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Janfredrik sprach nun auch nicht mehr. Der Weg war weit. Der aufgeweichte Boden hing sich schwer an die Schuhe. Hart rumpelte der Wagen mit dem Toten, die Haubenbänder und Tücher der leidtragenden Frauen wehten im scharfen Nordwest, der den schrillen Gesang der Chorschüler über die platte Moorfläche wehte. Fern am Rand des Horizonts stand winzig der Kirchturm von Grasdorf. Dort wartete der Pastor, dort wartete das Grab. Dorthin stolperte schwerfällig der lange Zug durch den aufspritzenden Schmutz. Ein weiter Weg. Die Kinder sangen. Janfredrik stapfte vorwärts mit den anderen, das Bild des goldhaarigen Mägdeleins immer vor Augen. Sie saß nicht mit auf dem Wagen. Mit
Alheid war sie daheim geblieben, wachte mit über die Totenlichter, hütete das Feuer und den heißen Trank für die Heimkehrenden.
Die Sonne hing schon tief am Rand des Moors, als das Gefolge nach Schmalenbeek zurückkam, müde, durchfroren im peitschenden Nordwest, hungrig, durstig.
Als der Erste über die Schwelle trat, blies Alheid die niedergebrannten Lichter aus. An die Stelle, wo die Totenbahre gestanden hatte, waren lange Tische gerückt. Zwischen Tellern und Krügen luden Schüsseln mit Brot, Wurst und weißem Backwerk zum Zugreifen ein. Jan Ehlers, der Anerbe, und sein jüngerer Bruder schenkten ein, den Männern Grog, den Frauen Warmbier.
Janfredrik saß und starrte über Essen und Trinken weg auf Sophee, die wie ein Schmetterling durch den dämmerigen Raum gaukelte, den ein paar an den Deckenbalken aufgehängte Lämpchen mehr verdunkelten als erhellten. Und plötzlich — er wußte nicht, hatte sein Blick sie hergezogen — stand sie vor ihm, blinzelte ihn mit ihren Augen an, füllte ihm das Glas neu, und ehe sie es ihm reichte, zögerte sie einen Augenblick, führte es an die Lippen, wie um den Grog auf die Richtigkeit seiner Mischung hin zu kosten, nickte lächelnd und gab es ihm, und bevor er ein Wort fand, war sie weiter geflattert.
Jetzt trat Kort Ehlers, der neue Besitzer des Hofes, das Haupt und der Herr der vier Generationen, die unter dem ehrwürdigen Strohdach zusammenhausten, zu Janfredrik. Er war ein kräftiger Fünfziger mit den von der schweren Arbeit im Torfstich und auf dem Acker charakteristisch verbogenen Schultern und Knien der Moorbauern. Sein Gesicht war breit und platt, fast so braun wie seine Ackerkrume. Er trug die Ellbogen nach außen gespreizt, als einer, der für seine Person viel Raum beansprucht und gewohnt ist viel Raum zu haben.
Zu dieser Stunde trank er, das Glas in der Hand, den Freunden und Nachbarn der Reihe nach seinen Dank für ihre Gefolgschaft zu. Es ging nicht rasch. Jeder einzelne konnte beanspruchen, seiner Eigenart und seinem Rang gemäß ausgezeichnet zu werden, und Kort Ehlers war keiner, der gegen ehrwürdigen Brauch verstieß.
Als er zu Janfredrik kam, stellte er sein Glas auf den Tisch, zog sich einen Schemel heran, setzte sich und sah stumm abwartend dem anderen ins Auge. Alheid aber, die eben den Frauen um ihre Mutter an der Herdstätte die Gläser füllte, beugte sich tief über den Kessel, und das Blut stieg ihr ungestüm ins Gesicht.
Janfredrik dachte an Brüns Rede, daß Hochzeiten und Leichenfeiern die beste Gelegenheit zum Schnacken wären, rückte sich auf seinem Sitz zurecht und nahm einen Anlauf, umJZu sagen, was zu sagen er sich vorgenommen hatte. Zu seinem eigenen Verdruß kam ihm aber ganz etwas anderes auf die Lippen.
„Dien Süster Trina, de Klündersch, blifft dr woll noch vör eenige Tied in Smalenbeek?"
„Jo," sagte Kort, „en poor Wochen blifft se woll."
