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Ueöer Land und Weer.
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ausgebliebenen Auftrag in Marmor erwartet hatte. Fauteuils und Stühle steckten in großblumigen Ueber- zügen, desgleichen der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an den Frontfenstern standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war überhaupt, seit das Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch ihre Gestalt noch unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag in: Monat war allgemeines Reinmachen, auch bei Wind und Kälte. Dies war immer ein Tag größter Aufregung, weil jedesmal etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde. Das blieb auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig, die sich einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel m diesem Punkte schaffte. Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr, und Riekchen war um so glücklicher darüber, als Hartwigs hübsche Nichte, wenn sie mal wieder den Dienst gekündigt, auch jedesmal was zu erzählen und mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken wußte.
Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schicke- danzschen Hause zufrieden zu sein. Nur eines störte, das war, daß jeden Mittwoch und Sonnabend die Teppiche geklopft wurden, immer gerade Zu der Stunde, wo der alte Gras seine Nachmittagsruhe halten wollte. Das verdroß ihn eine Weile, bis er schließlich zu dem Ergebnis kam: „Eigentlich bin ich schuld daran. Warum setz' ich mich in die Hinterstube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer hasardier' ich wieder und denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; du willst es doch noch mal versuchen."
Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung zu haben, er hielt auch beinah abergläubisch an ihr fest. So lang er darin wohnte, war es ihm gut ergangen, nicht glänzender als früher, aber sorgenloser. Und das sagte er sich jeden neuen Tag.
Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem Sinne durchschnittsmäßig verlaufen, ganz so wie das Leben eines preußischen „Magnaten" — worunter man in der Regel Schlesier versteht; aber es giebt doch auch andre — zu verlausen pflegt.
Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier bombardierten und nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten, war der Graf auf einem der an der mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren worden. Auf eben diesem Gute, — das landwirtschaftlich einer von fremder Hand geführten Administration unterstand, — vergingen ihm die Kinderjahre; mit zwölf kam er dann ans die Ritterakademie', mit achtzehn in das Regiment Gardedu- corps, drin die Barbys standen, solang es ein Regiment Gardedncorps gab. Mit dreißig war er Rittmeister und führte eine Schwadron. Aber nicht lange mehr. Aus einem in der Nähe von Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und brach den Fuß, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich genesen, ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung zu suchen, und machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta, der ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud. Da diese ganz in der Nähe lagen, nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an. Hier blieb er länger als erwartet, und als er das schön gelegene Bergschloß wieder verließ, war er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt. Es war eine große Neigung, was sie zusammensührte. Die junge Freiin drang alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach dem um so lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher war. Er nahm also den Abschied und trat aus dem militärischen in den diplomatischen Dienst über, wozu seine Bildung, sein Vermögen, seine gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig geeignet erscheinen ließen. Noch im selben Jahre ging er nach London, erst als Attache, wurde dann Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage der Aufrichtung des Deutschen Reichs. Seine Beziehungen sowohl zu der heimisch-englichen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit. Er hing an London. Das englische Leben, — an dem er manches, vor allem die geschraubte Kirchlichkeit, beanstandete — war ihm trotzdem außerordentlich sympathisch, und er hatte sich daran gewöhnt, sich
als verwachsen damit anzusehen. Auch seine Familie, die Frau und die zwei Töchter — beide, wenn auch in großem Abstande, während der Londoner Tage geboren — teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben. Aber ein harter Schlag warf alles um, was der Gras geplant: die Frau starb plötzlich, und der Aufenthalt an der ihm so lieb gewordenen Stätte war ihm vergällt. Er nahm seine Demission, ging zunächst ans die Plantaschen Güter nach Graubünden und dann weiter nach Süden, um sich in Florenz seßhaft zu machen. Die Luft, die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles that ihm hier wohl, und er fühlte, daß er genaß, soweit er wieder genesen konnte. Glückliche Tage brachen für ihn an, und sein Glück schien sich noch steigern zu sollen, als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grasen Ghiberti verlobte. Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar. Aber die Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus, und ehe ein Jahr um war, war die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit danach kehrte der Graf nach Deutschland zurück, das er, seit einem Vierteljahrhundert, immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen hatte. Sich aus das eine oder andre seiner Elbgüter zu begeben, widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, daß er sich für Berlin entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich, seinem Hause, seinen Töchtern. Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt er sich so weit wie möglich fern, und nur ein kleiner Kreis von Freunden — unter denen auch die durch einen glücklichen Zufall von London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren — versammelte sich um ihn. Außer diesen alten Freunden waren es vorzugsweise Hofprediger Frommel, vr. Wrschowitz und seit letztem Frühjahr auch Rittmeister von Stechlin, die den Barbyschen Kreis bildeten. An Woldemar hatte man sich rasch attachiert, und die freundlichen Gefühle, denen er bei dem alten Grasen sowohl wie bei den Töchtern begegnete, wurden von allen Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs interessierten sich für ihn, und wenn er abends an der Portierloge vorüber kam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen und sagte: „So einen, — ja, das lass ich mir gefallen."
