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war auf die Anlage des Gartens eine wahrhaft peinliche Sorgfalt verwendet. An die gänzlich mit wildem Wein überzogene Hinterfront des Hauses schloß sich zunächst eine Reihe von Blumenbeeten an, auf welchen die Rose, die Lieblingsblume des Professors, besonders zahlreich vertreten war; allmählich aber ging der Garten in einen allerdings nicht großen Park über, der, mit herrlichen alten Bäumen bestanden, von reinlichen Kieswegen durchschnitten und aufs Beste gepflegt, seinesgleichen in Friedeberg vergeblich suchte. Lauschige Plätze gab es da in Menge; der lauschigste aber befand sich unter einer riesigen Traueresche, deren Zweige fast bis zur Erde niederhingen und so ein grünes schattiges Gemach bildeten, groß genug, um selbst für eine größere Gesellschaft ausreichenden Raum darzubieten.
Dorthin wenden wir unsere Schritte.
Es ist der Nachmittag des zweiten Pfingsttages. Der Herr des Hauses feiert seinen Geburtstag und zugleich empfängt das Helbachsche Ehepaar, das vor wenigen Tagen von seiner langen Hochzeitsreise zurückgekehrt ist, zum ersten Male die nächsten Freunde des Hauses.
Professor Helbach ist von hoher kraftvoller Gestalt; obgleich er erst sechsunddreißig Jahre zählt, zeigt sein ursprünglich dunkelbraunes Haar bereits einen grauen Schimmer, der sich auch dem mächtigen Vollbart mitgetheilt hat, der sein intelligentes Gesicht umrahmt; die braunen sinnnenden Augen ruhen mit unverhohlener Zärtlichkeit auf der jungen Frau, die ihm zur Seite sitzt.
Eine holdere Erscheinung als diese kann man sich kaum denken. Von mittlerer Größe, schlank und doch voll gebaut, mit nicht gerade regelmäßigen, aber überaus lieblichen Zügen, seelenvollen blauen Augen und blonden, in einfachen Flechten um das Haupt geschlungenen Haaren, die ganze Gestalt eingehüllt in ein lustiges weißes Sommerkleid — so schien die Frau Professorin in der That dazu geboren, die Herzen aller, die sich ihr nahten, zu gewinnen und zu bezaubern. Und daß ihr dies, außer bei ihrem Gatten, auch bei deu anwesenden vier Gästen gelungen war, konnte man unschwer wahrnehmen.
Die Gäste aber waren der Doktor Werner mit seiner Frau und der Baurath Laue gleichfalls mit seiner Frau.
Die beiden Herren waren seit frühester Jugend mit dem Professor durch eine fast schwärmerische Freundschaft verbunden gewesen. Schon aus der Schule nannte man die drei nie anders als „das Kleeblatt" oder „die Unzertrennlichen", und recht angenehm fügte es sich, daß auch später ihr Lebensberuf sie nach jeweiliger Trennung wieder znsammenführte. Werner wie Laue waren in der Residenz angestellt. Friedeberg, wohin sich Helbach vor dem Lärm der werdenden Weltstadt geflüchtet hatte, war kaum eine halbe Stunde von derselben entfernt.
Freud und Leid, trübe und gute Tage hatten die drei stets treulich mit einander getheilt. Keiner hätte eine wichtige Entschließung ausgeführt, ohne die beiden anderen zu Rathe gezogen zu haben. Nur in einem Punkte hatte Helbach bisher eine Sonderstellung behauptet, nämlich in seinem geradezu schroffen Verhalten gegenüber dem weiblichen Geschlechte. Werner wie Laue hatten die Geliebten ihrer Jugend heimgeführt und ihr Haus gegründet. Helbachs Herz war kalt und gleichgültig geblieben. Manch schönes Auge ruhte wohlgefällig auf dem berühmten Künstler, manche reizende Hand hätte sich gar zu gern in die seinige gelegt. Er aber floh die Frauen, wie er denn überhaupt nur, wo er es nicht umgehen konnte, in größerer Gesellschaft erschien.
Man kann sich daher die Verwunderung in den beiden Familien vorstellen, als sie im verflossenen Jahre von Rügen, wo Helbach, der für dieses meerumrauschte Eiland eine besondere Vorliebe besaß, in der Regel den Junimonat zuzubringen pflegte, die kurze Anzeige erhielten:
Elisabeth von Drewitz.
Reinhold Helbach.
Verlobte.
