Heft 
(1906) 50
Seite
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Er zog einen Brief aus der Tasche.Da! Den soll ich Ihnen vom Märker geben."

Anna flog von ihrem Stuhl auf.Wo ist er?"

In Mahndorf. Ich hatte beim Müller zu tun. Da sitzt er auf den: Bahnhof, und als er mich sieht, läßt er sich Schreibzeug geben. ,Jch hatte da nicht an gedacht/ sagt er, ,aber Frau Roddenbruch muß Bescheid wissen. Tun Sie mir den Gefallen und nehmen Sie den Brief mit, weil ich sie doch so bald nicht sehe!'"

,So bald nicht sehe?' sagte er, ffo bald nicht sehe'?"

Hermine Roddenbruch hatte unterdessen das Schreiben auf­gebrochen. Rat- und hilf­los reichte sie es Dörnberg.

Verstehen Sie das?"

Der junge Mann über­flog die Zeilen.Seine Verwandten in Amerika haben ihm eine gute Stelle angeboten, und da er hier nicht länger notwendig zu sein glaubt, bittet er, ihn, auf der Stelle zu ent­lassen, damit er die gün­stige Gelegenheit nicht versäumt! Ein Mann von raschem Entschluß,

Ihr Freund Märker. Alle Achtung!"

Am Weihnachtsabend kündigt er mir auf!" klagte Frau Hermine.Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll."

Na," meinte Dörnberg, der erwog, daß alte Freunde manchmal unbequem werden können,reisende Leute muß man nicht aufhalten. Geben Sie ihm Ihren Segen und ein Kreuz drüber! Der Mann hat vielleicht nicht einmal unrecht. Es könnte sich wirklich ereignen, daß in absehbarer Zeit kein ge­eigneter Platz hier für ihn wäre."

Ich verstehe es nicht. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, ich verstehe es nicht", murmelte Frau Hermine. Tränen standen in ihren Augen.

Aber Anna saß wortlos, weiß wie der Schnee draußen und starr wie die Eiszapfen, die von der niedrigen Dachrinne herab­hingen. Als Dörnberg sich jetzt zu ihr wandte, stand sie auf und ging ohne ein Wort aus der Stube.

Johann Märker nicht mehr in ihrem Haus! nicht stündlich zu erreichen! nicht zu jeder Mahlzeit zu erwarten, nicht stets bereit, ihr Geplauder anzuhören, ihr zu raten in ihren kleinen Verlegenheiten! Aber ihr altes, liebes Haus war ja gar nicht mehr ihr Haus, wenn Märker darin fehlte! Unerträglich dünkte es ihr, die junge, kühle Stimme neben sich von diesem Scheiden als von etwas Notwendigem, Wünschenswertem reden zu hören. War es notwendig, daß Märker ging, wenn Dörnberg kam? Er selbst schien es dafür zu halten. Ertrug sein Ehrgeiz etwa nicht, einen Herrn über sich zu sehen? Aber ihr zuliebe hätte er. . . Ihr zuliebe? Mit halb offenem Mund, mit weit geöffneten Augen verharrte sie reglos, erstarrt von der plötzlichen Klarheit. Weil er sie zu lieb hatte, um es zu er­tragen, sie als Braut eines andern zu sehen, darum lief der törichte Mensch am Weihnachtsabend aus dem Haus, ohne Zögern, ohne Abschied, auf Nimmerwiedersehen!

Sie preßte die Hände aufs Herz. Das schlug so wild und hastig unter der Wucht der Empfindungen, die wie ein Strudel sich darin drehten, daß sie meinte ersticken zu müssen. In einem unwiderstehlichen Verlangen, den Dingen nahezusein, die zu ihm gehörten, lief sie hinüber in Johanns Kammer. Sein Koffer stand gepackt. Die offenen Laden der Kommode waren leer. Neben dem Spiegel aber hingen noch die Bilder seiner Eltern, das Bild ihres eigenen Vaters, Photographien von Kameraden aus seiner Dienstzeit. Ein leerer Fleck klaffte in der Gruppe. Dort hatte ihr

! eigenes Bild gehangen im Einsegnungskleid. Das hatte er mitgenommen . . .

