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Als Asta in Berlin eintraf, befand sich Gernot in seinem Wahlkreis. Er hatte nach Schwarzburg nichts über sein Vorhaben, diese Reise auszuführen, berichtet. Asta, die etwas abergläubisch war, empfand das nun wie eine Warnung, wie eine Schicksalsfügung.
Sie hatte Sabine fest versprochen, noch am gleichen Tage Zurückzukehren. Zwischen den beiden Zügen lagen nur ein paar Stunden. Als sie bei ihrer Ankunft auf eine telephonische Anfrage am Kurfürstendamm erfuhr, daß Gernot verreist war, setzte sie sich sofort mit ihrem Vater in Verbindung. In der Reitbahn wollte sie nicht mit ihm Zusammentreffen. Er sollte also sofort nach Hause kommen.
Wahrend sie von der Bahn aus im offenen Taxameter nach dem neuen Westen fuhr, wirkte der Glanz der jungen Weltstadt wieder belebend und erfrischend auf sie ein. Es war ein warmer, strahlend sonniger, wunderbarer Junitag. Die vielen Hellen Toiletten der Damen, die bunten Sonnenschirme und flotten Hüte, die Fülle der Blumen, die auf den Straßen und Plätzen von Händlern und Händlerinnen, in Ketten, Kopf neben Kopf aufgepflanzt, feilgeboten wurden, Militär, das mit klingendem Spiel an ihrem Wagen vorbeikam, die eleganten Schaufenster, der lebhafte Verkehr: das alles entzückte sie. Sie fühlte wieder: sie war für die Stille romantischer Waldtäler nicht geschaffen.
Und hier im tollen Wirbel des Großstadtlebens ward sie auch gleich wieder viel selbstbewußter.
Was konnten denn diese paar hämischen Stimmen ihr an- haben — ihr, die überall, wo sie sich zeigte, gefeiert wurde?
Sie empfand es mit Genugtuung, wie im Vorüberfliegen die Blicke aller Spaziergänger an ihr hängen blieben. Ihre geschmackvolle Toilette siel auf, ihr rotblondes Haar, ihr pikantes Gesicht, ihre ganze pariserische Erscheinung.
In der Wohnung sah es kunterbunt aus. Das Mädchen hatte „Großreinemachen" vorgenommen und die Hunde den Vormittag über während der Abwesenheit des Hausherrn ins Badezimmer eingesperrt. Es empfing sie also ein lebhaftes Konzert. Als sie die bellende kleine Gesellschaft herausließ, ward sie mit lebhafter Freude umsprungen.
Mitten in den Wirrwarr — kaum daß sich Asta über die nächsten wirtschaftlichen Dinge mit dem Mädchen auseinandergesetzt hatte — fiel die Ankunft des Hausherrn.
Sixt von Soter hatte sich in den letzten Wochen, die Abwesenheit seiner Tochter benutzend, den Frühschoppen angewohnt. Nach der letzten Reitstunde des Vormittags war er in einen: in der Nähe der Bahn gelegenen Weinlokal eingekehrt, wo sich ein großer Stammtisch von Sportsleuten und älteren verabschiedeten Offizieren befand. Beim Frühstück pflegte er sich dort so festzukneipen, daß er nachher nur wenig Appetit zun: Mittagsessen heimbrachte. Er stärkte sich dann für den Nachmittags- und Abenddienst durch einen gründlichen Schlaf auf dem alten Ledersofa.
Sein Gesicht war von den Ausritten in der Junisonne ebenso stark gebräunt wie seine Nase gerötet von der täglichen „Rotsponpulle". Eine leidliche Entschuldigung für diese neue Angewohnheit besaß er ja: es war immerhin von Wert, daß er gerade jetzt, wo sich eine so allgemeine Klatscherei über sie aufgetan hatte, den Anschluß an die Herren vom Stammtisch nicht verlor. In seiner Abwesenheit mochten die sich doch gewiß darüber unterhalten haben, ob und in welcher Weise sie ihm gegenüber zu der Zeitungsrederei Stellung nehmen sollten. Es war mithin ein gutes Zeichen, daß sie ihn nach wie vor willig unter sich duldeten. Freilich war er ja auch meist der Gebende — mit seinem anerkannten Talent für derbe Anekdoten, mit seiner reichen Personalkenntnis, mit seinen tausend sportlichen Erfahrungen.
Die erste Frage Soters an seine Tochter war die: warum denn die Berlobungskarten noch nicht ausgeschickt worden wären. Er war mehrfach von näheren Bekannten darauf angesprochen worden, ob etwas Wahres an der Sache wäre. Und seine Kollegen von den anderen großen Reitbahnen hatten es auch
schon erfahren und sahen ihn, wenn sie ihn: in: Tiergarten, auf dem Hippodrom oder im Grunewald draußen begegneten, mit ganz besonderen Blicken an. Denn es hieß allgemein, Gernot wäre Millionär.
