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aber Du liebst sie nicht, wie ich ihn nicht liebe. Du liebst nur mich, und ich liebe nur Dich, und doch dürfen wir uns nicht haben, dürfen wir nicht einmal an einander denken. Das hast Du gethan, Du armer, armer Thor."
In den Boskets vor den Fenstern klagten die Nachtigallen, als hätten auch sie ein verfehltes Lebensglück zu beklagen.
„Das ist Unsinn," rief der Graf halblaut und schnellte im Bett empor, „Unsinn, Unsinn!"
Die Gräfin erwachte. „Was gibt es, Georg?"
„Nichts, mein Liebchen, ich hatte nur einen tollen Traum."
Die Gräfin lächelte und reichte ihm ihre Rechte. „Hast Du mich lieb, Georg?" fragte sie.
„Gewiß, Ina, gewiß! So sehr, wie Du es verdienst."
Die Gräfin lächelte glücklich.
III.
Der Graf hatte kaum ein paar Stunden geschlafen, als die Strahlen der aufgehenden Sonne ihn weckten. Die Gräfin liebte es nicht, daß die Rouleaux oder gar die Vorhänge an den nach Osten gehenden Fenstern ihres Schlafzimmers herab- gelafsen wurden, und der Graf hatte sich um so mehr diesem Wunsche angepaßt, als er selbst gewohnt war, mit der Sonne aufzustehen. Er kleidete sich rasch an und eilte hinaus in den lachenden Sommermorgen. Es war, als ob die Erinnerungen, die ihn in der Nacht so beunruhigt hatten, vor den Strahlen der Morgensonne dahinschwanden, wie die leichten Nebelwolken über den Wiesen. Es blieb von ihnen nichts zurück als ein Gefühl körperlichen Druckes auf dem Herzen hier, als zahllose funkelnde Thautropfen da.
Das laute bunte Treiben des großen Herrenhofes nahm den Grafen bald ganz in Anspruch. Dieser verließ sich weder auf die höheren Wirthschaftsbeamten, noch auf Kutscher oder Viehpfleger, sah überall selbst nach, ordnete selbst auch das Kleine an. Der Graf war immer ein bildschöner Mann, aber er war nie so schon, als wenn er so in der Frühe des Sommermorgens in kurzer grauer Joppe, hohen Stiefeln und mit einem kleinen schirmlosen Mützchen auf dem blonden Lockenkopf auf seinem Hofe herumhantirte. Für jeden hatte er ein paar freundliche Worte, und selbst diejenigen, auf die er heißblütig losfuhr, waren ihm nie länger als für einen Augenblick böse. Die Frauen zumal waren von der alten „Hofmutter" bis zum jüngsten Gänsemädchen herab im Grunde alle in „unseres Grafen" lachende blaue Angen, seinen kirschrotsten Mund und sein keck nach oben gedrehtes Schnurrbärtchen verliebt.
Nachdem der Hof inspizirt war, stieg der Graf zu Pferde und ritt erst auf dieses, dann auf jenes Vorwerk, dann zur Brennerei, an der gebaut wurde, dann zur neu errichteten Mühle und so fort. Ueberall mußten Auskünfte verlangt, Anordnungen getroffen werden; der Graf kam, wie man zu sagen pflegt, kaum zur Besinnung. Es ging zu wie gestern und vorgestern und wie alle Tage, seit der Schnee geschmolzen war; neu war nur der seltsame leise Druck, den der Graf auf dem Herzen fühlte. Er wollte nicht an ihn denken; aber er fragte sich, während der Baumeister ihm auseinandersetzte, warum er an dieser Stelle das Fundament des Anbaues um einen Fuß tiefer habe legen lassen, ob dieser Druck mit der gestern empfangenen Nachricht Zusammenhänge, und er sann, während der Müller ihm schlagend nachwies, daß er noch einen Mühlstein haben müsse, über dieselbe Frage nach. Er sagte sich, während er anordnete, daß man der kranken Kinder von Jacob Brandwien wegen nach dems,Arzt schicken solle, daß er diese Frage gar nicht aufwerfen dürfe; aber er bemerkte, daß er mitten unter Anordnungen über den Ort, an welchem künftig der Klee zum Grünfntter geschnitten werden sollte, über sie nachsann. Sie trat erst in den Hintergrund, als er nach Hause zurückkehrte und seine Töchter ihn jubelnd willkommen hießen.
„Guten Morgen, Papa! Heute kommt die neue Gouvernante."
„Guten Morgen, mein liebes gutes Väterchen! Heute kommt Fräulein Heinersdorf. Nicht?"
