Heft 
(1878) 45
Seite
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tödtlich bitter, und Louise verzagte, sie ertragen zu können. Dann gab ihr freilich ein inniges Gebet die Kraft wieder aus­zuharren und sei es bis zmn Ende.

Nur heute, am achten Tage, als der Briefträger einen Brief brachte, nahm ihr Schmerz einen Grad der Verzweiflung au, der Gertrud erzittern machte. Freilich währte auch diese leiden­schaftliche Erregung nur kurze Zeit, aber Gertrud hatte doch genug gesehen, um zu fühlen, daß es Qualen auf der Welt gäbe, von deren Größe und Tiefe sie bis dahin keine Ahnung gehabt hatte.

Louise schien den ganzen Tag über wie im Traume umher­zugehen, sie war aber womöglich noch mehr bemüht, sich keinen Augenblick von Otto zu trennen, und noch liebreicher, noch herz­licher gegen Gertrud.

Als der kleine Patient am Nachmittag etwas ruhiger ge­worden war, holte sie zum ersten Mal, seit Gertrud sie kannte, Briefpapier und Feder hervor. Sie schrieb nur wenige Worte, aber sie schienen sie heftig zu ergreifen. Sie saß lange vor dem Briefe und schloß ihn endlich, indem sie sich sichtlich aus bangem Schwanken ausrafste.

Gleich darauf verfiel Otto von neuem in heftiges Phan- tasiren und verlangte wie gewöhnlich beständig nach dem Onkel Ernst. Louise sprang mit ungewöhnlicher Heftigkeit auf und beugte sich mit solcher Leidenschaftlichkeit über das Kind, daß Gertrud ihre Arme um sie schlang und zärtlich sagte:

Um Gottes willen, Louise, denke auch an Dich! Du reibst Dich auf! Was soll aus Dir werden, wenn Du Dich nicht schonst?"

Aus mir?" rief Louise stürmisch aus, und es lag so viel Bitterkeit, so viel Todesqual in dem Tone, daß Gertrud davor erbebte.Ans mir? Wer fragt nach mir, wenn Otto stirbt? Wer hat mich dann lieb? Sieh, Gertrud er, dem meine Seele gehört, so lange ich denken kann, liebt nur das Kind! Durch Otto hoffte ich einst sein Herz zu gewinnen. O, Ger­trud, ich sehnte mich so namenlos darnach, und ich Wichte, daß es mir gelingen würde, aber jetzt? O ich verliere mit Otto alles, alles, alles!"

Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, als wolle sie die heftig hervorquellenden Thränen zurückhalten. Dann sagte sie, sich gewaltsam zusammennehmend, hastig:Vergiß, Gertrud, was ich so eben gesagt habe. Die Verzweiflung preßte mir die Worte aus!" Und das Kind umschlingend, legte sie dessen heißes Köpfchen an ihre bleiche Wange und sagte tiefaufathmend: Nicht wahr, mein Liebling, Di: verläßt Deine Mutter nicht?"

Otto war wieder ruhiger geworden. Er hielt krampfhaft die Hände seiner Mutter fest, als fürchte er ohne ihre Stütze herabzusinken in den Abgrund, den seine Phantasie so eben her­aufbeschworen. Seine Angst war gemildert, aber die Augen irrten doch noch wirr und unstät im Zimmer umher seine Pulse flogen, seine Stirn war mit Angstschweiß bedeckt. Louise halte sich auf eine Fußbank am Bett niedergelassen; siedrückte die heißen glühenden Händchen fest in den ihrigen, sie hatte die ganze Welt vergessen sie dachte nur an ihr Kind und ihr Elend.

Gertrud saß ihr stumm gegenüber. Tausendmal rief ihr Herz ihr zu:Eile zur Freundin, hilf ihr!" und tausendmal hielt ein unüberwindliches Gefühl sie davon zurück. Mußte sie nicht fürchten, diese noch mehr aufzuregen? War sie doch in diesen acht Tagen keinen Augenblick von ihrer Seite gewichen, und hatte sie nicht immer, wenn auch mit bitterem Schmerze empfunden, daß Louise eine Natur war, die am schnellsten über das Schwere hinfortkam, wenn sie es allein mit eigener Kraft bewältigte? Nein, sie durfte ein Geheimniß nicht lüften, das im tiefsten Schrein des Herzens verborgen gehalten wurde, durfte einen verzweifelten Augenblick nicht benutzen, um der Freundin vielleicht viele Stunden bitterer Reue zu bereiten.