(Fortsetzung folgt.)
berühmte Rennfahrer.
(Siehe die Abbildungen Seite 89 und 96.)
6Der Radrennsport, so jung er noch ist, hat doch bereits eine ganze Reihe von „Berühmtheiten" gezeitigt, die in der Geschichte des Sportes voraussichtlich einen ehrenvollen Platz behaupten werden. Allerdings wird das Fortleben ihrer Namen nicht lediglich den erzielten Erfolgen, sondern wesentlich auch der zunehmenden Bedeutung des Fahrrades zu danken sein, zu dessen Popularisierung sie außerordentlich viel beigetragen haben. Namen wie Lehr, Arend, Bourrillon sind heute jedermann in Deutschland geläufig, was man weder von den Berühmtheiten andrer Sportzweige noch von solchen auf den Gebieten der Wissenschaft, Kunst, Litteratur und so weiter behaupten kann. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Beliebtheit, deren sich das Fahrrad bei jung und alt erfreut, zur Popularität seiner Meister sehr viel beigetragen hat. Andrerseits aber soll man sich auch hüten, die Verdienste der Matadore zu unterschätzen, denn es giebt vielleicht keinen Beruf, dessen Höchstleistungen an seine Vertreter größere Anforderungen stellen als der des Rennfahrers. Der Kamps auf der Rennbahn, der sich im Tempo eines Schnellzuges abspielt, erfordert neben der natürlichen Kraft eine Summe von andern männlichen Tugenden, die sich nur selten in einem Individuum vereinigt finden. Zum Rennfahrer gehört ein ganzer Mann, in der weitesten Bedeutung des Begriffes. Mut, Kaltblütigkeit, Entschlossenheit, Zähigkeit, scharfer Blick, Klugheit und die Gabe, jede Situation blitzschnell zu erfassen und auszunutzen, müssen in höchster Vollendung bei dem Rennfahrer vereinigt sein. Es liegt auf der Hand, daß Leute mit solchen Gaben auch auf andern Gebieten Hervorragendes leisten würden, daß sie also der allgemeinen Beachtung nicht unwert sind. Von diesem Gesichtspunkt aus dürfen auch unsre Bilder berühmter Rennfahrer Anspruch auf Interesse erheben, selbst bei denjenigen, die dein Rennsport an sich gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen.
Der erste Platz in der stattlichen Reihe gebührt zweifellos August Lehr, dem Altmeister der deutschen Rennfahrer. Er hat eine Siegeslaufbahn hinter sich, deren sich kein andrer Rennfahrer der Welt rühmen kann, und steht hente noch auf der vollen Höhe feiner Leistungsfähigkeit. Was das bedeuten will, vermag nur derjenige voll zu ermessen,
der im stände ist, sich ein klares Bild von der intensiven Entwicklung des modernen Rennwesens zu machen. Es gehört eine Riesennatur dazu, in diesem aufs äußerste gesteigerten Ringen die Oberhand zu behalten. Der Sohn eines Frankfurter Weinhändlers, begann Lehr seine Nenn- carriere als siebzehnjähriger Jüngling im Jahre 1887. Seitdem hat er eine Reihe von Erfolgen erzielt, die nur durch die des berühmten Amerikaners Zimmermann erreicht wird. Aber während der „fliegende Pankee" der Rennbahn längst Valet gesagt hat, steht Lehr immer noch in vorderster Reihe und wird diesen Platz auch voraussichtlich noch lange behaupten. In den Jahren 1888 bis 1894 war er unbestritten der beste Fahrer der Welt. Er gewann in dieser Zeit zweimal die Weltmeisterschaft, und zwar 1889 in England und 1894 in Antwerpen. Im Jahre 1895 gründete er die Lehr-Fahrradwerke in Frankfurt a. M., die er bis Ende 1896 leitete. Während dieser Zeit wurden seine sportlichen Erfolge durch die geschäftliche Thätigkeit naturgemäß etwas beeinträchtigt; aber als er sich dann zu Anfang dieses Jahres von neuem ganz der Rennbahn widmete, zeigte er sich sofort wieder als der Alte, wenn ihm auch inzwischen eine riesenhafte Konkurrenz erwachsen war.
