Heft 
(1878) 37
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Preußen". Da trat das Ereigniß ein, welches die Katastrophe herbeiführen sollte. Von der englischen Küste her kamen zwei Barkschiffe senkrecht aus das deutsche Geschwader zu, daruuter ein norwegisches, welches den Deutschen den Kurs erschwert zu haben scheint.

DerGroße Kurfürst" wich zuerst aus und segelte hinter dem Stern der Barke vorbei, die nun auf denKönig Wil­helm" zukam, welcher jetzt seinerseits auszuweichen hatte. Unter­dessen hatte derGroße Kurfürst," wie es in einem amtlichen Bericht des Admirals Bätsch heißt, wieder in seinen Kurs zurückgelenkt; dies hätte auchKönig Wilhelm" thun wollen, doch ereignete sich hierbei die umgekehrte Ausführung des Be­fehls, indem statt nach backbord (links) nach steuerbord (rechts) ausgewichen wurde.König Wilhelm" traf mit seinem Stachel den Großen Kurfürst" seitwärts in den Hinteren Theil der Steuer­seite, gleich hinter dem Besanmast mitten in der Wasserlinie, an einer der gefährlichen Stellen und schlug ihm ein furchtbares Leck.

DerGroße Kurfürst" beschrieb einen vollständigen Kreis und legte sich dann so stark auf die Seite, daß die Zuschauer von der Küste her das ganze Verdeck übersehen konnten. Kaum eine Minute nach dem Zusammenstöße wurden beide Schiffe wieder klar, so daß sich der Schaden übersehen ließ. In Strömen schoß das Wasser durch das Leck in das Schiff hinein und alle Anstrengungen, letzteres mit Hängematten re. auch nur nothdürftig zu verstopfen, mußten schon im folgenden Augen­blicke als völlig vergeblich aufgegeben werden. Es galt nun­mehr die Rettung des nackten Lebens Von der Küste her konnte man mit bewaffnetem Auge bemerken, wie die Mann­schaften, welche sich auf Deck befanden, die Kleidungsstücke von sich warfen, auf das Bollwerk und die Masten hinaufkletterten und sich alsdann sofort in die Fluten stürzten Wenige Mi­nuten später, etwa acht, nach dem Anprall legte sich derKur­fürst" noch mehr seitwärts über, wälzte sich alsdann um und versank wie ein Stein, einen furchtbaren Strudel trichterartig nach sich ziehend. In diesem Augenblicke explodirten die Kessel und schleuderten noch eine gewaltige weiße Dampfwolke in die Lüfte, dann schlossen sich die Fluten über dem herrlichen Schiffe und Hunderte unserer wackeren Brüder, namentlich die, welche sich zufällig bei dem Zusammenstöße in den unteren Räumen der Fregatte befunden haben mögen, endeten ihr Leben im nassen entsetzlichen Grabe.

Wohl waren die Boote desKönig Wilhelm" und der Preußen", sowie verschiedene Fischersmaks zur Hand, um zu retten, was noch nicht die Wogen verschlungen, aber größer war die Zahl derjenigen, die ein nasses Grab gefunden. Auch König Wilhelm" war dem Sinken nahe; sein ganzes Vorder- theil war zerstört und von der entsetzlichen Wucht des Stoßes der Eiseustachel in einen Winkel von 45 Grad abgebogen Nur mit Noth erreichte er den schützenden Hafen von Portsmouth.

Wenn etwas im Stande ist den Jammer zu mildern, der uns bei der entsetzlichen Katastrophe überkommt, dann ist es die Freude über die musterhafte Disziplin und die mannhafte Ordnung, welche auf beiden Schiffen während des Ereignisses selbst herrschte. Keinen Augenblick verloren Führer wie Mannschaften die Geistes­gegenwart und bis zum letz­ten Momente wurden mit pünktlicher Gewissenhaftigkeit alle Befehle der Kapitäne aus­geführt. Schreibt doch selbst dieTimes", die sich manch­mal eifersüchtig auf unsere junge Marine gezeigt hat:

Leicht., hätte ein panischer Schrecken durch unrichtige Befehle oder Mangel an Gei­stesgegenwart entstehen kön­nen ; doch die deutsche Nation kann sich gratuliren, daß unter den fürchterlichsten Um­ständen die Mannschaften bei­

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der Fahrzeuge eine Disziplin und eine Standhaftigkeit bewahrten, die über alles Lob erhaben sind." Als das Unglück geschehen war, da eilte auf demGroßen Kurfürst" Jedermann an feinen Posten, und der Befehl, alle Lücken wasserdicht zu schließen, wurde pünktlich ausgeführt.Ich habe nicht bemerkt," erzählt ein Geretteter,daß irgend jemand den Kopf verloren hätte; kein Wehklagen und Jammern, wie bei Schiffbrüchen von Passagierdampfern mit Frauen und Kindern. Ueberall feste Entschlossenheit durch ein getreues Ausharren und starrste Dis­ziplin, so viel wie möglich zu retten und das Leben zu erhalten."

