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Aeöer Land und Weer.
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alles klappt und paßt, geh' ich nun auch gerad' ins Siebenundsechzigste, und wenn ein richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch in Tod und Grab. Das is so Familientradition. Ich wollte, wir hätten eine andre. Denn der Mensch is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben."
„Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes Leben gehabt."
„Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower ebenso denken. Und die bringen mich wieder ans mein Hauptthema."
„Und das lautet?"
„Das lautet: teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen?"
„ Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute..."
„Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heutzutage paßt es aber nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere, statt den Riegel vorzuschieben, kommen den Torgelowschen auf halbem Weg entgegen und sagen: ,Ja, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht/ oder, was noch schlimmer ist: ,Ja, ja, Jochen, wir wollen mal nachschlagen?"
„Aber, Herr von Stechlin."
„Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen, es ist doch so. Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht, und wenn dann wieder eine Wahl ist, dann fährt Woldemar 'rum und erzählt überall, ,Katzenstein sei der rechte Mann'. Oder irgend ein andrer. Aber das is Mus wie Mine; — verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen Ausdruck. Und wenn dann die junge gnädige Frau Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball giebt, da will ich Ihnen ganz genau sagen, was und wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber renoviert ist, antritt. Da ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von langer Hand her eine wahre Wut aus den alten Sachsenwalder hat, und eröffnet die Polonaise mit Armgard. Und dann ist da ein Professor, Kathedersozialist, von dem kein Mensch weiß, ob er die Gesellschaft einrenken oder ans den Fugen bringen will, und er führt eine Adlige mit kurzgeschnittenem Haar, die natürlich schriftstellert. Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und ein Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause machen, dann stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein französisches Stück aus, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein sogenanntes Ehebrnchsdrama, drin eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen hat. Und dann giebt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit seiner langen Mähne über die Tasten hinsegt, und in einer Nebenstube sitzen andre und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten, obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi und Marx und Lassalle, die aber wenigstens tot sind, und daneben Bebel und Liebknecht. Und dann sagt Woldemar: .Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz? Und wenn dann ein Adliger aus der Residenz an ihn herantritt und ihm sagt: ,Jch bin überrascht, Herr von Stechlin, — ich glaubte den Grafen Schwerin hier zu finden? dann sagt Woldemar: ,Jch habe die Fühlung mit diesem Herrn verloren?"
Der Pastor lachte. „Und Sie wollen sterben? Wer so lange sprechen kann, der lebt noch zehn Jahr."
„Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so, oder kommt es nicht so?"
„Nun, es kommt sicherlich nicht so."
„Sind Sie dessen sicher?"
„Ganz sicher."
„Dann sagen Sie mir, wie es kommt, aber ehrlich."
„Nun, das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den Weg gewiesen, als Sie gleich anfangs von König und Kronprinz' sprachen. Dieser Gegen
satz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen. Es kommen eben immer Tage, wo die Leute nach irgend einem Kronprinzen' aussehn. Aber so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre: der Kronprinz, nach dem ansgeschaut wurde, hält nie das, was man von ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen; in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als Nengestalter aufzutreten, und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf lange. ,Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch eng im Raume stoßen sich die Sachen? Und nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und Geleise ein."
„Und so wird es Woldemar auch machen?"
„So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust dazu anwandeln."
„Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie haben ihm in den Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues Christentum."
„Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich so sprach, dies neue Christentum ist gerade das alte."
„Glauben Sie das?"
„Ich glaub' es. Und was besser ist: ich fühl' es."
„Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist Ihre Sache; da will ich Ihnen nicht Hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie mir was versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht, daß das alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner Gebresten und altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist als das vom neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer-Damm und Fehr- bellin her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz für die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows znsammengenommen, kommt es zu solcher Nückbekehrung, dann, Lorenzen, stören Sie diesen Prozeß nicht. Sonst erschein' ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch."
Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie, wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. „Das alles, Herr von Stechlin, kann ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Woldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu. was mir nicht zukommt. Nicht ich werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit wird sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine."
Der Alte lächelte. „Ja, ja."
XIAI.
So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte sich der Alte wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig Beängstigung.
Aber es kam anders; die Nacht verlies schlecht, und als der Morgen da war und Engelke das Frühstück brachte, sagte Dubslav: „Engelke, schaff die Wabe weg; ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat es gut gemeint. Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft der Natur."
„Ich glaube doch, gnäd'ger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft kann die Wabe nich an."
„Du meinst also: ,sür 'n Tod kein Kraut gewachsen ist? Ja, das wird es wohl sein; das mein' ich auch."
Engelke schwieg.
*
Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus nächster Nähe stammte, doch durch die Post befördert worden war. Er war von Ermyn- trud, behandelte die durch Koseleger und sie selbst geplante Gründung eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte sich am Schluffe dahin, daß, „wenn sich (hoffentlich binnen kurzem) ihre Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit
erfüllt haben würden", Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste sittlich zu Heilende in das Asyl ausgenommen werden möchte.
Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal und sagte dann: „O, diese Komödie. . . ,wenn sich meine Wünsche für Ihre fortschreitende Gesundheit erfüllt haben werden' ... das heißt doch einfach, ,wenn Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn? Alle Menschen sind Egoisten, Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch einen ganz besondern Jargon. Es mag so bleiben, es war immer so. Wenn sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden Menschenverstand andrer hätten."
Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in das Couvert und rief Agnes.
Das Kind kam auch.
„Agnes, gefällt es dir hier?"
„Ja, gnäd'ger Herr, es gefällt mir hier."
„Und ist dir auch nicht Zu still?"
„Nein, gnäd'ger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich möchte immer hier sein."
„Na, du sollst auch bleiben, Agnes, so lang es geht. Und nachher. Ja, nachher..."
Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.
Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat an ihn heran und sagte: „Gnäd'ger Herr, soll ich nicht in die Stadt schicken?"
„Nein."
„Oder zu der Buschen?"
„Ja, das thu. So 'ne alte Hexe kann es immer noch am besten."
In Engelkes Augen traten Thränen.
Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an. „Nein, Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich habe es bloß so hingesagt. Die Buschen soll nich kommen. Es würde mir wohl auch nicht viel schaden, aber wenn man schon so in sein Grab sieht, dann muß man doch anders sprechen, sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten. Und das Möcht' ich nich, um meinetwegen nich und um Woldemars wegen nich . . . Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein .. . Die käme mir am Ende gleich nach, um mich zu retten. Nein, Engelke, nich die Buschen. Aber gieb mir noch mal von den Tropfen. Ein bißchen besser als der Thee sind sie doch."
Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, daß es zu Ende gehe. „Das ,Jck? ist nichts, — damit muß man sich durchdringen. Ein Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er ,Tod' heißt, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn."
Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte: „Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang."
Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke lies hin und her, und Agnes saß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die halbgeöffnete Thür in das Zimmer des Kranken. Erst als schon der Tag graute, wurde durch das ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte matt vor sich hin, und auch Agnes schlief ein.
Es war wohl schon sieben, — die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen bereits in einem Hellen Schein — als Engelke zu dem Kinde herantrat und es weckte. „Steih npp, Agnes."
„Is he dod?"
„Nei. He slöppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr so npp de Bost."
„Ick grul' mi so."
„Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slöppt sich wedder gesunn. . . Un nu, steih npp un bind di ook en Doog um 'n Kopp. Et is noch en beten küll drut. Un denn geih in 'n Goaren un plück em (wenn du wat sinnst) en beten Krokus oder Wat et fünften is."
Die Kleine trat auch leise durch die Balkonthür aus die Veranda hinaus und ging aus das Rundell zu, um nach einem paar Blumen zu suchen. Sie fand auch allerlei; das beste waren Schneeglöckchen.