So verstrich Minute um Minute. Als aber der verzwei­felnde Ausdruck auf Louisens Gesicht keinem verklärenden Schimmer wich, stand Gertrud leise ans, kniete neben der Be­trübten nieder und flüsterte:

Louise, der liebe Gott wird Dir Deinen Otto nicht nehmen; sollte er es aber dennoch anders beschlossen haben,

so kommst Dn zu uns nach Lichterfelde. Ich habe Dich so lieb, so lieb wie eine Schwester, und Maina und Papa sind so gut, sie werden Dich mit Freuden als ihre Tochter will­kommen heißen."

Louise drückte einen zärtlichen Kuß auf Gertruds Lippen.

Ich danke Dir; Dn bist so gut! Aber wenn Gott mir Otto nimmt, dann kann kein Mensch auf der weiten Welt mir helfen; dann stehe Gott meiner armen Seele bei!"

Louise, wie sprichst Du nur? Ich erkenne Dich heute nicht wieder! Du, die Dn immer so sanft, so ruhig, so fest warst"

Gertrud," unterbrach Louise schnell,hast Du es schon erfahren, wie einem Menschen zu Mnthe ist, der äußerlich ruhig und doch in seinem Innern aufs tiefste erregt ist?"

Als Gertrud mit dem Kopfe schüttelte, fuhr sie fort:

Ich bin lange nicht so geduldig und ruhig, wie es den Anschein hat. Es gibt ein Gefühl, das mein Herz seit Jahren mit einer Leidenschaft erfüllt, daß ich stets von neuem davor erzittere. Gertrud, hast Du je geliebt?"

Sie senkte bei den letzteren Worten ihre Augen tief in die ihrer Freundin. Als ihr ans denselben ein Heller auflcuch- tender Schein als Bejahung entgegen blitzte, machte sie eine Hand aus Ottos Händen frei, schlang ihren Arm um Gertrud und sagte:

O, Gertrud, mir ist es so oft ums Herz gewesen, als müßte ich mich ein, ein einziges Mal voll und ganz vor einer theilnehmenden Seele aussprechen! So möge es denn heute geschehen, heute, nachdem ich seinen Brief bekommen, in dem er mir mittheilt, daß in drei Wochen unsere Hochzeit sein soll. O, Gertrud, der Brief ist so kalt; er enthielt kein einziges Liebeswort für mich, nur eine namenlose Sehnsucht nach Otto!"

Sage mir alles, es wird Dich erleichtern, meine theure Louise," flüsterte Gertrud innig; zog eine Fußbank ans Bett und lauschte aufmerksam Louisens Erzählung, die in kurzen grellen Farben zuerst ihre Jugend mit Ernst der Name Römer kam nicht über ihre Lippen; er hatte für sie keine Be­deutung dann die Trennung von ihm, das Wiedersehen, ihre Uebersiedelung nach Hasselrode zum Pastor Sternberg n. s. w. erzählte.

Die Dämmerstunde war allmählich eingebrochen. Louise war so versunken in ihren Erinnerungen, daß sie nicht be­merkte, wie Gertrud bei Erwähnung des Namens Sternberg erbleichte, wie die Farbe ihrer Wangen mehrmals wechselte, als Louise in richtiger Selbsterkenntniß sich anklagte, durch ihre Befangenheit und Zurückhaltung vor dem gelehrten Geliebten daran Schuld zu sein, daß ihr gegenseitiges Verhältnis; mit den Jahren an Innigkeit und richtigein Verständnis; verloren, und daß Ernsts Liebe sich ganz dem Sohne zngewandt hatte.

Nun weißt Du alles," schloß sie ihre Erzählung,lies noch diesen Brief und rathe mir dann, ob ich die Zeilen fort­schicken soll, in denen ich ihn bitte, zu kommen. Ich sehne mich so nach seinem Trost und seiner Stütze, und würde beides finden, wenn er Otto noch am Leben träfe. Aber wenn er ihn nicht fände, Gertrud, wenn er seinen kleinen Liebling nicht mehr fände!"

Gertrud ergriff mechanisch den dargereichten Brief. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, sie konnte sie nicht ent­ziffern nur das Wort:Buchenhaide" stand klar und deut­lich vor ihr.

Es war ein Glück für sie, daß in diesem Augenblick der Arzt eintrat und Louisens ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es wäre ihr unmöglich gewesen, so Herr ihrer Bewe­gung zu werden, daß Louise nichts gemerkt hätte.

Sie trat ans Fenster. Unten im Hofe spielte eine Schar lustiger Kinder; ihr Jubeln und Lachen tönte herauf und schnitt wie ein herber Mißton in ihre Seele. Schnell wandte sie die Augen fort und blickte hinauf in die Krone einer alten Linde, die ihre Aeste bis ans Fenster streckte. Kein Lüftchen rührte sich dort war Friede, war Ruhe!Die Welt geht weiter den alten Gang," murmelte Gertrud,was kümmert sie sich darum, ob ein Menschenkind so elend so unbeschreiblich elend ist!"