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„Na, wenn du meinst, Thilde, wir wolle:: es aber auf eine Nummer geben."
Jetzt hatten sie sich eingemummelt und stiegen die Treppe hinunter. Unten in der Vorhalle machte sich Thilde mit allerhand zu schaffen, weil sie's für möglich hielt, daß ihr Mieter an einer der Barrieren stehe und auf sie warte. Aber er war nicht da. Das gab eine neue Verstimmung, und einen Augenblick uberkam die sonst unerschütterliche Thilde die Frage: Ob ich mich doch vielleicht irre? Sie war aber von einem unvertilgbaren Optimismus der Hoffnungseligkeit, weil sie den Charakter ihres Mieters ganz genau zu kennen glaubte, und sagte sich: Er muß natürlich seinen Freund beglückwünschen, und er kann nicht an zwei Stellen zugleich sein.
Erst nach zehn waren sie zu Hause, was nichts schadete, da sie den Hausschlüssel mithatten. „Siehst du, Thilde, wie gut", sagte die Alte, als sie den Schlüssel aus ihrer Tasche hervorholte.
„Ach, Mutter, als ob ich nicht gewollt Hütte. Natürlich, ich dachte sogar, wir könnten erst um elf kommen."
Auf der Treppe trafen sie den Portier, der eben das Gas ausmachte. „Soll ja sehr schön gewesen sein", sagte dieser.
„Gott, Mieckhoff, wissen Sie denn schon?"
„Ja, meine Jda war auch da. Jda is' immer da. Sie kennt welche von's Theater."
„Na, das ist recht", sagte Thilde. „Theater bildet."
Und damit stiegen Mutter und Tochter weiter hinauf, während der Portier in einem Anflug von Galanterie ihnen noch eine halbe Treppe aufwärts leuchtete.
Oben sagte Thilde: „Nu, Mutter, wollen wir uns einen Tee aufgießen und warten, bis er kommt. Er wird uns wohl auch noch sehen wollen und hören, ob wir uns amüsiert haben."
„Ach, Thilde, es war ja doch so graulich, und der alte Mann, und wie er aussah, wie er da 'raus kam und der andere gleich rein! Na, da siel mir ein Stein vom Herzen. Wenn ich mir denke, daß so einer noch frei'rumläuft ..."
„Das kann er ja gar nicht mehr. Es ist ja schon so lange her, und dann ist es ja bloß so was Ausgedachtes. Du denkst immer, es ist wirklich so."
„Ja, Gott, warum soll ich so was nich denken! Es gibt so viel schlechte Menschen..."
„Ja, ja, erzähle nur nicht die Geschichte von den: Kürschnermeister in Treptow; ich weiß ja, daß er seine Frau mit dem Marderpelz erstickt hat. Aber es gibt auch gute Menschen."
„Ja, die gibt es auch. Und ich glaube, unser jetziger Herr drüben ist ein guter Mensch."
„Ein sehr guter, das heißt, wenn er so ist, wie ich ihn nur denke."
„Du sagst ja immer, du bist so sicher."
„Bin ich auch, bloß mitunter wird einen: doch etwas bange. Aber es geht gleich wieder vorüber."
*
Die Möhrings hatten bis Mitternacht gewartet und den Tee schon zweimal wieder aufgegossen. Als aber der Mieter noch immer nicht dawar, sagte die Alte: „Thilde, was sollen wir so viel Petroleum verbrennen, nu kommt er doch nich mehr. Und wenn er kommt, wird er wohl auch nich wollen, daß wir ihn so in seinem Zustand sehen. Er wird wohl in Töpfers Hotel sitzen, im Keller unten, da sitzen sie immer."
Und danach waren sie zu Bett gegangen und lagen auch still und sprachen nicht. Aber vom Schlafen war keine Rede. Thilde beschäftigte sich mit seiner Haltung während des ganzen Abends und dieser nächtlichen Kneiperei, die ganz jenseit ihrer Berechnungen lag, und die Alte war immer noch bei dem Stück. Es schlug schon eins, als sie sich aufrichtete und leise sagte: „Thilde, schläfst du schon?"
„Nein, Mutter."
„Das is' gut, Kind, mir is' so angst. Ob es von den: Tee ist? Aber ich habe solch' Herzschlagen und sehe immer den alten Mann..."
„Ach laß doch den alten Mann, Mutter, der schläft nun schon zwei lange Stunden, und du mußt auch schlafen."
