Heft 
(1878) 06
Seite
95
Einzelbild herunterladen

95

seine Schule an die Vaterstadt zu knüpfen, die Oberhand; Piloty lehnte den glänzenden Antrag ab. Daß sich München bemühte, die Ehre zn vergelten, die ihm dadurch erwiesen ward, ist nur natürlich, und eine Reihe glänzender Auszeichnungen, die mehr als einen formellen Charakter hatten, gaben dem Meister den Beweis, was seine Gegenwart für unsere Stadt bedeutet. Als im Jahre 1872 die Universität ihr vierhuudertjahriges Jubiläum beging und mehrere erlauchte Namen llonorw cmrmg. mit dem Doktorat bekleidete, da befand sich unter ihnen auch Karl von Piloty. Durch den Orden der bairischen Krone war ihm der persönliche Adel verliehen worden; das Kapitel des Maximilianordens, den Max II gestiftet und der die Spitzen der geistigen Aristokratie von Deutschland umfaßt, ernannte ihn zum Ritter. Nur gelegentlich sei hier erwähnt, daß sämmtliche Ritter hoffähig sind, denn es zeigt dies vielleicht am besten die hohe Achtung, die der edle und feinfühlige Fürst dem Adel geistiger Arbeit zollte.

Zur Weltausstellung in Wien (1873) wurde Piloty in offizieller Eigenschaft gesendet, um der Jury für bildende Kunst zu präsidiren; die vereinigten Abtheilungen aller Künste hatten Meissonier zum Vorsitzenden erwählt, mit dem er von wieder­holten Pariser Aufenthalten in freundschaftlichen Beziehungen stand. Trotz der in der Mitte liegenden politischen Ereignisse blieben dieselben auch diesmal ungetrübt.

Am 7. April 1874 starb Kaülbach, der Großmeister der deutschen Kunst, der seit 25 Jahren das Direktorium der Mün­chener Akademie geführt; Piloty hatte noch die Anerkennung erfahren, das; er seinen einzigen hochbegabten Sohn (Hermann) zn ihm in die Schule gab. Ein glänzenderes Zeugniß für seine Lehrerfolge, ja für den Ausgleich zweier Knnstepochen ließ sich nicht denken.

Wer aber sollte nun zum Nachfolger des großen Todten berufen werden es trat die alte historische Frage auf, die einst der tapferste Degen des Frankenreiches gestellt; sollte nicht der auch den Namen des Herrschers führen, in dessen Händen die Macht des Herrschers ruht? Man konnte weite Umschau halten, und es gab keinen Künstlernamen in München, ja in ; den deutschen Gauen, der das als Lehrer bedeutete, der diese i Ueberlegenheit der Führung besaß, wie sie Piloty hatte, und so erschien es nur natürlich und gerecht, daß dem Ersten auch der Platz des Ersten zu Theil ward. Mit einem glänzenden Feste feierten die Schüler Pilotys, jung und alt, die Wahl ihres Meisters.

Unter den Bauten Münchens, die das letzte Jahrzehnt

geschaffen, ragt vor allem das neue Rathhaus hervor, das nicht nur im Style, sondern auch der Ausstattung nach ein deutsches Meisterstück werden sollte. Das Hauptbild des großen Saales ward au Piloty übertragen, es stellt dieMunich ia" dar, um­geben von allen bedeutenden Männern und Frauen, die im Verlaufe von sieben Jahrhunderten dort ihre Heimat oder den Mittelpunkt ihres Schaffens fanden. Daß es eine Herknlcs- arbeit ist, diesen an sich so spröden Stoff fesselnd zu gestalten und den Riesenraum auch nur technisch zn bewältigen, auf dem sich mehr als hundert lebensgroße Figuren bewegen, wird nie­mand in Zweifel ziehen aber nur wer diese leere Lein­wand sah, ehe der erste Kohlenstrich darauf stand, nur wer den llorror vneni selber empfand, den dieser Anblick wachrusen mußte, hat davon das volle Bewußtsein. Dies ist die Arbeit, mit welcher Piloty gegenwärtig beschäftig ist, ihre Vollen­dung gehört bereits der Zukunft. Uns aber drängt es zum Schlüsse.

Das Geheimniß von Pilotys Wirkung ist: er lehrt uus, was man lernen kann, und darüber hinaus ist die künstlerische Individualität vollkommen von ihm freigegeben; er erdrückt sie nicht, sondern er schützt und bewahrt sie. Er gibt seinen Schü­lern eine vollendete Technik, aber es ist Thorheit, wenn man behaupten will, daß er die Technik über den künstlerischen Ge­danken stelle; nicht ans Kosten, sondern zu Gunsten desselben soll sie wirken, das können wir aus seinem eigenen Munde jener Kritik bctheuern, die bis zur Kritelei verkleinert und klügelt, die überall zuerst nach Schwächen und Lücken sucht und es weit eher für einen Fund hält Mängel zu entdecken, als die Größe einer genialen Natur zu begreifen, zu empfinden. In diesem Punkte kann man den Deutschen nicht ernst genug die Wahr­heit sagen; sie messen Schiller und Goethe und zerlegen jede geistige Kraft in ihre Atome, aber große Männer sind nun ein­mal keine Zahlen, die man unter einander schreibt und so lauge von einander subtrahirt, bis nur Differenzen übrig bleiben. In jedem anderen Lande würde man mit ungetrübtem Stolz auf einen Mann blicken, der die moderne Kunst um einen euro­päischen Namen bereichert hat, und der in diesen Tagen geistiger Spaltung eine Schule zu gründen verstand, die unübertroffen in ihren Erfolgen und einzig in der begeisterten Treue ihrer Schüler ist nur in Deutschland konnte dieser Name zum Erisapfel der Parteien werden! lieber den künftigen und dauernden Werth derer, die ihrer Zeit das beste geben, mag die Geschichte richten, die Gegenwart aber soll ihnen danken und sich freuen, sie zu besitzen.

