Heft 
(1906) 50
Seite
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Merkwürdiges Mädchen! dachte Hugo, so gut und so tüchtig. Aber Küssen ist nicht ihre Force . . . Nun, man kann nicht alles verlangen, und jedenfalls bin ich froh, daß sie nicht gleich wieder davon angefangen hat. Es wird wohl nur eine Galgenfrist gewesen sein, aber wie viele Tage hat denn das Leben, und ein Tag ist schon immer was.

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Hugos Befürchtungen schienen sich nicht erfüllen zu sollen, das Examen war Ende März gewesen, und schon war es Mitte April, ohne daß Thilde von Assessorexamen und Vor­bereitung dazu gesprochen hatte. Sie ließ es gehen, war voll kleiner Aufmerksamkeiten, unter denen Stückevorlesen aus kleinbedruckten Reclamheften obenan stand, und hatte sich nur darin geändert, daß sie minder häuslich schien als früher und jeden Vormittag ein paar Stunden in der Stadt verbrachte.

Hugo selbst kümmerte sich nicht darum und auch kaum die Alte, bis diese eines Tags sagte:Thilde, du bist jetzt immer gerade weg, wenn die Runtschen kommt und reinemacht. Ich will ja nichts sagen, aber sie rennt immer gegen, weil sie nichts sehen kann, und schlägt alles entzwei. Heute wieder die grüne Lampenglocke."

Ja, das ist schlimm, Mutter..."

Wo gehst du denn eigentlich immer hin?"

Lesehallen für Frauen, Mutter."

Na, und da?"

Da lese ich Zeitungen."

Aber Hugo kriegt doch jeden Tag eine!"

Freilich, aber eine ist nicht genug, ich brauche viele."

Na, wenn du meinst- für mich wär' es nichts."

Und dabei blieb es. Die Alte kam nicht wieder darauf zurück, bis eine Woche später diese halb geheimnisvolle Zei­tungsleserei auch ohne weitere Frage ihre Erklärung fand.

Es war ein Sonntag, an welchem Tag die Lesehalle nur von elf bis eins auf war, und um halb zwei war Thilde wieder zu Hause.

Guten Tag, Mutter. Es riecht ein bißchen nach ver­brannt. Du hast wohl nicht recht nachgesehen?"

Doch, Thilde, jetzt eben. Und da habe ich es auch gleich gemerkt und habe ein paar Kohlen Tausgenommen und habe auch aufgegossen. Und geärgert habe ich mich auch, denn es kostet ja so viel, aber ich konnte nicht eher Tausgehen, weil die Schmädicke hier war."

Na, die hätt' auch wegbleiben können! Die Schmädicke bedeutet nie was Gutes und kommt immer bloß aus Neugier oder aus Boshaftigkeit und um einem armen Menschen einen Floh ins Ohr zu setzen."

Ach, Thilde, da tust du ihr aber unrecht, wenigstens heut'. Sie kam bloß, um uns zu gratulieren von wegen Hugos Examen, und wenn denn nu' Hochzeit sei..."

Und da hast du gesagt, noch lange nicht, nicht wahr? Kann ich mir denken. Denn du bist ewig in einer Todes­angst und glaubst immer noch, es wird nichts werden, und alles ist umsonst gewesen und alles für nichts ausgegeben. Das ist immer deine Hauptangst, und wenn du deine Ängste kriegst, dann machst du dich klein und jämmerlich und auch vor solcher Person wie dieser Schmädicke, dieser spitznasigen Posamentierswitwe."

Nein, Thilde, das Hab' ich nich gesagt. Ich habe nich gesagt moch lange nich'. Ich habe bloß gesagt, ich wüßt' es nich, aber du tätest mitunter so, als ob es wohl bald los­gehen würde."

Und da, was sagte sie da?"

Nu, da sagte sie: -Ja, liebe Frau Möhring, manche haben Courage. Referendar is nich viel un eigentlich bloß ein Anfang. Aber aller Anfang is schwer, un ich kann man sagen, es Ts immer etwas, un Minister wird er ja wohl nich werden wollen. Oder am Ende vielleicht doch. Jott, wenn ich mir denn Thilden denke. .

Das sagte sie?"

Ja, Thilde, so was war es."

