Sie schüttelte den Kopf. „Nicht mehr, Liebster. Längst nicht mehr. Ich habe unter diesen lauten und leisen Verdächtigungen jahrelang schwer gelitten. Der Name war ja wie ein Brandmal. Aber jetzt, wo ich ihn ablegen soll, fühle ich die Qual nicht mehr. Mir ist, als könne mich all der Haß nun nicht mehr erreichen."
Gernot hatte ihre Hand ergriffen. Sie waren Schulter an Schulter an die Brüstung des Balkons getreten. Tiefe Nacht lag über dem Schwarzatal. Zwischen den zerrissenen Wolken, die am Himmel hinjagten, blitzte nur ab und zu die schmale Mondsichel hervor. Und dann huschte ein Schimmer über das noch regennasse Dach des romantisch über dem steilen Felsen sich erhebenden Schlosses. Oder tief unten entstand ein Glitzern in der schmalen Flut des Bergflüßchens.
„Ich habe mit deinem Vater gesprochen, Asta- Er hat mir alles über die böse Zeit gesagt. Es blieb mir nichts übrig, als ihn zu fragen; das siehst du wohl ein."
Sie nickte nur stumm.
„Und ich Hab' ihn dabei in aller Form um seine Einwilligung gebeten. Geheim bleiben konnte es nun nicht mehr. Ich mußte unsere Verlobung bekannt geben."
Ein kurzes Erschauern ging durch sie hin. Er hatte seinen Arm in den ihren gelegt und fühlte es.
„Denn du hast doch jetzt keinen Zweifel mehr, Asta?"
Noch ein paar Sekunden zögerte sie. Sie schloß die Augen; ihre Arme hingen matt herab. „Ich gehöre dir!" flüsterte sie endlich.
Er hatte sie noch nie so hilflos, so schutzbedürftig gesehen wie eben jetzt. Sie ließ plötzlich ihren Kops an seine Schulter sinken und weinte.
„Warum bist du traurig, Kind? Weil man uns das Glück, das wir suchen wollen, nicht gönnt?"
„Ach — die Welt da draußen kümmert mich nicht." Sie suchte ihr Spitzentüchlein und fuhr sich damit über die Augen, die voll perlender Tränen standen. „Nur all das Alte, Längstverschollene, siehst du — das ist mir wieder so greifbar nahegetreten. Ich — ich Hab' ihn doch damals — geliebt!" Ihre Stimme zitterte. Gewaltsam suchte sie ihrer Erschütterung Herr zu werden. Er merkte es wohl, und es bewegte ihn mit.
„Armer Liebling," sagte er voll Zärtlichkeit.
Sie hielt noch immer die Augen geschloffen und flüsterte: „Ich werde es ja vergessen. Ich verspreche es dir. Aber daß mir's um ihn leid tut, trotz allem, siehst du, das ist vielleicht schwach — aber es ist doch so menschlich! Nicht?"
„Es ist weiblich, Asta," sagte er lächelnd.
„Du magst recht haben, Erich." Nachdenklich starrte sie in die Nacht hinaus, von Erinnerungen aufgewühlt.
„Wenn wir jetzt nur das Allerschlimmste überstanden haben, Schatz, die Abrechnung mit denen da draußen, dann soll es niemand gelingen, uns auch nur um eine Stunde unseres Glücks zu bringen. Du mußt mir nur vertrauen, Asta. Und dein Versprechen halten: — Vergessen!"
Wieder schloß sie die Augen — und er küßte sie auf die Lider, zärtlich ihren Namen nennend.
Bei diesem warmen, werbenden, tröstlichen Ton blieb es während seines ganzen Aufenthalts zwischen ihnen, so oft sie allein waren. Zu dem Bild, das er sich zuletzt in Berlin von ihr gemacht hatte, stimmte das alles gar nicht so recht. Es lag eine fast schmerzliche, wehmutsvolle Ergebung in ihr. Er wußte nicht, wie er sich's erklären sollte. Aber der tiefe Eindruck war da, der alles, was hilfsbereit und ritterlich in ihm war, zu neuem Leben weckte.
Und es überkam ihn eine maßlose Verachtung der Leute, die mit dunkeln Andeutungen und halbversteckten Zeitungsangriffen eine wehrlose, schutzlose Frau aus dem Hinterhalt anfielen — wie die Wegelagerer.
