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Deutschland.
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bringt nur durch ihre ungemeine Schönheit einen romantischen Zug in den Realismus des Ganzen. Wie sie durch ihren Übermut die feindlichen Regimenter der Füsiliere und der Kürassiere zu blutigen Raufereien bringt, das ist meisterhaft erzählt; auch ihr späteres, nicht ganz vorwurfsfreies Leben an der Seite des Feldwebels hält eine künstlerische Spannung fest, und erst der traurige Schluß fällt aus dein Tone heraus. Alle Nebenfiguren sind greifbar lebendig gezeichnet. Abgesehen vom Ende, das eigentümlich und unvermittelt an den Ansgang der berühmtesten Novelle von Gottfried Keller erinnert, ist nur noch der Titel des Romans zu tadeln. Durch ein kleines Geschichtchen, welches fast wie ein Einschiebsel aussieht, wird zwar erklärt, warum die Frau Feldwebel „die schone Helena" genannt werde, aber allen den derben Garnisongestalten steht die Erinnerung an Griechenland wie eine Maske vor dein Gesicht. Aber Titel ist Schall und Rauch; der Inhalt des Buches wird auch unter der falschen Überschrift dem Autor wie dem Leser Freude machen. -r.
Die Grundsätze des natürlichen Menschen. Von Otto Spielst erg. l Verlagsmagazin von I. Schastelitz, Zürich.)
Das Buch macht den Eindruck, als sei es aus der Feder eines mit „populär-wissenschaftlichen" Vorträgen großgesäugten Mannes geflossen. Mit durchaus unberechtigter Überhebung wird über alles und noch einiges unter Hervorkehrung der verschiedenartigsten Standpunkte räsonniert, während der Verfasser offenbar glaubt, das einheitliche Programm für eine Art Znkunftsweltanschauung zu geben. Immerhin ist ein Diesfen- bach doch sympathischer, weil er konsequent ist in seiner Vernnnftwidrig- keit, während wir es hier mit ganz unverdauten Phrasen zu thun haben, die weder neu noch gut sind. Einmal wird der wagehalsige Schluß ausgestellt: „Das Dasein Gottes ist nicht zu beweisen, folglich ist er nicht vorhanden:" ein anderer Passus beginnt eine Art Hymne ans den Gottesglauben mit den Worten: „Ehre sei Gott in der Hohe" u. s. w.: einmal wird der Staat als eine Zwangsanstalt des freien Willens bezeichnet, ein anderes Mal seine Berechtigung durch den freien Willen der Einzelnen begründet: hier „leuchtet die Sonne für alle" und wird das Evangelium der Liebe gefeiert, dort wird gepredigt: „Den Menschen, den ich töte, schicke ich zu Gott, und was ich zu Gott schicke, kann keine Sünde sein," oder es wird grausamlichst gesagt: „Ich tote Dich, wann und wo ich will, dafür trage ich die Verantwortung." Sozialist und Anarchist, dessen Motto lautet „se frecher, desto besser," Schwärmer für den „gesunden Egoismus" der Gleichheit und freien Liebe, ist der Verfasser zugleich erklärter Agrarier, der jeden für „ehrlos" hält, der für Geld arbeitet, und unbedingter Anhänger des Familienpatriarchakes: „Die Familie ist mir alles." Diese Familie besteht übrigens ans Lisette und einem Hunde, und der merkwürdigste, aber auch sonst recht oft auftretende Widerspruch ist der, daß der Verfasser, nachdem er erklärt hat, die Menschen für „Lumpe" zu halten und nichts mit ihnen zu thun haben zu wollen, so abgeschmackte Bücher schreibt für diese Menschen. Er soll Kohl bauen ans seinem Acker! Denn thatsächlich sind solche Bücher höchst gefährlich; ein Gebildeter legt sie nach der Lektüre von drei Seiten fort, aber der Halbgebildete greift danach und läßt sich im ponieren von einer Weisheit, die von der wirklichen Bildung einige Fetzen leiht und durch sie das ungeübte Auge täuscht, wie der grellfarbige Flitter des Bajazzo in der Schaubude das Auge des Kindes blendet. Züchtet solch Buch auch keinen Raskolnikow, so spuken doch Trugschlüsse, wie die, welche die Berechtigung zum Morde deduzieren, in einzelnen Gehirnen fort, wie ja mich der Held Dostojewskis an einer falschen Prämisse zu Grunde geht. — Solche Bücher, wie das vorliegende, sind gefährlicher als „der Henker KrautS" und sonstige Hintertreppenlitteratnr, weil sie durch die Borderkhür hereinkommen: sie verdienen eine Erwähnung mir, um mit eiuer Warnungstafel versehen zu werden. Im.
