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geschwinde Läufe, Schwebungen, Triller und überhaupt die feinsten, geschmeidigsten Manieren lassen sich in großer Voll-' kommenheit auf der Harmonika ins Werk setzen." Der Berichterstatter schließt mit der Bemerkung, daß er die Davies „in Ansehung ihres melodiösen Singens, ihrer ton- und phantasiereichen Finger, ja selbst wegen des aus ihrer ganzen Person hervorleuchtenden musikalischen Tiefsinns gern selbst Harmonika nennen möchte".
Noch größeren Ruhm erwarb sich Marianne Kirchgeßner, die nach allem, was über sie berichtet wird, wohl die bedeutendste Künstlerin auf der Harmonika gewesen ist. Sie stammt aus Baden, wo sie 1770 in Waghäusel geboren wurde. Schon im Alter von vier Jahren erblindete sie. Ihr früh hervortretendes großes musikalisches Talent lenkte die Aufmerksamkeit des Speperischen Domkapitulars Freiherrn von Beroldingen auf sie und veranlaßte ihn, sie zum Kapellmeister Schmittbauer in Karlsruhe zu geben, der, selbst ein tüchtiger Harmonikaspieler, das junge Mädchen vollständig ausbildete. Da sie für die Töne der Harmonika eine' besondere Vorliebe und für das Spiel ein besonderes Geschick zeigte, so schenkte ihr der freiherrliche Mäcen ein solches Instrument, und nun trat sie, von ihrem väterlichen Freund und Beschützer, dem Rat Boßler, begleitet, große Kunstreisen an. Zuerst ließ sie sich in München hören, dann in Wien, wo Mozart von ihrem Spiel sehr entzückt war und zu ihrem Gebrauch ein Quintett für Harmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello komponierte; in ihrem Konzert am 19 . Juni 1791 führte sie das Werk denn auch öffentlich vor. Es sei hier bemerkt, daß ebenso wie Mozart auch Haydn und Beethoven Stücke für die Harmonika geschrieben haben: der erste eine Soloszene für Sopran und Harmonika, der andere eine kaum bekannt gewordene melodramatische Begleitung zu dem Gedicht „Leonora Prohaska" seines Freundes Duncker. Marianne zog dann weiter nach Berlin und spielte dort bei Hof an vier Abenden nacheinander, von den Fürstlichkeiten sehr ausgezeichnet, und nicht geringes Aufsehen erregte sie in Hamburg, Kopenhagen, Holland und London, wo sie sich 1794 zum erstenmal hören ließ. Nach ihrer Rückkehr auf das Festland unternahm sie eine weitere Reise, die sie bis nach Petersburg führte, immer getragen von rauschenden Erfolgen, und selbst, als sie sich in Gohlis bei Leipzig eine Villa gekauft und ein behagliches Heim geschaffen hatte, ließ ihr der Drang in die Öffentlichkeit keine Ruhe; 1802 zog sie aufs neue aus, um die Welt mit ihrem Spiel zu begeistern. Nach der Schweiz ging der Weg. In Stuttgart war am 26 . Januar noch Johann Rudolph Zumsteeg, der in der „Schwäbischen Chronik" auf Mariannens Kunstleistungen empfehlend hingewiesen hatte, in ihrem Konzert — am andern Morgen ereilte ihn der Tod. Auf einer zweiten Reise in die Schweiz 1808 starb auch die blinde Virtuosin in Schaffhausen. Der Dichter Schubart, der anfangs von der Harmonika nichts wissen wollte, schrieb, nachdem er Marianne Kirchgeßner gehört hatte: „Ihr Spiel ist zum Bezaubern schön, es weckt nicht Traurigkeit, sondern sanftes, stilles Wonnegefühl, Ahnungen einer höheren Harmonie, wie sie die guten Seelen in einer schönen Sommermondnacht durchzittern. Unter ihren Fingern reift der Glaston zu seiner vollen schönen Zeitigung und stirbt so lieblich dahin wie Nachtigallenton, der mitternachts in einer schönen Gegend verhallt."
Der Ton dieser Besprechung versetzt uns mitten in die tränenselige und gefühlsüberschwengliche Romantik. Daß die weichen Klänge der Harmonika, die aus sich selbst wie mit sublimen Empfindungen beschwert erscheinen, auf romantisch gestimmte Gemüter ganz besonders tief wirkten, ist begreiflich, und so finden wir das Instrument von romantischen Dichtern viel umschwärmt: namentlich Jean Paul bringt ihm eine un- gemeine Verehrung entgegen und gebraucht es in manchem schönen Bild. So sagt er im Titan: „Das Requiem des Tages stieg herauf, der Zephir des Klanges, die Harmonika, flog wehend über die Gartenblüten, und die Töne neigten sich auf den dünnen Lilien des aufwachenden Wassers", oder im
Hesperus: „Oh, der Schmerz der Wonne befriedigte ihn, und er dankte dem Schöpfer dieses melodischen Edens, daß er mit den höchsten Tönen seiner Harmonika, die das Herz des Menschen mit unbekannten Kräften in Tränen zersplittern, wie hohe Töne Gläser Zersprengen, endlich seinen Busen, seine Seufzer und seine Tränen erschöpfte; unter diesen Tönen, nach diesen Tönen gab es keine Werte mehr — das sprachlose Herz sog schwellend die Töne in sich und hielt die äußeren für innere — und zuletzt spielten die Töne nur leise wie Zephire um
den Wonneschlaftrunkenen-" Und noch sonst oft klingen
Harmonikaglocken in Jean Pauls Sprache.
