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Den ersten Unterricht erhielt Jahn von seinem Vater und kam dann, 13 Jahre alt, ans das Gymnasium von Salzwedel, das er drei Jahre lang besuchte. Aus dieser Zeit wird eine höchst charakteristische Anekdote erzählt: Die Schüler sollten in einem Aussatz angeben, welche historische Persönlichkeit sie wohl hätten sein mögen und ihre Wahl motiviren. Jahn führte statt dessen aus, daß er eine solche Wahl schlechterdings nicht treffen könne, weil sie einem moralischen Selbstmord ! gleichkäme.
Jahn ging dann nach Berlin, wo er das graue Kloster besuchte, aber wenig Ehre erntete. Im April 1795 verließ er mit einem schlechten Zeugniß die Schule.
Wo er das nächste Jahr verlebt hat, wissen wir nicht;
I Ostern 1796 bezieht er mit dem Zeugniß der Reise die Universität Halle, auf der er Theologie studirt, sich aber mehr und mehr dem Studium der deutschen Sprache zuwendet. Er scheint es daneben als Student wild genug getrieben zu haben.
Während der Ferien wurde ganz Deutschland durchstreift und überall fleißig mit dem Volke verkehrt. Im Jahre 1800 erschien die oben citirte Schrift: „lieber die Beförderung des Patriotismus".
Von Halle ans ging es nach Greifswald, um dort nordische Sprache zu stndiren, dann folgte eine kurze Hauslehrerzeit in Mecklenburg, an die sich ein Besuch in Göttingen reihte. Im Jahre 1806 erschien seine „Bereicherung des hochdeutschen Sprachschatzes". Er scheint sich sehr viel von ihr versprochen zu haben, aber die Zeit war nicht darnach, diese Hoffnungen zu erfüllen. Das Buch war kaum erschienen, als das theuerste, was Jahn besaß, als sein Preußen unter dem Donnern der Kanonen von Jena zusammenbrach. Er war unterwegs von Goslar nach Jena, als sich ihm das fliehende Heer entgegenwälzte. Unruhig streift er nun von einem der sich zurückziehenden Heerkörper zum andern, aber überall macht schlechte Führung die Tapferkeit der Truppen zu Schanden. Jahns Herz blutete aus tausend Wunden, in wenig Tagen wurde das Haar des Neunundzwanzigjährigeu grau.
Das Jahr 1809 verlebte Jahn theils im Elteruhause, theils auf dem Schloß eines Mecklenburger Patrioten und unternahm von dort aus zahlreiche „Geschäftsreisen", d. h. wohl Agitationsfahrten. Zugleich schrieb er sein „Deutsches Volksthum", ein höchst merkwürdiges Buch. Jahn geht gewissermaßen von der Fiction aus, daß ein vollständig nnorganisirter Haufen Deutscher soeben in das leere Deutschland eingewandert und im Begriff sei, sich staatlich zu organisiren. Jahn gibt ihnen nun in seinen: „Deutschen Volksthum" eine Verfassung. Einige Beispiele mögen das veranschaulichen.
Es soll nach Jahn geben: eine Reichs-, Landes- (d. h. Provinzial-), Mark-, Kreis-, Gemeinderegierung.
Die Reichsregierung soll bestehen aus dem Landesfürsten, dem Reichsstatthalter (Premierminister), Großkanzler (Minister des Innern), Staatskämmerer (Finanzminister) u. s. w. Dazu vom König ernannte Geheimräthe, und als Staatsräthe die großjährigen Prinzen des Hauses, die Statthalter der Lande, nebst einigen Markpflegern — und nebst diesen zu einem großen Reichsrath noch einige Berufene von dem Volke. Die Landesregierung besteht aus dem Landstatthalter und Landräthen für: Ackerbau, Gewerbe, Handel, Volksbildung rc. Neben ihr besteht ein „engerer Ausschuß der Landschaft" als ständischer Beirath. Die Markregierung besteht aus dem Markpfleger und seinen Räthen, und erfreut sich ebenfalls eines ständischen Bei- rathes. Ganz gleich ist die Kreisregierung organisirt. Die der Gemeinderegierung vorstehenden Bürgermeister und Schulzen werden vom Staat bestätigt; „Rathsherren und Schöppen mögen sich die Gemeinden jährlich wählen".
Dieser Organisation entsprechend soll es ein Reichsgericht, Landesgerichte, Mark- und Kreisgerichte geben. Ihnen parallel laufen Hoch-, Mark-, Kreis- und Gemeindeschulen.
Jahn gibt auch für die Details praktische Winke. Er entwirft Wappen für Städte und Dörfer und schlägt vor, daß das Amtszeichen der Schulzen Pflüge auf den Rockknöpfen sein sollen. Kreisrichter und Beisitzer müssen in den Kreisstädten wohnen. In jeder Markstadt ein tüchtiges Ansbewahrungs-
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gefängniß und bewaffnete Gerichtsdiener; außerdem ein Armenanwalt, angestellte Sachwalter.