„Ja wohl, ja wohl, und sie bringt jeder von Euch einen Sack Pfeffernüsse mit."
Jedes ergriff nun eine Hand des Vaters, und so gingen alle drei vom Stalle dem Wohnhause zu.
„Papa, wie sieht die neue Gouvernante aus? Ist sie hübsch?"
„Papa, ist Fräulein Heinersdorf blond oder brünett?"
„Das will ich Euch sagen. Fräulein Heinersdorf ist —"
„Wie alt ist sie, Papa? Siebenzehn Jahre? Was?"
„So hört doch nur! Fräulein Heinersdorf ist eine Dame von zweiundvierzig Jahren. Sie hat —"
„Nein, Papa. Mama hat uns gesagt, sie sei noch ganz jung. Erzähle ordentlich, Papa!"
„Sie hat rothe Haare, einen so breiten Mund wie Du, Erna — das heißt, von einem Ohr bis zum anderen — und im Ganzen nur sieben Zähne. Sie hinkt etwas, weil sie einen Plattfuß hat, und hört auf dem einen Ohr gar nicht und auf dem anderen nur halb."
Der Jubel war endlos, und der Graf hatte alle Mühe, sich der ausgelassenen Mädchen zu erwehren. „Wartet nur, Ihr albernen Dinger," sagte er, „Fräulein Heinersdorf wird Euch schon Mores lehren!"
„Sie wird uns Moritz lehren!" hieß cs nun. Die drei lachten schließlich so laut, daß die Gräfin auf die Veranda trat.
„Dachte ich es mir doch," rief sie, mit dem Finger drohend, „daß der Herr Papa wieder da ist! Da gibt es gleich einen Lärm, daß man es über den ganzen Hof hört."
„Das geschah heute unwiderruflich zum letzten Male," erwiderte der Graf, „von heute Abend an kommen die Füllen unter Zaum und Sattel."
„Ich fürchte, daß, wenn Du dabei bleibst, die Zügel nicht allzu scharf angezogen werden," war die Antwort. „Aber nun hört auf, Mädchen! Wenn Ihr Euch cinlacht, so gibt es den ganzen Tag über kein Aufhören."
Der Graf trat auf seine Frau zu, um sie zu umarmen, begnügte sich aber plötzlich damit, einen heißen Kuß auf ihre Hand zu drücken.
Die Gräfin blickte ihn verwundert an. „Nun," sagte sie lachend, „was sind denn das für neue Manieren?" Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, blickte ihn schelmisch an und sagte: „Haben wir einen kleinen Katzenjammer, Monsieur? He? Haben wir einen?"
„Wahrhaftig nicht, Ina. Im Ernst, ich habe gestern so gut wie nichts getrunken."
„Hm, hm!" räusperte sich diese. „Warum fährt man dann plötzlich in der Nacht auf und ruft: „Unsinn, Unsinn!" Warum thut man das, Herr Graf?"
„Weil man Bier getrunken hatte und in Folge dessen unruhig träumte. Darum thut inan das, Frau Gräfin."
Die beiden lachten, küßten sich und gingen dann auseinander, da mehrere Personen auf den Grasen warteten. Dieser begab sich in sein Arbeitszimmer; aber er war sehr zerstreut, so daß die Leute, die mit ihm verhandelten, nicht wenig verwundert dreinschauten. Sie waren gewohnt, daß der Graf eben so aufmerksam zuhörte als klar sprach.
Nach Tisch forderte der Graf seine Frau auf, ihn auf einem Ritt zum Förster zu begleiten. Die Gräfin erklärte sich bereit, und bald ritten beide dem Walde zu. Der Grauschimmel der Gräfin ging wie immer in einem leichten, nicht allzu raschen Trott; der neue Hengst des Grafen aber hatte sich an diese sanfte Gangart noch nicht gewöhnt und drängte ungestüm vorwärts. „Wollen wir nicht ein etwas rascheres Tempo ein- schlagen?" fragte der Graf.
„Nein, ich danke. Du weißt, ich liebe es nicht, rasch zu reiten." Der Graf schwieg und suchte seinen Hengst zu bändigen. Das Thier wurde aber immer unruhiger.
„Du mußt künftig, wenn Du mit mir reitest, wieder die Stute nehmen," sagte die Gräfin. „Die hat sich ganz gut in meinen „Alteherrentrab" gefunden."
„Es ließe sich doch auch denken, daß ich den Hengst nehme und wir rascher reiten," erwiderte der Graf.
Der Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden, verletzte die Gräfin. Sie trieb schweigend ihr Pferd an und ritt im Galopp weiter.