Der aus diesem Empfinden herauswachsende Trotz gab ihm dann endlich auch den rechten ^Ton zur Aussprache mit Sabine.
Er hatte sie beim Gutenachtsagen gebeten, noch auf sein Zimmer zu kommen, bevor sie sich schlafen legte. Sie erschien, als hätte sie ein Todesurteil zu erwarten: wachsbleich und zitternd.
Mehr kameradschaftlich als väterlich sprach er ihr nun zu. Er hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt und ging mit ihr im Zimmer auf und nieder.
Dabei verlor die ganze Angelegenheit mehr und mehr das Außergewöhnliche, das ihm noch gestern völlig Unfaßbare.
„Schließlich handelt sich's doch nur um einen Aufschub, kleine Sabine. Also behalte den Kopf oben. Siehst du, wäre ich ein Privatmann, dann würde die Sache überhaupt nichts weiter auf sich haben. Die Klatschsucht von Männlein und Weiblein braucht fortgesetzt Opfer -— und ist das eine erledigt, kommt das andere an die Reih. Übers Jahr schon spräche man von keinem Fall Gamp und von keinem Fall Gernot mehr. Aber da ich im öffentlichen Leben stehe, darf ich nichts auf mir sitzen lassen, so lächerlich all das sein mag, was da vorgebracht wird. Ruft einer: Haltet den Dieb! — und weist dabei auf mich — dann bleibt mir eben nichts anderes übrig, als die Taschen umzukehren. Und so wollen wir auch den häßlichen Zwischenfall nicht ernster nehmen, als er's verdient. Ich fasse irgend einen der Burschen, die Asta angegriffen haben, aus der Menge heraus — die Sache findet ihren klaren Austrag vor Gericht — und längstens im Herbst ist alles gesühnt. Dann werden sich auch Wpschnewskis Eltern von der Grundlosigkeit ihrer Gegnerschaft gegen Asta überzeugt haben."
Sabine beruhigte sich allmählich unter dem Einfluß seiner Worte. Aber der erste Schmelz war doch von dem zarten Liebesbund genommen. Und sie litt innerlich darunter, wenn sie's auch nicht zugab.
Anderen Tags war zwischen allen dreien ein gutes, trau liches Einvernehmen. Gernot war von Asta wieder ganz berückt — und tiefbeschämt zugleich wegen des ungewissen Verdachts, der inmitten des Lärms in Berlin ihn selbst hatte vorübergehend erfüllen wollen. Die heikle Angelegenheit war von niemand mehr berührt worden.
Als Gernot spät abends abfuhr, lag neue Schwungkraft in ihm. Es erfüllte ihn geradezu mit trotziger Genugtuung, den Kampf aufzunehmen. Er führte ihn nun nicht allein für sich und Asta — sondern auch für Sabinens Liebesglück.
Seine letzten Worte zu seiner Tochter, die sich ihm beim Abschied in die Arme warf, sich fast flehend an ihn klammerte, sprachen ihr Mut zu. „Übrigens — hat er mir famos gefallen!" schloß er dann lächelnd. „Und ich gratuliere dir!"
Sie erhob den Kopf. „Ach — Väterchen!" kam's zaghaft von ihren Lippen.
So siegesgewiß wie er war sie nicht.
Zwischen den beiden Zurückbleibenden herrschte ein paar Tage lang eine seltsam bedrückte Stimmung: keines wußte, wie weit das andere eingeweiht war.
Äußerlich bestand dabei das beste Einvernehmen. Sie hatten auch Beschäftigung, die sie zerstreute. Die Verlobungskarten sollten ausgeschickt werden, und da man in der Adressenliste unter diesen besonderen Umständen niemand vergessen wollte, erforderte die Aufstellung viel Nachdenken und Besprechen. Ganz von selber entwickelte sich dann zwischen den Damen die von beiden ersehnte offene Aussprache, als zum erstenmal der Name Wyschnewski genannt wurde.
Aber im Verlauf des Gesprächs über die Werbung des jungen Seeoffiziers, über die feindselig abwartende Haltung seiner Verwandten und über den Streit, in den Sabinens Vater jetzt verwickelt war, kam es für Asta Zu einer schreckhaften Bestürzung.
„Wie denn — dein Papa hat gesagt: er will die Sache dem Gericht übergeben?!"
Sabine sah sie mit ihren klaren, braunen Augen ver wundert an. „Gewiß, Asta."