Die Blütezeit des Harmonikaspiels war das letzte Drittel des 18 . und der Anfang des 19 . Jahrhunderts. Eine ganze Anzahl tüchtiger, selbst hervorragender Musiker widmete sich dem Glasinstrument, z. B. der Dresdner Hofkapellmeister Naumann, der auch sechs Sonaten für Harmonika schrieb, zwei- sätzige Stücke, die immer die Folge von Adagio und Allegretto (Andante, Menuetto) aufweisen, und die mit bemerkenswerten Schwierigkeiten, Zweiundreißigstelpassagen und dergleichen ausgestattet sind. Ferner sind zu nennen I. Fr. Reichardt, I. C. Müller in Leipzig, der die erste und einzige Harmonikaschule verfaßte, sodann der durch seine Beziehungen zu Mozart bekannte Normalschulinspektor Mesmer in Wien, C. L. Röllig, auch als Komponist für das Instrument tätig, W. Brettler in Darmstadt und viele andere. In Darmstadt war die Harmonika in der Hofkapelle vertreten, weil die Fürstin Luise, spätere Großherzogin von Hessen, das Instrument sehr liebte und selbst geschickt spielte. Nach Brettler war dort C. F. Pohl, Sohn von Emanuel Pohl in Kreibitz, dem ersten deutschen Harmonikafabrikanten und Vater des Haydn-Biographen, als Harmonikaspieler angestellt bis zum Jahr 1818 , wo der Posten einging. Pohl war der letzte bedeutende Virtuose auf diesem Instrument, der konzertierend durch die Welt zog; von seinem Spiel wird gesagt, daß es zwar nicht Schwierigkeiten bevorzuge, wie sie die Kirchgeßner hören ließ, doch in seiner Gebundenheit dem Wesen der Harmonika mehr angemessen sei. Als Kuriosum sei erwähnt, daß Pohl in einem Berliner Konzert 1812 ein Trio auf drei Harmonikas ausführte: an der zweiten wirkte seine Frau, an der dritten der berühmte Chirurg Karl Ferd. v. Gräfe mit. Leider endete dieses Konzert insofern mit einem Mißklang, als die eine der Harmonikas, die der Besitzer nur unter Widerstreben hergeliehen hatte, durch eine Unvorsichtigkeit der Träger umgeworfen wurde, wobei alle Glocken zerbrachen.
Das Spielen der Harmonika sollte, so wurde behauptet, durch die Vibrationen der Glocken, die sich auf die Finger übertrugen, die Nerven angreifen und die Gesundheit schädigen. Rochlitz und Müller verteidigten zwar das Instrument gegen diesen Borwurf, aber trotzdem fehlte es nicht an Versuchen, die direkte Berührung der Finger mit den Glasglocken aufzuheben und überhaupt die Traktur zu vereinfachen. Abba Mazzucchi brachte die Glocken durch einen mit einem Gemisch von Kolophonium, Terpentin und Wachs bestrichenen Violinbogen zum Klingen; Hessel, ein deutscher Mechaniker in Petersburg erfand 1785 die Klavierharmonika, Röllig folgte 1786 mit einer ähnlichen Konstruktion, und 1798 erbaute Professor H. Klein in Petersburg eine Tastenharmonika, bei der den Glocken durch kleine Stückchen angefeuchteten Schwammes, die auf Polstern von Filz befestigt waren, die Töne entlockt wurden. Biele andere Versuche ähnlicher Art folgten, aber keiner hat neben der ursprünglichen einfachen Harmonika sich behaupten können. Denn einmal nutzten sich alle die Körper, die die Reibung durch Menschenhand ersetzen sollten, zu schnell ab, dann büßte aber auch der Ton an Reiz ein. Gerade der Um stand, daß der feinnervige Finger unmittelbar den Ton bildete und ihm jede Nuance geben konnte, verlieh dem Harmonikaklang seine Zartheit und eigentümlich sinnliche Farbe.
Je weiter das Jahrhundert vorrückte, um so mehr erschöpfte sich die Wirkung und Ausbreitung der Harmonika. 1820 , nach dem Konzert einer Harmonikaspielerin.in Berlin,