692
/
geschehen solle. Heut abend Ball im Hotel. Morgen vormittag Polo für die Herren, slroppivA für die Damen. Und nachmittags?"
„Da trinken wir Tee im Ghezirehpalast!" schlug Thomasine Rasmussen vor, und Erich Bardefleet notierte sich ihre Wünsche, ohne erst die andern Zu fragen. Die Pyramiden im Mondschein? Da mußte man noch ein paar Tage warten. Aber übermorgen war Wettrennen . . . und abends eine Loge in der italienischen Oper . . . schon! Dann der Wohltütigkeits- basar zugunsten ... ja, Zu wessen Gunsten? Das hatte man vergessen. Es war ja auch ganz gleich. Hin mußte man jedenfalls. Und tags darauf der große Empfang in den Gärten des Khedive . . . man hatte alle Hände voll zu tun, wenn man den Müßiggang hier in vollen Zügen genießen wollte.
Und während sie so stritten und lachten, sah Thomasine Rasmussen plötzlich den Araber Doktor Kilian Böhm wieder. Er kam seines Weges Zurück, unten an der Terrasse vorbei, und trollte sich mit einem weltentrückten, aber heitern Lächeln eilig wie ein vielbeschäftigter Mensch durch das Gedränge. Auch Erich Bardefleet hatte ihn, der Richtung ihres Blickes folgend, bemerkt und stand halb von seinem Stuhl auf und rief ihn an: „. . . Istanna sallna^e! ... Herr Doktor Böhm . . . Herrgott . . . warten Sie doch ein wenig , . und wirklich machte der Orientale in dem weißen Kapuzenmantel halt und schaute herauf, mit einer stillvergnügten Neugier, was das für närrische Leute seien, die da oben in solchen Haufen beisammensaßen, und was die wohl von ihm wollten.
Fräulein Rasmussen konnte jetzt erst deutlich sein Gesicht sehen. Die Augen darin waren verschleiert, schwarz und weich wie Samt, und ebenso weichlich war der Mund, den ein kurzer, ganz feingekräuselter, dunkler Vollbart einrahmte, und die Nase und die ganze Rundung der Züge. Eigentlich ein schöner Mensch, nur etwas zu klein und zu beleibt. Er hatte etwas von einer Frau an sich, auch in der erwartungsvollen Sanftmut, mit der er sie ansah, und es fiel ihr wieder auf, wie weiblich klein und dabei fleischig seine Hand war, als er seinen Salem machte.
„Also das ist Herr Doktor Kilian Böhm!" sagte Erich Bardefleet ernsthaft. „Hier ... Fräulein Rasmussen . . ." er deutete auf seine Gefährtin . . . „will nicht glauben, daß Sie wirklich existieren!"
„Da hat sie sehr recht!" erwiderte der kleine Orientale unten rasch und entschieden auf Deutsch.
„Na . . . wieso? Da stehen Sie ja doch!"
„Wie wollen Sie das beweisen? Eigentlich ist wahrscheinlich gar nichts da!"
„So? Und das alles da um uns ..."
„ . . . Das sind die Löcher in der Wirklichkeit. Die leeren Stellen. Alles, was ist, ist unsichtbar ..."
Kilian Böhm sagte das freundlich, so wie man vom Wetter spricht, und schaute dabei Thomasine aufmerksam an. Er schien zu erwarten, daß man ihn nun weiter gehen lassen würde. Aber Erich Bardefleet meinte: „Heut haben Sie Ihren ganz verrückten Tag! Vermutlich haben Sie gestern wieder zu viel Haschisch geraucht und sind auf dem Jupiter gewesen ... oder was war es für ein Planet?" ...
„Der Saturn!" verbesserte der im weißen Burnus unten, ohne eine Miene zu verziehen.
„Na ja, und da finden Sie sich bei uns auf der Erde nicht gleich wieder zurecht, was?"
„Ich Hab' gestern überhaupt nicht Haschisch geraucht, sondern sehr viel Pilsener Bier getrunken. Mit einem dicken Herrn aus Berlin. Er hatte eine Glatze und einen goldenen Zwicker. Ich kenn' ihn nicht. Ich mag ihn nicht Wiedersehen!"
„Und was machen Sie jetzt?"
Der andere prüfte die Terrasse oben mit neugierigem Interesse. „Ich suche Menschen!" sagte er dann, halb lächelnd, halb Verlegen. Es war wie eine Entschuldigung.
„Und haben Sie schon welche gefunden?"
Wieder musterte Kilian Böhm die Herren und Damen oben mit seinen sanften, dunklen Augen. Dann versetzte er aufrichtig: „Nein."
