Heft 
(1878) 02
Seite
28
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und es kann auch keine geben. Die Pflicht, die beginnende Geistes­epidemie zu ersticken, lag unzweifelhaft nicht bei der Regierung, sondern bei dem katholischen Klerus selber. Traurig ist cs, bei dieser Gelegenheit zu entdecken, daß ein Seelcnhirt mit Geneh­migung seines Bischvses Teufelsaustreibungen und Weichselzopf­beschwörungen, so zu sagen professionsmäßig als Spezialität betreiben darf; aber dieser Umstand erklärt, warum der Bischof so spät überhaupt zur Untersuchung schritt und ungeachtet, der bündigen Erklärung des Arztes im Schweigen verharrt. Frei­lich ist jetzt die Sache kaum noch rückgängig zu machen; nicht Pfarrer, nicht Bischof fänden Glauben, wenn sie jetzt nach­träglich das Wunder verurtheilen wollten. Ein Vorgänger des heutigen Bischofs aber wäre sicherlich zur rechten Zeit ein­geschritten, Lucas von Waisselrode, welcher dem falschen Wun­derglauben siegreich entgegentrat und vielleicht gerade dadurch bewirkte, daß Ermeland katholisch blieb, als wenige Jahre nach seinem Tode der Protestantismus im Sturmessluge die um­liegenden Landschaften ergriff.

Im Gegentheil bewies unter seiner Regierung Nicolaus Kopernikus, des Bischofs Neffe und unser allzeit berühmter Landsmann, wie der Mensch und auch der Geistliche den von Gott gegebenen Verstand gebrauchen soll, um dessen wirkliche Wunder am Himmel zu fassen und zu verstehen. Auch nach beider Tode leuchtete die wissenschaftliche Bildung des Klerus uoch eine Zeit laug und erlosch erst, als mit Bischöfen pol­nischer Nationalität polnische Jesuiten das Ländchen beherrschten. Der alte Ruf erneuerte sich indessen in kurzer Zeit, sobald die preußische Regierung das Land in Besitz nahm, und der erme- ländische Klerus hat der Regierung die bewiesene Fürsorge wohl gedankt. Treu und patriotisch war seine Haltung in den Unglücksjahren 1807 bis 1813, obwohl noch manche Erinne­rung an die polnische Zeit in den Gemüthern naturgemäß leben mußte. Nur zwei Geistliche aus der Zahl von fast zweihun­derten bekannten im Jahre 1870 die Unterwerfung unter das neue Dogma, und wenn später die Mehrzahl folgte, so geschah das mit der Klausel, daß sie Hoffnung gefaßt hätten, ihre Gewissensbedenken würden sich mit der Zeit heben lassen.

Es leuchtet ein, daß diese Männer den Wunderglauben nicht groß gezogen haben; im Gegentheil, sie haben ihn auf das nachdrücklichste bekämpft. Und wirklich begann schon die Theilnahme der Parochialen au deu aus der Jesuitenzcit über­nommenen Wallfahrten sich zu mindern, konnten einzelne Wall­fahrtsorte ihres Charakters als solche entkleidet werden, fing der Glaube des Volkes an, mehr und mehr sich zu durch­geistigen. Und über dieses Feld, aus welchem die Saat echten Glaubens eben begann, das Unkraut des Aberglaubens zu

unterdrücken, da hat sich die Kunde des neuesten Wunders wie zäher Schlamm ergossen, welcher das Unkraut üppiger wuchern läßt, die echte Saat dagegen erstickt. Mit einem Schlage ist die Arbeit von Generationen zerstört, und trauernden Herzens stehen die Seelsorger dabei mit gebundenen Händen. Wollten sie dem neuen Wunder entgegen treten, wie sie es möchten, sie müßten fürchten, des Vertrauens des größten Theils ihrer Pfarr- kinder verlustig zu gehen. Das ist die erste und traurigste Folge des Wunders von Dittrichswalde, wenn auch nicht die einzige. Denn was, so fragen wir, soll aus den beiden Kindern werden, welche Werkzeuge des Betruges gewesen sind? Noch schwelgen sie in dem Genüsse befriedigter Eitelkeit, noch harren sie mit Ungeduld des Augenblickes, wo sich tausende von be­geisterten Augen aus sie und auf sie allein richten werden. Noch ist das kindliche Gewissen beschwichtigt mit demzur größeren Ehre Gottes" ihrer erwachsenen Rathgeber; aber auch für die Kinder wird der Augenblick kommen, wo sie das Sträfliche ihrer That einsehen und bereuen werden. Und dieser Augenblick wird sie kaum anders als im Kloster finden. Andere, jüngere werden an dem Gnadenorte an ihre Stelle treten und das Kloster­gelübde wird den gefährlichen Mund derer schließen, welche kein irdischer Mann zur Ehe begehrt. Zwei verlorene Seelen!