„Das ist ja nun sicher übertrieben," meinte Sixt von Soter, seine Burenpfeife in Brand setzend, „aber allzu weit davon ab stehen seine Finanzen nicht." Und er berichtete, wie hoch einer der Herren, der eingeweiht schien, die verschiedenen Erbschaften, die dem ehemaligen Oberlandesgerichtspräsidenten in den letzten Jahren von seiten seiner Verwandten zugefallen waren -— besonders die des reichen Grubenbesitzers Bressentin — taxiert hatte. Er ließ die Tabakpfeife von einem Mundwinkel in den anderen wandern, hob die beiden Teckel am Nacken in die Höhe und schwang sie durch die Luft. „Hol's der Deibel, wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde auf den ganzen elenden Reichstagskrempel hier verzichten, mich irgendwo in der ländlichen Stille ansiedeln — und dann könnte nur die ganze Bande den Buckel lang rutschen! So wür' ich! Tä — ein Rittergut zu kaufen, irgendwo so in: Preußischen oder Pom- merschen, das wäre für ihn doch jetzt ein Pappenstiel."
„In der Einsamkeit!" wiederholte Asta, schon im Gedanken an ländliche Abgeschiedenheit sich leicht schüttelnd. „Einsamkeit Hab' ich in den letzten Jahren gerade genug durchgemacht. — Nein, ich will jetzt leben, ich will nicht mehr vegetieren wie bisher, ich will mein Leben noch genießen!"
„Aber wer hindert dich denn?"
„Alles, alles, alles will sich mir in den Weg stellen!"
„Tä — das bißchen Zeitungsschreibertinte und Druckerschwärze! Berlin ist doch nicht alle Welt? Ihr müßt ja nicht gerade in Berlin sein. Denkst du denn, draußen in: Reiche spricht man auch nur drei Tage lang darüber? Ja, wenn's hoch kommt, auf dem Gestüt vielleicht. Da sind ja aber auch schon längst andere Leute. Aus der damaligen Zeit ist kein einziger mehr da, ich Hab' neulich noch extra gefragt. Nun also: was bedeutet dann der ganze Kram hier in Berlin für dich und für Gernot? -- Packt die Koffer und geht auf Reisen. Und zwar dalli! — Himmel, ich sollte nur den sechsten Teil von Gernots Zechinen haben, dann blieb' ich mit keinem Bein mehr in dem stumpfsinnigen Nest hier. Wozu ist denn Paris da, he? Und die Season in London? Und im Frühherbst Baden-Baden? Hol's der Deibel! Aber so ist's ja immer: wer zu leben versteht, der hat gewöhnlich das Kleingeld nicht dazu, und die das große Portemonnaie in der Tasche haben, die verjuxen ihre schönsten Jahre mit tausend Philisterbedenken!"
Er war äußerst kriegerisch aufgelegt; daran hatte der Frühschoppen natürlich auch seinen Anteil.
Asta erkannte einige von den Gründen ihres Vaters wohl an. Aber sie wußte auch, daß er Gernots Persönlichkeit ganz und gar nicht verstand. Ihr Vater Hielt für oberflächliches Strebertum, was bei Gernot tiefwurzelnde Überzeugung war. Seine Beziehungen hier aufzugeben, das war eine Zumutung, die sie auch unter sonst normalen Verhältnissen nicht an ihn hätte richten können. Die augenblicklichen Umstände machten es aber ganz unmöglich. Wenn Gernot jetzt sein Mandat niedergelegt hätte, um vom politischen Schauplatz zu verschwinden, so würden seine Gegner wie die Meute über ein Wild hergefallen sein: sein Rückzug wäre im Urteil der Welt einer Fahnenflucht gleichgekommen, einem Eingeständnis seiner Ohnmacht.
„Und doch, wenn er hier bleibt: ich habe keine Ahnung, wie das alles enden soll!" sagte Asta. Und daran schloß sie die Mitteilung, daß Gernot die Sache vor Gericht zum Austrag bringen wollte.
Bis zu diesem Augenblick hatte Sixt von Soter die Zukunft noch immer in leidlich rosigem Licht gesehen. Die Aussicht auf eine Gerichtsverhandlung jagte ihn: aber einen tödlichen Schrecken ein.
Starr und steif, mit vorgebeugtem Kopf, blieb er mitten im Zimmer stehen. Sein Gesicht ward dunkelrot — gleich