Die Frage machte ihn nicht ungeduldig. Mit der Tür ins Haus fallen ist weder fein noch klug. Eine Erkundigung nach der Familie schien ihm eine ganz passende Einleitung Zu
der Werbung, die anzuhören er gekommen war — nicht, daß eine Heirat seiner Schwester ihm irgend welchen Vorteil gebracht hätte. Im Gegenteil, sie kostete ihm — außer der Aussteuer — eine Arbeitskraft. Wenn er dem Bewerber trotzdem entgegenkam, so geschah es in dem starren Gerechtigkeitsgefühl, das auch seines Vaters Richtschnur gewesen war.
Aber Janfredrik begriff, daß er vom Ziel abgekommen war. Er lenkte zurück.
„Dien Süster Alheid is en smucken Wicht."
„Jo," antworte Ehlers.
„En fixen Wicht."
„Schall woll sien."
Kort winkte den Frauen, daß sie von neuem Grog einschenkten. Er stieß sein Glas gegen das des mutmaßlichen künftigen Schwagers.
„Prost."
Janfredrik sagte auch: „Prost" und trank gedankenvoll.
„Jo," erklärte er dann.
Und Kort antwortete: „Dat's so."
„Nu dürt dat nich mihr lang, denn so hefft wi Winter."
„Nee, dat dürt nu nich mihr lang."
Janfredik wischte sich die Stirn. Eine verflixte Sache, solche Freierei! Hilfesuchend sah er sich nach Brün um. Als er ihn nicht fand, raffte er seinen ganzen Witz zusammen.
„Wi hefft dat Huus nu so wiet in der Reege, Kort Ehlers, Käuh' un Swirü un Hühner un wat 'r tohürt. Wi hefft ook twee Spinnräder un Flachs un Woll. Man we künnt nich spinnen, Brün un ik."
Kort Ehlers zuckte die Achseln. „Spinnen, dat dohn de Fruenslüte."
„Ik segg, Kort Ehlers, en Hof ahne Fru, dat het keen Art."
„Io," sagte Ehlers wieder einfach. Er wartete. Er hatte Geduld und Zeit. Er stopfte sich seine lange Pfeife, zündete sie an und rauchte.
Janfredrik hatte es doch gut beisammengehabt, was er sagen mußte, auf dem Weg zum Trauerhaus hatte er es sich immer wieder vorgesprochen. Wie kam nur diese Zerstreutheit, diese Zerfahrenheit in seine Gedanken?
„Üm de Sak' kort to malen, Kort Ehlers — ik heff dacht, — ik heff dacht — As du dr nix tegen intowennen harrst — denn so wull ik —"
Er wandte den Kopf zur Feuerstätte, wo Alheid stand. Ihr frommes standhaftes Gesicht sollte ihm den Mut zum entscheidenden Wort geben. Er sah sie aber nicht recht. Er hatte noch immer den Blendungsfleck von vorhin vor den Augen, den Blendungsfleck mit dem Gesicht, das ohne Worte redete, den Lippen, die schweigend lockten.
Da stockte ihm die Rede. Neben Alheid stand Sophee. Ihre Wangen brannten, ihre Augen strahlten. Ihr losgegangenes Haar hielt sie der Verwandten zum Aufstecken hin, ein schweres Gebinde von gesponnenem Gold. Janfredrik vergaß weiterzusprechen.
Kort Ehlers wartete lange. „Wat wuttst dohn?" fragte er endlich.
„Jo," sagte Janfredrik, aus seinem Traum erwachend, ganz entschlossen, „jo, Kort Ehlers, ik heff all dacht, ik mutt use Flachs un use Woll na oll Mudder Flinsch hindrägen, up dat de dat spinnen und weben deiht."
Kort Ehlers sah Janfredrik hart in die Augen. Dann stand er auf.
„Jo. Doh dat."
Vielleicht hatte er sich geirrt. Vielleicht wollte Janfredrik seine Schwester Alheid gar nicht heiraten. Auch gut. Er, Ehlers, hatte jedenfalls das Seinige getan.
Janfredrik sah ihm zornig und traurig nach, wie er mit breiten Schultern und nach auswärts gebogenen Ellbogen seinen Weg durch die Reihen seiner Gäste zurückstampfte zur Feuerstätte, wo die Familie saß. Seit er in Schmalenbeek angesiedelt war, hatte er sich Alheid Ehlers als seine Bäuerin gedacht. So lebhaft war die Vorstellung in ihm, daß er