Gefährlich in politischer Beziehung ist die Proklamirung der Dittrichswalder Jungfrau zu einer national-polnischen Madonna. Der polnische Bauer in dem nur halbdeutschen Posen und dein zu drei Viertel deutschen Westpreußen ist heute noch immer ein loyaler Preuße, und weder vom Edelmann, noch von dem ultramvntanen Geistlichen direkt gegen Negierung und Deutschthum zu verwenden. Hat aber der Glaube an die Göttlichkeit der Erscheinung von Dittrichswalde feste Wurzeln bei diesen einfachen Leuten gefaßt, dann werden sie dem Rufe zum Kampfe, welcher von der Jungfrau ausgeht, entsprechen. Mit dieser Ueberzengung wird wohl jeder, welcher diese blind fanatischen Massen gesehen hat, Dittrichswalde verlassen haben. Und noch mit einer zweiten. Als Adalbert der Heilige ins Prcußenland das Christeuthum trug, da begann er damit, daß er mit scharfer Axt die heiligen Bäume der Preußen uiedcr- hieb. Käme er heute wieder und legte die Axt an den Wunder­ahorn von Dittrichswalde, ein zweiter grauenvollerer Märtyrer­tod wäre ihm gewiß. Damals wurde er mit Rudern erschlagen, heute würde er von fanatischen Megären vielleicht zerrissen. Ist es wirklich 800 Jahre her, seit Adalbert hier sein Leben ließ für die milden Lehren des Christenthums? so fragt trauernd der denkende Mensch, wenn er den Stab hcranssetzt aus dem modernen Guadenorte Dittrichswalde.

Hßiers.

Von v. W. Herbst.

Nachdruck Vorboten. Ges. v. II., VI. in.

Es ist nicht leicht, in kurzen Zügen ein nur halb ge­troffenes Bild des berühmten Staatsmanns zu entwerfen, mit dessen Verlust in diesen Tagen Frankreich, das Land politischer Illusionen, um eine große Hoffnung, vielleicht auch um eine schwere Enttäuschung ärmer geworden ist; es wäre unmöglich, einen solchen Versuch auf knappem Raum zu wagen, könnte er nicht auf die Ergänzung und Belebung zeitgenössischer Leser rechnen. Keinen volksthümlicheren und glänzenderen Namen besaß das heutige Frankreich. Thiers war für Millionen das geistige Haupt, da das wirkliche Staatshaupt, der Sieger von Magenta, der Besiegte von Wörth und Sedan, kein wirklicher Volksführer heißen kann; eine politische Mittelmäßigkeit und ein Mann des Uebergangs, der geschoben wird, wo er zu schie­ben glaubt, der gehen wird, sobald er seine Schuldigkeit ge- than. Zumal der Kern des französischen Bürgerthums hing mit einer Art Aberglauben an dem Petit Bourgeois, an dem jeder Zoll ein Franzose war, in dem es sich selbst wieder er­kannte. Die gemäßigten Republikaner sahen in ihm den Erfinder und Vorsechter derkonservativen Republik", die Verkörperung ihrer Wünsche und Ideale; die Ungeduldigen zügelte der Blick auf ein doch nur flüchtiges Interregnum des Achtzigjährigen und sie warteten auf ihre Stunde; mancher alte Monarchist hatte

sich auf diese Autorität hin bekehrt und war von dem Glauben an die Möglichkeit der Monarchie abgefallcn. Denn wenn er, der alte Orleanist und Minister Louis Philipps, irre daran geworden war, dann konnten es tausende getrost uachthun. Dieses fast blinde Vertrauen stützte sich weit weniger auf die Erinnerung an das ungemeine staatsmännische Geschick, das Thiers in den Zeiten des Julikönigthums auf der Minifter- bank wie auf deu Bänken der Opposition bewährt hatte, als auf die Thaten seines Alters. Dort war es doch nur das Talent, das eher Bewunderung als Vertrauen weckt. Hier waren es neben gleichem Geschick, gereifter Erfahrung, weiser Mäßigung die sittlichen Tugenden selbstloser Hingebung, weihevoller Vater­landsliebe, die nicht blos den Verstand, sondern die Herzen gewannen. Zwei Momente haben dieses sittliche und gemüthliche Band mit der Nation so fest geschlungen, sie vor allen haben ihn, auch in deutschen Augen, zu dem großen historischen Namen gemacht: die kritischste Stunde wohl, die das Frankreich dieses Jahrhunderts durchlebt hat, und die Zeit der tiefsten Noth und Demüthigung, die auf sie gefolgt ist.

In jener Sitzung vom 15. Juli 1870 zeigte Thiers seine Ueberlegenheit über Leidenschaft und Verblendung und ging gegen den Strom und Sturm der allgemeinen Tollheit an:

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nicht werden an dem Ihnen Der phetisä Mann reich und Verg als dvv

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