Heft 
(1906) 47
Seite
1001
Einzelbild herunterladen

1001

bis 26 Grad Reaumur betragen soll. Solche Durchschnittstempera­tur kann auch im Sommer nur in einem geheizten Aquarium erhalten werden. Es gibt zur Zeit zahlreiche Systeme heizbarer Aquarien und Heizapparate, die an jedem vorhandenen Aqua­rium angebracht werden können. Die Heizung muß so funk­tionieren, daß sie nur das Wasser, nicht aber auch die Boden­schicht des Aquariums erwärmt, da die meisten Wasserpflanzen einer dauernden Bodendurchwärmung nicht standhalten.

Ein prächtiger Verwandter des Paradiesfisches ist der Kampffisch aus Siam, der etwa die Größe unseres Stichlings erreicht; er ist, wie schon der Name besagt, sehr kampflustig, und in Hinterindien, seiner Heimat, wird diese Kampflust zur Veranstaltung mit Wetten verbundener Fischkämpfe ausgebeutet, die Tausenden von Menschen das tägliche Brot geben.

Während Paradies- und Kampffische Schaumnester bauen, errichten andere ihre Nester meist als muldenförmige Vertiefungen auf dem Grund des Wassers; ein hierher gehöriger, aus Süd­amerika stammender Fisch ist der Chanchito aus der Familie der Chromiden (siehe die Abbildung fremdländische Aquarienfische), der sich wie so manch anderer durch seinen chamäleonartigen Farben­wechsel auszeichnet. Wunderbarer ist die Brutpflege bei einem aus dem Gebiet des Nils eingeführten Fisch, der vielfarbigen Paratilapia (?arali1uM multieolor), die sich auch im Zimmer­aquarium fortpflanzt. Das Weibchen legt die Eier in einer vom Männchen bereiteten Grube ab, nimmt sie nach der Be­fruchtung ins Maul, in dem sie in dem starkentwickelten Kiemen­sack gewissermaßen erbrütet werden. Auch die jungen Fischchen kehren von ihren ersten Ausflügen stets wieder in das Maul der Mutter zurück, bis sie nach fünf oder acht Tagen selbständig geworden sind. Bei diesen Fischen ist das Männchen zur rechten Zeit aus dem gemeinsamen Behälter zu entfernen, denn wir haben hier den bei Fischen seltenen Fall weiblicher Brut­pflege vor uns. Spätestens am achten Tag nach dem Aus­schlüpfen der Kleinen müssen wir aber auch die Mutter ent­fernen, weil sie sich sonst an der eigenen Brut vergreift.

Trotz der beträchtlichen Schwierigkeiten, mit denen der Im­port tropischer Fische verbunden ist, werden ständig neue Arten eingeführt. So sind im Jahre 1905 gegen vierzig neue, teilweise noch gar nicht wissenschaftlich bestimmte Arten in Deutschland eingeführt worden. Zu den neueren Errungen­schaften gehören unter anderen gewisse Zahnkarpfen, die lebende Junge zur Welt bringen, die runden Kugelfische, der herrliche Schmutzwasserfisch Borneos (beide auf der Abbildung fremdlän­discher Aquarienfische) und.viele andere. Mehrere hundert bisher bei uns unbekannte fremdländische Fischarten sind in den letzten Jahren aus ihrer Heimat eingeführt worden. Mancher dieser Arten haben sich die Nutzfischzüchter angenommen, um ihren Wert für die Teichwirtschaft auszuproben, und es ist wahrscheinlich, daß einige der härteren amerikanischen Arten, so gewisse Barsche, eine ähnliche Verbreitung wie die raschwüchsige amerikanische Regen­bogenforelle finden dürften, die als Nutzfisch eine nicht zu unter­schätzende Rivalin der heimischen Bachforelle geworden ist.

Es sei noch erwähnt, daß auch die Beobachtung und Pflege der lebende Junge zur Welt bringenden Fische, zu denen es in unserer Heimat kein Gegenstück gibt, von hohem Interesse ist. Die jungen Fischchen kommen vollständig entwickelt meist paar­weise in kürzeren Zwischenräumen zur Welt. Bei den lebendig gebärenden Fischen ist das Weibchen dem oft schön gefärbten Männchen um das Doppelte und Dreifache an Größe überlegen.

