Heft 
(1906) 47
Seite
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Ja sieh, Hugo, das ist eben, was ich das Forsche nenne. Es war doch ein Entschluß, und seine Familie war doch gewiß dagegen und wollte einen Minister aus ihm backen. Unterm Minister tun's ja die guten Kleinstädter nicht, die bei der be­kannten Glücksjagd, zu der wir alle geladen sind, bloß den Kirchturm mit dem goldenen Hahn sehen und nicht wissen, wie weit es ist und wie viele Grüben unterwegs, um reinzufallen. Ich bin für die, die abspringen."

Du meinst so im allgemeinen, so theoretisch ..."

Nein, ganz praktisch. Du mußt mir eine Photographie von deinem Vater schenken. Darauf sehe ich mir ihn dann öfters an, so als Vorbild."

Aber, Hans, du willst doch nicht auch Bürgermeister werden und bist ja auch noch vorm Referendar! Mein Vater hatte doch die halbe Quälerei hinter sich. Sie nehmen jetzt nicht all und jeden, und Referendar ist das wenigste, und du siehst mir nicht aus, als ob du in meiner Abwesenheit und sozusagen hinter meinem Rücken das Examen gemacht hättest und nun bloß kommst, um dich mir in deiner neuen Würde vorzustellen. Aber verzeih, ich werde uns drüben erst ein bißchen Abendbrot bestellen, was man in einer Chambre garnie so Abendbrot nennt; ein Glück, daß die Menschen den Schweizer­käse erfunden haben. Und soll ich Tee bestellen oder Grog?"

Im allgemeinen bin ich für das Übergehen aus dem einen in das andere, man hat das Spiel dabei so hübsch in der Hand, vorausgesetzt, daß die Flasche nicht im Stich läßt. Aber heute laß es gut sein, Hugo, sparen wir uns das Gelage für eine größere Gelegenheit."

Examen?"

Das ist zu unsicher, erstens an sich, das heißt, ob wir bis dahin kommen, und dann in seinem Resultat. Nein, wenn ich von Aufsparen und größerer Gelegenheit spreche, so habe ich was anderes im Sinn und meine das, was auch mit dem -rekte vom Galgen' zusammenhängt: meinen ersten Abend."

Ich kann dir nicht folgen, Hans. Es ist lächerlich zu sagen, aber du bist mir zu mystisch. Erst rekte vom Galgen und die Zusage späterer Rätsellösung und nun erster Abend?"

Ich habe doch dein Ingenium, deine Auffassungsgabe überschätzt, was übrigens nach Ansicht einiger eine ganz unter­geordnete Gabe sein soll, vielleicht in Zusammenhang mit Logik und Mathematik. Alle Logiker verstehen gewöhnlich gar nichts. Aber wundern muß ich mich doch, Hugo! Zu was sind wir denn um den Königsplatz unzählige Male herumgelaufen, links den Mond und rechts Kroll und die kleine F., und haben unter Verwerfung aller bisherigen Hamletauffassungen einer- neuen, tieferen nachgeforscht? Um was habe ich meine Parallelen gezogen zwischen Amalia und Adelheid von Runeck, zwischen der Milford und der Eboli? Zu was das alles, wenn du schließlich nicht einmal verstehen willst, was ich mit meinem -ersten Abend' meine . . . Also rund heraus, ich spreche von meinem ersten -Räuber'abend. Kosinsky! Die Geschichte mit dem Repetitorium wurde mir zu langweilig. Ja, wenn man den guten Ausgang noch sicher hätte! Kurzum, ich bin zu Deichmann gegangen, und heute war die dritte Probe mit mir übrigens, Kraußneck brillant als Roller. Ich denke, daß ich über kurz oder lang auch ins Charakterfach überspringe. Liebhaber ist bloß Durchgang."

Durchgang? Und die -Räuber'? Ist es möglich! Dann wird also in acht Tagen auf dem Zettel stehen: -Kosinsky Herr Rybinski'. Oder willst du dein -vom beibehalten?"

Nein, man muß auch etwas für seine Familie tun. Mein -von' wird gestrichen, wenigstens, solange ich unberühmt bin, nachher kann ich es immer wieder aufnehmen."

Rechnest du darauf?"

Natürlich rechne ich darauf. Jeder rechnet darauf. Garrick war ursprünglich auch von Adel; meinst du, daß er mit der ganzen Geschichte angefangen hätte, wenn er sich nicht stätte sagen dürfen: -Ruhm geht über Adel'?"