Unverschämte Person. Und dumm dazu. Aber sie wird sich wundern, wenn wir ihr die Hochzeitsanzeige schicken."

Ach, Thilde, rede doch nicht so was. Wenn man so was redT, denn bered'L man's, un es wird nie was. Aber es hat doch schon so viel gekostet, un ich weiß mitunter gar nich, wo's herkommt."

Ja, Mutter," lachte Thilde,ich kann eben hexen."

Jott, Kind, nu red'st du auch noch so. Wenn man den Teufel ruft, ist er da. Und zum Spaß darfst du doch so was nicht sagen in einer so ernsthasten Sache. Vater sagte auch immer: ,Ja, die Leute glauben, es is ein Vergnügen. Aber es is kein Vergnügen, un der Hochzeitstag is der ernst­hafteste Tag, und manche, die sich nich recht trauen, sehen auch schon so aus? Und nu sprichst du von Hexen und tust, als ob alles schon da wäre, und als ob es zu Johanni losginge."

Geht es auch, Mutter."

Ja, aber Thilde, das fährt mir ja in alle Glieder! Denn du stehst ja so da, wie wenn du alles schon in der Tasche hättest."

Habe ich auch", und dabei holte Thilde einen halben, zweimal zusammengefalteten Konzeptbogen aus der Tasche, schlug ihn auseinander und sagte:Nun lies mal, Mutter."

Ach, wie kann ich denn lesen, und alles mit Bleistift geschrieben, und ohne Brille..."

Nun, dann hör' zu, dann will ich lesen."

Und Thilde las:Qualifizierte Personen . . . Verstehst du, Mutter?"

O, ganz gut, lies nur weiter."

Qualifizierte Personen, das heißt Personen, die mindestens das erste juristische Staatsexamen bestanden haben und darüber vollgültige Zeugnisse vorlegen können, werden bei Geneigtheit hierdurch aufgefordert, sich um die Bürgermeisterstelle unserer Stadt zu bewerben. Gehalt 3000 Mark bei freier Wohnung und einigen andern Emolumenten. Aspiranten werden ersucht, ihre Zeugnisse einzusenden, wenn sie nicht vorziehen, sich den Unterzeichneten gleich persönlich vorzustellen.

Magistrat und Stadtverordnete zu Woldenstein, Westpreußen."

Die Alte war an die Chaiselongue gegangen und ließ sich darauf nieder, was sie sonst immer vermied, namentlich seit das Wertstück durch Hugos fünfwöchige Krankheit etwas gelitten hatte.

Jott, Thilde, is es denn möglich? Du bist doch ein und aus. Von Hexen rede ich nich, denn fliegt es wieder weg. Aber hat er denn die Stelle schon? Es gibt ja doch wohl so viele. Und wenn er auch ein sehr schöner Mann ist und den Augen­aufschlag hat, daß man gleich denkt: Nun liest er die Sonn­tagsepistel ja, ich denke mir, es gibt so viele so. Und manche sind fixer wie er und schnappen es ihm weg ..."

Das laß nur gut sein, in Fixigkeit soll ihm diesmal keiner übersein. Er muß noch heut weg mit dem Nachtzug. Woldenstein liegt eine Stunde von der Bahn, und ein Omnibus wird doch wohl dasein. Um fünf ist er auf der Station und um sechs in Woldenstein in Westpreußen. Ein Gasthof zum -Goldenen Roß' oder so irgendetwas wird doch wohl da­sein, ich denke mir, dem Rathaus gerade gegenüber, und da kann er bis zehn Uhr schlafen. Denn ausschlafen muß er erst, sonst ist er nicht zu brauchen. Und dann frühstückt er und macht sich fein, und um Schlag zwölf tritt er an und macht seine Verbeugung. Und ich will nicht Thilde heißen, wenn sie nicht gleich alle sagen: Natürlich, der muß es werden. Und der Neid von der alten Schmädicke hilft auch noch, und den Tag nach Johanni hat sie die Anzeige."

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Frau Schmädicke kriegte wirklich die Anzeige, denn alles kam genau so, wie Thilde vorausgesagt hatte, und am Jo­hannistag konnte die Hochzeit in einem ganz kleinen Saal des Englischen Hauses gefeiert werden. Pastor Hartleben, der getraut hatte, ließ sich bewegen, auch dem kleinen Festmahl

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