Glühend stiegen die Tränen ihr in die Augen. Und diese Tränen schmolzen die Hüllen, die ihr ihr eigenes Gefühl ver­borgen hatten. Sie wußte jetzt klar: nicht Heinrich Dörnberg, noch ein zehnmal ansehnlicherer und reicherer Freier würde sie je dafür entschädigen können, daß sie Johann Märker verlor. Die waren gut zum Lachen und Spaßmachen notwendig zum Leben war der andere! Und gab es nur Raum für ihn oder jenen, so war die Wahl entschieden, ehe sie begann.Auf dem Bahnhof in Mahndorf", hatte Rolf Alfers gesagt. Und

vor Mitternacht kam kein Zug, der auf der unbe­deutenden Station behal­ten hätte. Anna trocknete hastig ihre Tränen, nahm Pelz und Mütze und schlich auf den Zehen die Treppe hinunter. Aus der leeren Gaststube zerrte sie den schlaftrunkenen Heini. Heini, du bekommst zu deinem Anzug den schön­sten Hut, der in Bremen zu haben ist. Sag' kein Wort. Steck' die Laterne an und leuchte mir."

Sie selbst half dem Verblüfften. Ungesehen, ungehört gelangten sie auf die Straße, begannen sich ihren Weg zu bahnen durch den Schnee, der fußhoch die Erde deckte, in kaum durchsichtigen: Geriesel unaufhörlich vom Himmel sank. Kein Mensch auf den Straßen. Aus den Häusern klangen die alten, lieben Weih­nachtslieder, leuchteten die Tannen verspäteter Bescherungen. Das ewige Hohelied der Liebe klang in der Seele des Mädchens, das die große Liebe seines Lebens entdeckt hatte unter dem Weihnachtsbaum, jene Liebe, die zu reich ist in sich selbst, um nach Glanz und Herrlichkeit in der Welt zu trachten.

Die Telegraphenstangen wiesen den Weg. Nach einer halben Stunde angestrengten Marsches sahen die zwei die Lichter der kleinen Station durch den weißen Schneewirbel blinken. In: Wartesaal dritter Klasse spielten einige Burschen Skat. Zu ihnen hatte der Wirt sich gesellt. In dem winzigen Wartesaal zweiter Klasse saß Johann Märler allein.

Einen Augenblick stand Anna atemschöpfend reglos und stumm in der Tür mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen.

Da sah Johann auf und fuhr zurück wie vor einer Er­scheinung.Anna!"

Sie trat zu seinem Tisch. Sie sah ihm in die Augen. Ihre Stimme bebte zwischen Lachen und Schluchzen.Johann Märker, hast du geglaubt, ich würde dich ziehen lassen?"

Er besann sich. Sein Gesicht, das aufgeleuchtet hatte bei ihren: Anblick, verdüsterte sich wieder.Das hätten Sie nicht tun solle::, Fräulein. Sie hätten nicht kommen sollen. Es ändert nichts!"

Johann Märker, warum wollen Sie fort?"

Johann zupfte an seinen Fingern und sah auf den Tisch. Ich hab's Frau Roddenbruch doch geschrieben. Sie brauchen mich doch nicht mehr, wenn Herr Dörnberg als Wirt eintritt, wenn Sie ihn heiraten."

Und wenn ich ihn nicht heirate? nicht heirate, weil Sie's nicht wollen? Werden Sie dann bleiben, Johann?"

Das Blut flutete heiß in des Mannes Gesicht und flutete erstickend zurück zu seinem Herzen.. . . Fräulein Anna quälen Sie mich nicht", bat er.Warum wollen Sie nicht meiner Einsicht vertrauen? Wenn ich Ihnen sonst von einer Sache sagte: Es kann nicht sein, so glaubten Sie nur. Jetzt sage ich Ihnen: Ich kann nicht bleiben, kann nicht, kann nicht! . . . Glauben Sie mir doch, wie Sie mir als Kind geglaubt haben. Und fragen Sie nicht warum"

AM. H

/

Ungesehen gelangten

sie auf die Straße . . .