„Und das einzige is', daß der Rotkopf..."
„Ja, ja, der hat nu seinen Denkzettel."
„Und was wohl aus den: armen Wurm, den: Fräulein, geworden is'— wie hieß sie doch?"
„Amalia."
„Richtig, Amalia. . . Ja, die is' nun so gut wie eine Waise. Denn wenn sie den Alten auch wieder herausgeholt haben, lange kann er's doch nich mehr machen."
„Nein, das kann er nicht, Mutter. Aber jetzt werde ich dir ein Glas Wasser holen, und dann legst du dich auf die andere Seite."
„Na ja, ich werde mal bis hundert zählen."
Es war darauf gerechnet worden, daß Hugo spät aufstehen würde, aber das Gegenteil geschah: er klingelte früher als gewöhnlich und mußte wohl zehn Minuten auf sein Frühstück warten. Thilde wollte diese Verspätung entschuldigen. Er uwinte aber, es hätte nichts zu sagen, er müsse sich entschuldigen. Um vier nach Haus kommen und um sieben Frühstück, das sei beinah unnatürlich. Ob es denn hübsch gewesen sei, das heißt, ob sie sich amüsiert hätten, und wie ihnen Ry- binski gefallen habe? Er wolle ausgehen und gleich in den Zeitungen Nachsehen, ob er gelobt sei. Daß sie nicht geklatscht Hütten, sei sehr gut gewesen. Es falle auf und schade bloß und heiße dann in den Zeitungen, es sei alles Claque gewesen. Übrigens hätte Rpbinski ihm gesagt, er werde wieder Billette schicken, wenn er in einer neuen Rolle aufträte. Das sei in der nächsten Woche: „Dunois, Bastard von Frankreich". „Sie kennen die Rolle, Fräulein Thilde?"
„Ja. Den Dunois kenne ich", sagte sie mit Betonung des Namens ohne weiteren Zusatz, um ihn auf diese Weise das Unpassende des „Bastard" fühlen zu lassen. Zu dem Plan, den sie sich ausgedacht hatte, gehörte durchaus Tugend. Sie hielt es deshalb, um ihrer Reprimande noch mehr Nachdruck zu geben, auch für angezeigt, das Gespräch abzubrechen, so schwer es ihr wurde.
Als sie wieder drüben in ihrem Zimmer war, fand sie die alte Runtschen vor, die nicht durch das Entree, sondern durch die Küche gekommen war. Sie sah aus wie gewöhnlich: schmuddelig, Kiepenhut und eine schwarze Klappe über dem linken Auge.
„Guten Tag, Frau Runtschen. Nun, das ist gut, daß Sie da sind. Hat Ihnen Mutter schon gesagt? ..."
„Ja, Thildechen, Mutter hat mir schon gesagt, daß wieder ein Herr da is, und daß ich reinmachen und einholen soll. Aber wann muß es denn sind? Von sieben bis acht bin ich drüben bei der Hauptmann Petermann und von acht bis neun bei Kulickes unten."
„Das paßt sehr gut. Neun bis zehn ist die beste Zeit oder lieber noch ein bißchen später. Um die Zeit ist er immer weg, und Sie können sich's dann einrichten, wie Sie wollen, und Sie wissen ja auch Bescheid, wo alles steht! Aber mitunter ist er auch noch da und sieht so aus dem Fenster — ja, Frau Runtschen, dann müssen Sie sich schon ein bißchen zurechtmachen."
„Zurechtmachen?"
„Ja, Frau Runtschen. Ich meine natürlich nur ein bißchen. Sie können nicht kommen wie 'ne Prinzessin, so viel wirft es nicht ab. Aber doch so das Nötigste, eine weiße Schürze und dann, daß Sie den Kiepenhut abnehmen. Wenn er nicht da ist, dann ist der Kiepenhut ganz gut, und man sieht nicht alles; aber wenn er da ist, ist doch ne Haube besser."
„Ja, Fräuleinchen, was heißt Haube?"
„Natürlich sollen Sie sich keine mitbringen. Aber an unfern: Ständer, da finden Sie allemal eine."
„Na, wenn's erlaubt ist, dann nehme ich sie mir so lange."
„Ja, Frau Runtschen. Und denn noch eins. Die schwarze Klappe da dürfen Sie nicht länger als acht Tage tragen. Ich werde Ihnen Sonnabend eine neue geben. Ihr Schade soll es nicht sein." (Fortsetzung folgt.)
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