Am Imnil'ientisme.

Künstlerbildnisse.

(Zu dem Porträt auf Seite 93.)

Der Holzschnitt, welcher die vorstehend mitgetheilte Biographie des berühmten Malers und Münchener Akademiedirektors Karl von Piloty begleitet, ist einein Cyklns von Künstlerbildnissen entnommen, wie sie Johann Leonhard Raab, Professor der Kupfcrstccherkunst an der oben genannten Kunstanstalt, direkt nach dem Leben mit der Nadel ans Kupfer radirt hat. Auch das im XIII. Jahrgang S. 76 !) von uns publizirte Porträt des Bildhauers Kaspar Zumbusch war nach einem Originale desselben Cyklns gefertigt, und demnächst gedenken wir noch in gleicher Weise unsere Leser mit dem Bildnisse des in jungen Jahren zn einem Weltruf gekommenen Bildnißmalers Franz L enbach erfreuen zu können. Bon den Originalradirungen sind bisher nenn Blätter erschienen, welche außer den drei bereits genannten Künstlern uns noch den Architekten Nenreuther, den Bildhauern Waagmüller und Knabl, die Maler Franz Adam, Defregger und Friede. Voltz vorführen. Diese Bildnisse erhalten dadurch, daß sie der Künstler, wie schon erwähnt, direkt nach dem Leben mit der Nadel auf die Platte zeichnete, eine ganz eigen- thümliche Freiheit der charakteristischen Auffassung und in der Aus­führung einen heiteren flotten Zug, der jeden Beschauer unwillkürlich fesselt, ein künstlerisch gebildetes Auge wahrhaft erquickt. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Künstlerradirung, welche ja in unseren Tagen einen besonderen Aufschwung und wohlverdientes Ansehen wieder gewinnt, hier auch im Portrütfache ihren alten hohen Rang einzu­nehmen beginnt, aus welchem Gebiete ja leider ihr ebensowohl wie alle anderen vervielfältigenden Künste die Photographie so ziemlich den ganzen Boden entzogen hatte. Wenn ein vollkommener Meister der Kunst, wie I. L. Raab, mit seiner vielgewandten Nadel der Künstler­radirung fürs Porträtfach sich annimmt, kann weder Erfolg noch Nach­folge ansbleiben. Die mehrgenannten Blätter sind im Verlage der Montmorillonschen Kunsthandlung in München erschienen. (Der Besitzer

dieser Handlung, Herr I. Maillinger, hat, nebenbei bemerkt, kürzlich auch Defreggers weltbekanntes BildBall auf der Alm" in einen: großen kostbaren Stich von Preißel herausgegeben.) Wer einen künst­lerisch schönen und stets anregenden Zimmerschmuck unter Glas und Rahmen liebt, dein glauben wir mit diesem unseren kurzen Hinweis auf die Raabschen Porträtradirungen einen willkommenen Fingerzeig gegeben zu haben.

Von den Kannibaleninseln der Südsee.

Vor hundert Jahren, zu Cooks Zeiten, fand jeder unternehmende Seefahrer, der in den Stillen Ozean hinauszog, ein paar kleine Inseln auf. Die Schiffer, die heute zn wissenschaftlichen oder merkantilen Zwecken die Südsee aufsuchen, entdecken nun dort allerdings keine neuen Inseln mehr, bringen uns aber noch immer interessante und neue Kunde aus jener wunderbaren Welt zurück, denn es gibt dort noch viele Eilande, von denen wir wenig mehr als den Namen wissen.

Während die Sandwich- und Tongainseln, auch Tahiti und mehrere andere mit dem Christenthnm auch europäische Civilisation annahmen, neuerdings auch die Fidschi- und Samoainseln in diese Bahn ein­lenken, verharren andere noch ganz im alten Naturzustände, so daß auf manchen selbst das Eisen noch ein wenig bekanntes Metall ist. Zu diesen Eilanden gehören theilweise die sogenannten Melanesischen Inseln im westlichen Theile des Stillen Ozeans, namentlich Neu- Irland, Neu-Britannien, die Salomonsinseln und der Santa-Cruz-Archipel. Sie sind nun vor kurzem von dem deutschen KriegsschiffeGazelle" besucht worden, und der Kapitän dieses Fahrzeuges, Freiherr von Schleinitz, hat über dieselben eine Abhandlung veröffentlicht, in der wir interessante Streiflichter finden.

Die Salomonsinseln," sagt Herr von Schleinitz,haben dadurch eine traurige Berühmtheit erlangt, daß man ihre Bewohner neben denen der benachbarten Santa-Cruz-Jnseln gegenwärtig wohl als die