Sein gefährlichster Gegner ist heute der Hannoveraner Willy Arend, dessen Stern im Jahre 1895 aufging. Arend, der heute erst 21 Jahre zählt, konnte bereits vor zwei Jahren 44 erste Plätze neben 8 zweiten auf fein Conto bringen. Seine Glanzzeit aber fällt in das laufende Jahr und erreichte ihren Gipfel bei den Weltmeisterschaften in Glasgow, wo der Hannoveraner gegen die auserlesenste englische und französische Konkurrenz einen selbst von der englischen Sportpresse bedingungslos anerkannten Sieg davontrug. Später gewann er dann noch in Hamburg den Großen Preis gegen Bourrillon und Courbe d'Outrelon, die goldene Armbinde in Berlin und das Dreiermatch in Köln gegen Lehr und den Grazer Büchner, nebst zahlreichen andern bedeutenden Rennen. Arend ist ein Fahrer von ungewöhnlich hoher natürlicher Klasse. Seine Begabung liegt weniger in der Technik als in seiner körperlichen Veranlagung, die ihn befähigt, einen langen Spurt durchzustehen, ohne sich für das Finish ganz auszugeben. Da er gegenwärtig erst 21 Jahre zählt, so hat er bei sorgfältiger Schulung zweifellos noch eine glänzende Siegeslaufbahn vor sich.
Nicht ganz so hoch an natürlicher Klasse als die beiden Vorgenannten stehen der Grazer BrunoBüchner und der Berliner Arthur Hei mann. Beide haben eine lange, erfolgreiche Renncarriere hinter sich, die sie in erster Linie einem scharfen, mit äußerster Konsequenz durchgeführten Training und der denkbar vollkommensten Beherrschung der Renntechnik verdanken. Heimanns Glanzzeit fällt in die Jahre 1894 bis 1896, wo er unter den deutschen Fahrern die Stelle Lehrs einnahm und sich namentlich bei dem Berliner Publikum einer großen Beliebtheit erfreute. Er zählt heute, ebenso wie Büchner, 26 Jahre und dürfte auch in den kommenden Jahren immer noch bei großen Entscheidungen mitsprechen. Büchner, ein geborener Reichsdeutscher, der sich aber lange in Graz aufhielt und daher unter österreichischen Farben fährt, ist von Hause aus Straßenfahrer. Er wußte sich im Jahre 1893 bei der Distanzfahrt Wien-Berlin ohne jede Unterstützung als achter zu plazieren und schuf sich dann bei Distanzfahrten namentlich in Oesterreich einen ehrenvollen Namen. Auf der Rennbahn erscheint er erst seit dem Frühjahr 1896. Damals bildete er mit dem Belgier Hu et das beste Tandempaar der Welt. Mit diesem sowohl als auch allein auf Niederrad brachte er es zu sehr achtbaren Erfolgen in Berlin und Wien, sowie in Rußland, Frankreich und Belgien. Nachdem Huet das Fahren aufgegeben hatte, that Büchner sich mit dem Wiener Seidl zusammen, und diese beiden, sowie Heimann und fein Berliner Partner Mulack, zählen heute uoch zu den besten Tandempaaren der Welt.
Von den ausländischen Größen stehen die beiden Franzosen Morin und Bourrillon in der vordersten Reihe. Jeder von ihnen besitzt eine Art Domäne in der Renntechnik, auf der er unerreicht dasteht. Morin, ein fchwarzlockiger Südfranzose mit weichen, träumerischen Sammetaugen, die aber im Moment der Erregung in leidenschaftlicher Glut aufblitzen können, ist unbedingt der schnellste Fahrer der Welt, wenn es sich um einen kurzen Spurt von 150 bis 200 Metern handelt. Seine Hauptstärke besteht in der Fähigkeit, gegen das Ende eines solchen Spurtes noch einmal mit erhöhter Schnelligkeit einzusetzen, also im Spurt zu spurten. Das klingt etwas sonderbar, entspricht aber genau den Thatsachen. Nur vermöge dieser Fähigkeit konnte Morin dreimal hintereinander im Pariser Grand Prix den Sieg davontragen, bei dem ihm teilweise allerdings noch das Glück zu Hilfe kam. Im Auslande dagegen konnte Morin nie eine besondere Rolle spielen; 1896 wurde er zum Beispiel in Berlin von Arend geschlagen. Er ist speziell auf die technisch vollkommenen Pariser Bahnen geeicht. Sein gefährlichster Konkurrent, Paul Bourrillon, ebenfalls ein Südfranzose, ist der Meister des schnellen Antrittes, das heißt der Kunst, seinen Gegnern in: Endkampfe vermöge eines kurzen, blitzschnellen Vorstoßes um mehrere Längen davonzugehen, die sie dann bis zum nahen Ziel nicht mehr einzuholen vermögen. Auf diese Weise gewann