Im Dienst der Liebhaber fremdländischer Fische stehen heute im Reich große Luxusfischzüchtereien, die in treibhausartigen, innen mit zahlreichen heizbaren Bassins ausgestatteten Glas­palästen - neben den mehr und mehr ins Hintertreffen geratenden monströsen Varietäten des Goldfisches, den Schleierschwänzen, Teleskopfischen, Eierfischen und Himmelsaugen in erster Linie tropische Zierfische züchten; daneben finden auch viele in beschei­denen Verhältnissen lebende Leute durch die Zucht dieser Fische einen nicht zu verachtenden Nebenverdienst. Die großen Züchter und auch manche Vereine unterhalten mit Züchtern und Samm­

lern in überseeischen Ländern rege Geschäftsverbindungen. Im verflossenen Jahr hat sogar ein Berliner Züchter auf eigene Faust zwei Sammelreisen nach Malaga und den Sundainseln unter­nommen. Die gesamte Ausbeute der ersten Reise wurde auf dem Zollamt in Basel das Opfer einer kalten Nacht, von der zweiten Reise gelangten sechzehn neue Fischarten lebend nach Berlin, die inzwischen bereits teilweise zur Fortpflanzung ge­schritten sind. Einige dieser neuen Fische sind der Schmutzwasser­fisch von Borneo (Oodius xautboöoma), der breite bunte Schmuck­fisch von Ceylon Ltrop1u8 Lurateiwis, der Hecht von Borneo mit dem unmäßig langen Unterkiefer (86mirampku8 tluvlalilw), die kleine halb hell und halb dunkel gefärbte Ua8dora betero- morplia und der Kugelfisch (Betroäon üuviatilw).

Mit den neuen Fischen sind, vielfach unbeabsichtigt, auch neue Pflanzen zur Einführung gelangt, unter denen die amerikanischen Arten überwiegen. Die Vorliebe für Sumpf- und Wasserpflanzen ist durch die prächtigen Kulturen dieser Gewächse in unsern Botanischen Gärten ständig gefördert worden; sie hat vom Stand­punkt des Liebhabers aus eine größere Berechtigung als die Bevorzugung fremdländischer Fische, weil es unter den heimischen Wasserpflanzen nur wenige wintergrüne Arten gibt auch die Sumpfpflanzen der Heimat nicht nur im Winter eingehen, son­dern auch im Sommer für die Kultur im Zimmer recht un­geeignet sind. Unsere Abbildung Seite 1000 veranschaulicht ein mit fremdländischen Sumpfgewächsen bepflanztes Aquarium so, wie es bei guter Zimmerpflege aussthen soll.

Im Dienst der Aquarienliebhaberei und -künde stehen heute in Deutschland rund siebzig Vereine, von denen neun auf Berlin entfallen. In diesen Vereinen findet der Anfänger Belehrung und Förderung, während ihm die Industrie Aqua­rien von den einfachsten bis zu den feinsten Salonaquarien und alle erdenklichen technischen Hilfsmittel liefert.

Mit dem Aufblühen der Aquarienpflege ist auch die Er­forschung mannigfacher Fischkrankheiten, vorwiegend der para­sitären, und deren auch für die Teichwirtschaft wichtigen Be­kämpfung, weit fortgeschritten. Auch auf diesem Gebiet haben wissenschaftlich gebildete Aquarienfreunde der Wissenschaft große Dienste geleistet. Das sachgemäß eingerichtete Aquarium erfüllt eine hygienische und erzieherische Mission zugleich. Hygienisch wirkt es, weil es durch seinen Pflanzenwuchs und durch seine offene Wasserfläche die Zimmerluft verbessert und mit der not­wendigen Feuchtigkeit versorgt, erzieherisch, weil es unserm In­teresse an der Tier- und Pflanzenwelt ständig neue Anregung gibt und uns tiefe Einblicke in ein sich unter und auf den: Wasser abspielendes fesselndes Tier- und Pflanzenleben gestattet. Und wo man dieses Leben auch anfassen mag, immer ist es interessant, mag man nun das Aquarium mit heimischen oder fremdländischen Fischen oder auch nur mit niederen Geschöpfen, wie Süßwasserpolypen, Wasserspinnen, -schnecken und -käfern, be­völkern. Eine besonders anregende und dankbare Liebhaberei bildet neben dem Süßwasferaquarium die Einrichtung und Unterhaltung von Seewasseraquarien, für die die Einrichtungen im Berliner- Aquarium und die Seewasseraquarien in unsern großen zoologi­schen Gärten vorbildlich sind. Unter allen in der Häuslichkeit mög­lichen naturwissenschaftlichen Liebhabereien gebührt neben der Blumenzucht der Aquarienpflege der erste Platz. Man denke nicht gering über diese und ähnliche Liebhabereien, sie geben dem Leben der Tag für Tag in ihrer Berufsarbeit untergehenden Menschen erst den rechten Gehalt, wecken das Verständnis für die Natur und ihre unerschöpflichen Reize, halten die Beziehungen zu ihr aufrecht und bilden nach vollbrachtem Tagewerk in freien Stunden eine ständig sprudelnde Ouelle des reinsten Genusses und der Er­holung. Aber auch für diejenigen, die sich nach erfolgreicher Arbeit ins Privatleben zurückgezogen haben, kann es nichts Schöneres, Befriedigenderes geben als die Beschäftigung mit der Natur. Wohl denen, die sich im Kampf ums Dasein einer: offenen Blick und ein warmes Herz für die Natur bewahrt haben, denen, um wieder mit Roßmüßler zu reden, die Schande erspart blieb, Fremdlinge in der Heimat zu sein.

1906. Nr. 47.

o o

107