Das klang so bescheiden, daß die oben lachen mußten. Er selbst stimmte mit ein. Und Erich Vardefleet schlug ihm vor: „Kommen Sie mal 'rauf zu uns! Forschen Sie mal oben weiter!" Aber der andere schüttelte den Kopf und deutete auf den goldstrotzenden Kawassen an der Treppe. Der ließ keinen Araber durch. Auch der hanseatische Patrizier oben sah das ein und meinte halb ärgerlich: „Das kommt davon, daß Sie in solch einem Mummenschanz herumlaufen! . . . Warum können Sie sich denn nicht manierlich in Rock und Hose kleiden wie alle Welt?" Und der unten antwortete ihm gar nicht, sondern sagte nur vertraulich, so als ob sie alte Bekannte wären, zu Thomasine Rasmussen: „Er haßt mich! Und dabei Hab' ich ihm doch nie was Gutes getan!"
„Ach wo!" Erich Bardefleet beugte sich leutselig über die Gitterbrüstung vor. „Ich Hab' Sie sehr gern. Erzählen Sie uns doch was von sich, Herr Doktor Böhm, Fräulein Rasmussen ist so gespannt darauf ..." Doch Kilian Böhm verneinte und schob die Kapuzenwölbung fester über sein tief beschattetes, eigentümlich gelblichbraun getöntes Gesicht, in dem der Mund immer so freundlich war und die Augen so versonnen. „Ich laufe nicht mit meiner Seele unter dem Arm herum!" sagte er. „Ich habe überhaupt keine!"
„Ich denke, Sie sind Buddhist und glauben an die Seelenwanderung?"
„Ja, bei Ihnen! Passen Sie mal auf, wie Sie sich nach Ihrem Ableben verschlechtern! Sie kommen, wenn's hoch kommt, in ein Krokodil, so wie das da!" Er wies auf den unermüdlich neben ihm mit seiner ausgestopften Panzereidechse hausierenden Berberiner. „Oder in einen Haifisch! . . . Warum? . . . Weil er einen schlechten, grausamen Charakter hat!" Er wandte sich bei diesen Worten wieder unmittelbar an Thomasine Rasmussen. „Er macht sich über mich lustig, schon die ganze Zeit, merken Sie das nicht?"
Dabei war solch ein Ausdruck kindlichen und hilflosen Erstaunens, wie man nur so europäisch roh und hart sein könne, auf seinen Zügen, daß Thomasine Rasmussen selbst sich über ihren kaltblütig den verstaubten arabischen Pilger da unten wie ein merkwürdiges Gewürm fixierenden Gefährten ärgerte. Und Kilian Böhm wiederholte mit großer Bestimmtheit, als ein Mann, der nicht zum erstenmal lebte und mit solchen Dingen seit Jahrtausenden Bescheid wußte: „In vierzig Jahren haben Sie einen Haifischkopf, Herr Bardefleet!" Und ihr fielen dabei unwillkürlich all die ägyptischen Götter mit grinsenden Krokodil- und Löwen- und Sperberschädeln ein, die man massenweise hier im Lande, in Stein gemeißelt, in den Museen und Tempeltrümmern sah. Und dann war seine Aufwallung schon wieder verflogen, und er setzte geheimnisvoll hinzu: „Sie müssen mal nach Bulak hinaus ... da sind neue Ausgrabungen ausgestellt . . . aus Sakkara, ein bronzenes Krokodil ... ich halte es für eine Emanation des Harpokrates mit dem Atef- diadem ..."
„Graben Sie es wieder ein!" sagte Erich Bardefleet. „Das ist alles Unsinn!" und der andere wandte sich schweigend und bekümmert, ohne Gruß zum Gehen. Da rief er ihm nach: „Wo kann man Sie denn wieder mal treffen, Herr Doktor Böhm? Hausen Sie denn immer noch in dem unglaublichen Araberviertel da drüben?"
Kilian Böhm war stehen geblieben, klappte seinen schon aufgespannten grünen Sonnenschirm wieder zu und trat noch einmal näher. „Meine Wohnung ist jetzt gerade bei der Cheopspyramide links!" sagte er.
„Wieso? Da ist doch nur die Wüste!"
„Man muß doch in der Wüste wohnen!" Der unten schien ganz erstaunt, daß man das nicht sofort begriff.
„Ja, wie wohnen Sie denn da? Haben Sie ein Zelt?"
Der Orientale nickte, „'s hat mir jemand eines geschenkt. Ein Selbstmörder!"