Man sieht, daß auch der Praktische Sohn der Priegnitz dem philosophischen Jahrhundert, das ihn geboren, seinen Tribut entrichten muß. Der Jahnsche Vorschlag, ander mittleren Elbe eine Hauptstadt von Deutschland, Teutona, zu gründen, war eben nur damals möglich. Trotzdem liegen in dem Jahnschen Phantasiegesetzbuch auch wieder erstaunlich viel gesunde Gedanken. So verlangt er: allgemeines bürgerliches und peinliches Recht; Gleichheit von Münze, Maaß und Gewicht; ein allgemeines Bürgerrecht; eine innige Verbindung zwischen Nähr- und Wehrstand. Auch die Forderung, den Leib nicht über den Geist zu vernachlässigen, findet hier energischen Ansdruck. Durch das ganze Buch weht erquickend und herzstärkend der scharfe frische Geist des Preußenthums.
Im Dezember 1809 wanderte Jahn mit dem Manuskript des „Deutschen Volksthums" in der Tasche nach Berlin, um dem Einzug des Königs und der Königin Louise beizuwohnen. Es ist, als ob die Patrioten ahnten, daß aus diesen: Bunde der Mann hervorgehen würde, der einst ihre Hoffnungen verwirklichen sollte.
In jenen Tagen der Schmach stiegen alle, die festhielten am Vaterlande, herab zum Brunnen altdeutscher Sage und Dichtung. Man fühlte, daß hier ein ewig unversieglicher Quell von Kraft sprudelte, darum brachte man schon die Kinder her und ließ sie das stärkende Naß in vollen Zügen schlürfen. Auf der Jugend beruhte die Hoffnung, darum wurden die Patrioten Pädagogen.
Jahn war einer der eifrigsten. Er war damals Erzieher und Lehrer an der Anstalt des Dr. Plamann. Als solcher begründete er 1810, in demselben Jahre, in welchem das „Deutsche Volksthum" veröffentlicht wurde, das Turnen. „In schöner Frühlingszeit," erzählt sein Biograph Dr. Heinrich Pröhle (Friedrich Ludwig Jahns Leben*), gingen an den schulfreien Nachmittagen der Mittwoche und Sonnabende erst einige Schüler mit Jahn in Feld und Wald, dann immer mehr und mehr. Die Zahl wuchs, und es wurden Jugendspiele und einfache Hebungen vorgenommen.
Im Frühjahr 1811 wurde der erste Turnplatz in der Hasenhaide eröffnet. „Die Disziplin auf dem Turnplatz worin Wahrheit spartanisch. Für die Hungrigen soll Salz und Brot als einzige Speise dagestanden haben, frisches Quellwasser holten die Turner sich selbst. Jemand, der dort rauchte, wurde auf einige Zeit ausgeschlossen, wer ein Glas Schnaps trank, ward nie wieder gesehen. Wenn zwei sich zankten, so mußten sie „wurzeln", d. h. Jahn gab jedem eine schlanke Wurzel in die Hand, und mit dieser mußten sie sich in ihren leinenen Hosen duelliren. Um nicht feig zu erscheine::, hieben sie aus Leibeskräften auf einander los und waren durch das Gelächter ihrer Kameraden hart gestraft. Zog Jahn mit seinen Knaben aus, so fragte er die Neulinge: „Woran denkst Du?" Zögerte der Knabe mit der Antwort, so gab Jahn ihn: eine Ohrfeige und sprach: „Daran sollst Du denken, wie wir die vier schönen Pferdestatuen, die einst auf diesem Thore standen, und von den Franzosen nach Paris geschleppt worden sind, von dort wieder holen sollen."
Jahn erfand nicht nur das Turnen selbst, sondern auch den Namen dafür.
Die Leser unseres Romanes „Vor den: Sturm" wird die folgende Episode aus dieser Zeit noch besonders interessiren. Jahu erzählt, daß im Frühling 1812 eine Anzahl märkischer Edelleute, denen das Joch der Fremden unerträglich geworden war, sich zu einer Verbindung zusammeugethan hatten, die eine Erhebung mit oder ohne den König plante. Jahn wurde in einer verdeckten Kutsche auf geheimnißvolle Weise abgeholt und in einer Sitzung des Bundes, dessen Wortführer zwei vornehme Herren waren, kurzer Hand gefragt, über wie viel Berliner er gebieten könne. Jahn wies jede Betheiligung an dem Unternehmen zurück und sagte den beiden
*) Erscheint soeben in neuer Bearbeitung von Prof. Dr. Carl Euler. Stuttgart, Verlag von Carl Krabbe.