Sag mal und das alles ist dein Ernst?"

Mein voller Ernst, und ich will dir auch noch mehr sagen und auch im Ernst. In ganz kurzer Zeit kommst du zu mir und sagst mir: .Rybinski, du hast recht gehabt, den ganzen Kram an den Nagel zu hängen'; was meinst du, zu welcher Rolle paßte ich wohl am besten, Dunois oder Karl Moor? Ich sage dir, du bist der geborene Karl Moor, und wenn du deinen Arm an die Eiche bindest, oder vielleicht auch wenn du den Alten aus dein Turm holst, mußt du einfach großartig sein."

So, meinst du?"

Du hast ganz das schwermütig Schwabblige, was dazu gehört, und hast auch den Brustton der Überzeugung, wenn er sagt: -Diese Ühr nahm ich dem Minister'. Das ist natürlich der Justizminister gewesen, und auf den wirst du bald ebenso schlecht zu sprechen sein wie ich. Ich habe die Schiffe hinter mir verbrannt. Alles im Leben ist bloß Frage der Courage."

Na höre, Hans, da spielt doch auch noch manches andere mit."

Du meinst Liebe. Damit komme mir nicht. Larifari. Manche sind so verrückt, und dir traue ich schon was zu. Wer so viel spazieren läuft und die gleiche Schwärmerei für Lenau wie für Zola hat was dir beiläufig erst einer nach machen soll der ist zu jedem Liebesunsinn fähig. Es sieht dann auch das wie Courage aus, ist aber das Gegenteil davon. Bloß Schlapperei, Bequemlichkeit, Hausschlüsselfrage . . . Hugo, sieh dich vor. Aber so viel will ich dir schon heute sagen: wenn du dich normal entwickelst und nicht einen kolossalen wux M8 machst, so kommst du morgen da an, wo ich schon heute bin. Und wenn du Referendar werden solltest, was leicht möglich wäre, Assessor wirst du nie. Laß doch die Einpaukerei! Js ja alles umsonst. Ich kenne meine Pappenheimer."

Indem klopfte es. Großmann ging auf die Tür zu, um zu öffnen. Draußen stand Mathilde. Sie müsse noch in die Stadt, und weil keiner da sei außer ihrer Mutter, wolle sie nur fragen, ob Herr Großmann noch irgendetwas zu Abend befehle.

Danke, Fräulein Mathilde. Herr von Rybinski hat alles abgelehnt. Ich gehe nachher noch in den Franziskaner hinüber. Wenn Sie mir vielleicht eine Flasche Sodawasser Zurechtstellen wollen ..."

Als er seinen Platz wieder eingenommen hatte, sagte Rybinski:Dadurch wirst du dich auch nicht inszenieren.

Sodawasser, das trinkt doch bloß ein Philister."

Das ist erstlich noch sehr die Frage, denn es hängt viel davon ab, was man vorher getrunken hat, und dann will ich mich auch gar nicht inszenieren. Frau Möhring ist eine Philöse und das Fräulein ihre Tochter. Und da inszenieren! So weit sind wir doch noch nicht runter. Und man hat seinen Lenau doch nicht umsonst intus."

Gerade das, gerade das! Lyrik schützt vor Dummheit nicht. -Auf dem Teich, dem regungslosen, weilt des Mondes holder Glanz' es braucht bloß ein bißchen Mondschein, so verklärt sich alles, und der Teich kann auch 'ne Stubendiele sein."

Ich begreife dich nicht, Hans, woher hast du denn Ver­anlassung ..."

Des Menschen Bestes sind Ahnungen, und sie hat solch Profil, fast wie eine Gemme, streng und edel und einen kleinen Fehler am Auge und ist aschblond. So schreiten keine ird'schen Weiber, die zeugete kein sterblich Haus ..."

Unsinn, was soll das? Eigentlich ist sie doch einfach eine komische Figur."

Du, sage das nicht, so was rächt sich!"

Ach was, alles Unsinn und nochmals Unsinn. Und nun laß uns gehen ... Wann ist denn eigentlich dein Debüt?"

Nächsten Dienstag. Du kannst mir den Daumen halten. Oder noch besser, komm hin und klatsche!"

Die nächsten Tage vergingen ruhig. Am Vormittag hatte Hugo sein Repetitorium. Dann ging er zu Tisch, dann spa-