen größeren Umzug verzichtete, fehlte doch das nicht, was bei allen Feiern in den verschiedensten Städten den Höhepunkt bildete: der mit Gesang und Musik begleitete Redeakt. Nur die größten Theater und Hallen reichten aus, um die Festtheilnehmer zu fassen, an den meisten Orten waren die Stadt- und Staatsbeamten erschienen, und in allen deutschen und englischen Festreden klang die schöne Begeisterung wieder, die an dem Tage das Deutschthum der Vereinigten Staaten wie nie zuvor vereinigte.
Schwer läßt sich die weitgehende Wirkung ermessen, die von dieser gewaltigen und doch so friedlichen Kundgebung ausging. Für die Deutschen Amerikas bedeutet die Feier, die wohl in Zukunft ein allgemeines jährliches Volksfest im schönsten Sinne werden wird, den Anbruch eines neuen Lebens, das seine Kraft aus dem Bewußtsein der errungenen Einheit zieht. Nur zu viele unserer Landsleute sind im Laufe der Jahrhunderte ins andere Lager übergegangen und haben das Andenken an ihren deutschen Ursprung nicht einmal in ihrem Namen bewahrt. Aber mit der Erinnerung an seine amerikanische Vergangenheit erwacht dem Deutschen auch das Bewußtsein an die hohen Kulturgüter, die er in Sprache und Sitte als heilig anvertrautes Erbe aus der deutschen Heimath mitgebracht hat und die in der neuen Heimath zu pflegen, zu erhalten und anszubreiten seine große Aufgabe ist. Denn als Sohn eines Volkes, dem die geistige und heute auch die politische Führerschaft der Welt zugefallen ist, tritt er in Amerika einer Kultur gegenüber, die an deutschem Geistesleben auf allen Gebieten sich zu bilden in ihren besten Vertretern bemüht ist. Wo aber im Deutsch-Amerikaner dies stolze Bewußtsein lebendig ist, da wird er ebensowenig bereit sein, seine Nationalität mit Sprache und Sitte von sich zu werfen, als sie von nativistischer Anmaßung sich rauben zu lassen.
Ja, an dem „Deutschen Tage" war es auch in Amerika „ein Fest, Deutscher mit Deutschen" zu sein. Die großartige Feier klang wie eine Antwort auf den prophetischen Willkommgruß, den Franz Daniel Pastorius vor zwei Jahrhunderten den kommenden Geschlechtern seines geliebten Volkes zurief und dessen lateinische Schlußworte lauten: „Vnls p 08 tsi' 1 tn 8 ! Vals Osrinniiitn8! ^stsrnnin vals!" was in freier deutscher Übersetzung etwa heißt: „Sei mir gegrüßt, Geschlecht der Enkel! Sei mir gegrüßt, du Deutschthum! Sei mir gegrüßt auf ewig!"
New-York. Julius Goebel.
(2. Fortsetzung.)
Ainstere Mächte.
Eine tZauerngeschichte von GLmcrv Weidrod.
Alle Rechte Vorbehalten.
rei Monate blieb Rupert in Untersuchungshaft, dann kam die Verhandlung vor dem Schwurgerichte, zu der viele Zeugen aus Wieselbach und Dockenförth geladen wurden. Sie mußten über das Verhältniß der beiden Brüder zu einander berichten, über Drohungen, die der eine oder der andere etwa hatte laut werden lassen. Für Rupert lauteten die Berichte günstig, der Anklage auf vorsätzlichen Mord wenigstens entzogen sie jede Begründung; er hatte nie Drohungen gegen seinen Bruder ausgestoßen, während ein Dutzend Zeugen sich vorfand, die von Burkhard die Absicht hatten aussprechen hören, Rupert demnächst „die Fahrkarte in die Hölle zu besorgen", genau die Worte, die Rupert in seiner Aussage über den Vorgang in der Klausenschlucht zu Protokoll gegeben hatte. Für den letzteren belastend war aber sein heißer Wunsch nach einem eignen Hof, seine bedrückende Stellung als fremder Leute Knecht, sowie der Umstand, daß er, so oft sein Bruder ihn thätlich angegriffen, diesen niemals geschont, sondern ihm alles so gründlich heimgezahlt hatte, daß auch jetzt die Wahrscheinlichkeit eines Todtschlages nicht ausgeschlossen war. Früher hatte Rupert keine so tiefgehenden Ursachen gehabt, Burkhard zu hassen, wie später, als ihm dieser seinen „Schatz" streitig machte, ihn zum Dienen zwang, ihm sein ganzes Leben verbitterte und verdarb, indem er ihm das väterliche Haus ver
schloß. Daher war es wohl anzunehmen, daß Rupert die Gegenwehr, zu welcher der Bruder ihn nöthigte, .willkürlich oder unwillkürlich zu weit getrieben hatte. Dazu kam die Aussage des Otterhofbauern und seiner Knechte über Ruperts verstörtes und auffälliges Wesen an jenem Unglücksabend und über seine sich widersprechenden Berichte. Man merkte bei den Aussagen des Otterhofbauern nichts von dem Wohlwollen, welches er Rupert in der letzten Zeit erzeigt und auch aufrichtig für ihn gehegt hatte. Jetzt war Rupert für ihn nur noch der Mörder seines Neffen, seines todten und daher, als nunmehr unschädlich, wieder zu vollen Ehren angenommenen Neffen; Rupert war nur noch der Sohn der Lohnspinnerin, der den Sohn der Schwester des Otterhofbauern erstochen hatte. Sein einziger Gedanke war jetzt Rache. Er betonte daher auch in seinem Berichte immer wieder das blutige Messer, das am Rande des Wasserfalles gelegen hatte, und die von etwas Spitzem, Scharfem herührenden Wunden, die beim Leichenbefunde an Burkhards Körper wahrgenommen worden waren.
Diese beiden scheinbar belastenden Umstände wurden aber vom Gerichtshöfe nicht in Betracht gezogen, denn nach dein Gutachten der Sachverständigen konnten die Wunden ebensogut von den in: Wasser des Klausenbaches vorhandenen spitzen, scharfen Felsstücken herrühren, und was das Messer betraf, so war es unzweifelhaft,