Wenige Wochen darauf folgte die Nachricht von der ehelichen Verbindung, und dieser Nachricht war die Bemerkung hinzugefügt: er, Helbach, beabsichtige mit seiner jungen Frau
demnächst eine längere Reise nach dem Süden, vielleicht gar nach dem Orient zu unternehmen, wohin es ihn, wie männig- lich bekannt, schon längst gezogen hatte; er werde also längere Zeit fortbleiben, werde möglicherweise erst im nächsten Jahre die Heimat und die lieben Freunde in der Heimat Wiedersehen und ihnen seine Elisabeth vorstellen. Ein kurzer Gruß — eine kurze Versicherung unwandelbarer Freundschaft — ein kurzes Lebewohl — das war alles.
Der Baurath war außer sich über diesen „Verrath an der Freundschaft", und der Doktor hatte alle Mühe, den Empörten zu beruhigen. Ein so ungewöhnlicher Charakter wie Helbach, meinte er, Pflege auch ungewöhnliche Wege zu gehen; ein Künstlergemüth sei immer unberechenbar, es bleibe eben nichts übrig, als still zu warteu, bis Helbach selbst das Räthsel lösen werde.
Fast noch erregter als die Männer waren natürlich die Frauen.
Aber was half aller Aerger? Die Sache war nicht zu ändern. Im übrigen that die Zeit das ihrige, um den Sturm zu beschwichtigen. Man fing an, milder zu urtheilen, und da auch, freilich nicht oft, kurze Briefe bald aus Italien, bald aus Griechenland, einmal sogar ans Konstantinopel eintrafen, Briefe, die nichts als Glück und Frieden athmeten und zuletzt eine baldige Rückkehr in Aussicht stellten, so machte sich allgemein eine versöhnliche Stimmung geltend.
Ein Jahr war nun bald zu Ende; selbst der wunderschöne Monat Mai ging auf die Neige. In den Häusern der beiden Freunde herrschte die gespannteste Erwartung.
Am Sonntag vor Pfingsten, dessen Nachmittag die beiden Familien im Hanse des Bauraths vereinigt sah, sollte endlich die Spannung weichen. Unerwartet trat Helbach in ihre Mitte, am Arme — seine Frau.
Erst großes Staunen — dann verlegenes Schweigen — zuletzt lebhafte Freude und Beglückwünschung — das waren die drei Stufen, in welchen sich das erste Zusammensein vollzog.
Rasch war die Bekanntschaft mit der anmuthigen Frau Professorin geschlossen, die Freundschaft mit ihren: Gemahl erneuert, und als Helbach, den die Liebe sichtbar verjüngt, und der sein früheres scheues Wesen gänzlich abgelegt hatte, beim Abschied die Freunde sammt ihren Frauen einlud, den zweiten Pfingsttag, als seinen Geburtstag, bei ihnen zu verleben, als er versprach, ihnen alsdann eine Geschichte zu erzählen mit dem Motto: „Wer ein holdes Weib errungen" — da war alles gut, alles vergeben und vergessen.
Und nun war dieser zweite Pfingsttag gekommen. In liebenswürdigster Ungezwungenheit hatte die junge Frau ihre wirthschaftlicheu Pflichten erfüllt. Der Hausherr hatte sein Heiligthum geöffnet und durch Vorlegung zahlreicher Skizzen bewiesen, daß das Glück der Liebe auch seine künstlerische Ader neu belebt, und nun saßen sie alle sechs unter der Esche, mitten im duftigen Frühlingsgrün. Manch ernstes, manch heiteres Wort wurde gesprochen; aber als dann im Gespräch eine gewisse Pause eintrat, während welcher die Hausfrau sich leise entfernte, ergriff Helbach das Wort und erzählte.
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Ihr wißt, daß ich in Wahrheit ein Pfingstkind bin, und daß das Pfingstfest in meinem Leben eine gar wichtige Rolle spielt. An einem Pfingstfeste bin ich geboren, an einem Pfingst- feste ward ich von der Akademie mit dem ersten Preise gekrönt, an einem Pfingstfeste erhielt ich die Bestallung als Professor der Kunstschule, und an einem Pfingstfeste war es nun auch, daß mir die Ahnung des höchsten Erdenglücks aufging.
Wie alljährlich wollte ich auch im verflossenen Jahre die Zeit vor der Saison auf meiner herrlichen Insel Rügen zubringen, weniger um zu ruhen als um zu arbeiten, meine Skizzenmappe zu füllen, neue landschaftliche Motive aufzusuchen, dann aber auch mich all den Reizen hinzugeben, welche das Zusammenwirken von Wald und Meer auf diesem wundersamen Fleckchen Erde hervorruft.
Ich hatte mich wieder iu dem bescheideueu Fischerhäuschen einquartirt, welches die Besitzer desselben immer zu meiner Auf-