Die aber, welche über Bord gesprungen, beginnen den Kampf mit dem nassen Elemente. Es ist ein fürchterliches Ringen, und auch gute Schwimmer fühlen die Kräfte erlahmen auf der weiten Fläche, auf der zerstreut sie schwimmen. Wer nicht schwimmen kann, sucht sich in der entsetzlichen Todesangst an seinen Nebenmann zu klammern; er reißt ihn mit hinab in die Tiefe, die sie nicht wieder von sich gibt. Grauenvolle Bilder werden da vor uns entrollt, über die wir den Schleier ziehen wollen. So sind untergegangen mit ihrem Schiffe 274 wackere deutsche Männer: Offiziere, Ingenieure, Mannschaften und nur die kleinere Hälfte, 217 an der Zahl, mit dem Ka­pitän des Schiffes, Gras Monts an der Spitze, kehrte auf der Preußen" zurück nach Wilhelmshaven, das sie vor noch nicht einer Woche so stolz und zuversichtlich verlassen. War das ein Wiedersehen! Bitter weinend trat manche Braut, mancher Vater bei Seite; der ihnen lieb und theuer er ruhte auf kühlem Meeresgründe, und auch die letzte Hoffnung, er könne doch noch zurückkehren, ist jetzt für immer dahin. Wie er­schütternd wirkte die kleine Zahl der Seefoldaten, die zum Appell antraten, denn von 81, die hinausgezogen, kehrten nur 22 zurück Aber dem Jammer gegenüber erfreuten die Bilder des Wiedersehens, wo das alte Mütterchen den verloren'ge­glaubten .Sohn unter Thränen an die Brust drückte.

Der Untergang desGroßen Kurfürst" ist der dritte Verlust, der unsere Marine betroffen. Auf der ostasiatischen Expedition ging in einem Wirbelsturm 1861 der kleine Schoo- nerFrauenlob" zu Grunde; dieAmazone", Preußens erstes Kriegsschiff, ist spurlos in der Nordsee verschwunden. Fast scheint es, als ob die Aera der ungefügen Panzerschiffe, in der wir leben, uns und allen anderen seefahrenden Nationen noch mehr und schlimmere Verluste bringen soll. Ein einziger russischer Torpedo genügte im verflossenen Jahre, um einen türkischen Monitor in die Luft zu sprengen. Drei Jahre erst sind verflossen, da bohrte das PanzerschiffJron Duke" in den irischen Gewässern dieVanguard" in den Grund. Ist es da­her ein Trost, im Unglück Gefährten zu haben, so fehlt uns dieser traurige Trost sicher nicht.

Der Laie, dem das nationale Unglück zu Herzen geht, welches unsere Flotte durch den Untergang desGroßen Kur­fürst" betroffen, hat natürlich sich zu bescheiden, und kein Urtheil über die Ursachen der Katastrophe, über etwaige Schuld und über den Nutzen der Panzerschiffe zu fällen. Aber für eines dürfen und müssen wir unsere Stimme erheben. Auch jene 274 sind den Tod fürs Vaterland gestorben, in treuer

Erfüllung ihrer Dienstpflicht; . - sie haben Wittwen und

Waisen hinterlassen, deren Ernährer sie waren; man­cher Sohn, der hinauszog, ist die einzige Stütze seiner Eltern gewesen, die nun dar­ben müssen. Für diese Zu­rückgebliebenen einzutreten, ihre Noth zu lindern, ist Pflicht des deutschen Volkes. Gedenket ihrer in dieser Zeit der schweren Noth und sen­det, ein jeder nach Kraft und Vermögen, an das Hilfs- kommittee in Wilhelms­haven, eine lindernde Gabe!

Herausgeber: vr. ZtoOert Koenig und tzbeador Ker«a«n >?antenius m Leipzig. Für die Redaktion verantwortlich Ktto Klaftng in Leipzig. Verlag der Javeim - Srveditio« (Felüagen » Alaling) in Leipzig. Druck von ß. Schönert in Leipzig.