Amor Tyramms. Drama in einem Akt von Hans Land.
Ein unreifes Talent, aber doch ein Talent, preßt die Tragik zweier Menschenleben mit viel Leidenschaftlichkeit und wenig Kunst in den um zulänglichen Rahmen eines kurzen Einakters zusammen. Räsonnement, Erzählung und bizarre Laune müssen dies möglich machen. Eine sitzen
gelassene Courtisane fühlt den Vernichtnngsdrang in sich, macht einen durch nächtliche Lesewut zur Übergeschnapptheit disponierten jungen Handlungsgehilfen toll in sich verliebt, verleitet ihn zur Veruntreuung einer ihm anvertrauten Banknote, und verbrennt diese dann aus purem Frevelmut an einer Kerze. Sie sucht ihn daraus vergeblich zu gemeinsamem Tode zu überreden, er geht jedoch in sich und stellt sich ebenso hoffnungs- wie reuevoll dem Richter, und sie muß das Sterben allein besorgen. Ein Pistolenschuß beendet ihr Leben und das Stück.
Italienische Dichter seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Bd. III. Drei Satirendichter: Ginsti, Gnadagnoli, Belli. Deutsch von Paul Heyse. (Berlin, Verlag von Wilhelm Hertz 1889.)
Das Übcrsetzungswerk von Paul Heyse ist nun bis zum dritten Bande gediehen, der mit Ginsti geradezu den Triumph deutscher Über- setzungsknnst enthält. Man sollte glauben, es habe da ein anempfindender Sprachkünstlcr sein ganzes Leben an die Übertragung gesetzt; daß ein Dichter von der Fruchtbarkeit Pank Heyses eine so feine Arbeit noch nebenbei besorgen konnte, bleibt ein Rätsel. Allein die Nachdichtung des berühmten Gingillino würde den Reichtum manches armen Poeten ans machen. Vorzüglich ist auch die drollige Probe aus Antonio Gnadagnoli. Die Sonetten von Belli, welche den Schluß bilde», machen das Unmög liehe möglich, indem die Dialektform der Driginalsprache durch kleine Keckheiten anklingt.
Dl'. Karl Schulz: Erfolgreiche Verdeutschungen. (Halle a/S., Verlag von Ehr. Graeger l889.>
Allerlei Thorheiten blutdürstiger Sprachreiniger haben zur Folge gehabt, daß das schöne Streben, unsere Muttersprache mehr und mehr von dem Unrat überflüssiger Fremdwörter zu befreien, immer wieder dem Fluche der Lächerlichkeit zu verfallen droht. Da ist es denn eine sehr dankenswerte Arbeit, daß der Verfasser dieses kleinen Vortrages vielfach daraus hinweist, wie häufig wir gute deutsche Worte, deren Gebrauch heute allgemein ist, den verrufenen Sprachgesellschaften vergangener Jahr Hunderte verdanken. So wird auch der gegenwärtige deutsche Sprach verein, selbst wenn er sich nicht vvn den Geschmacklosigkeiten einzelner Wortführerlossagen wollte, durch Verfemung mancher französischen Redens art, sowie durch Einführung von einigen deutschen Neubildungen, am Ende sicherlich verdienstvoll gewirkt haben. Freilich: daß eine gerechte Sache trotz aller Fehlgriffe Fortschritte mache, ist noch lange keine Auf forderung, lauter Fehlgriffe zu thun.
Die Fahrt zum Christkind. Ein Wüstnachts - Märchenbuch für deutsche Kinder von Julius Lohmeyer. Mit Bildern von V. P. Mohn und Melodieen von Theodor Krause. (Verlag von Carl Flemming in Glogan.)
Wir waren bisher so zurückhaltend oder so ungerecht, kein einziges Werk, welches ans dem bekannten Berlage, der auch der unsere ist, hervorging, einer Besprechung zu unterziehen. Ein vielleicht übertriebener Stotz hielt uns ab, unser Haus auch unsererseits zu loben. Das vorliegende Kinderbuch ist aber zu entzückend, als daß wir ihm gegenüber unseren Grundsatz starr ansrecht halten können. Es wäre ein Unrecht gegen die Kinder unserer Leser, wenn wir diese letzteren nicht ans das Buch aufmerksam machen wollten, in welchem die hübsche Dichtung von Julius Lohmeyer sich mit ebenso hübschen Melodieen von Th. Krause verbindet, und worin vor allem Mohns ganz köstliche Illustrationen mit künstlerischer Kraft alles darstellen, was ein Kinderherz nur träumen kann. Die Mischung von Phantasie und Realismus macht diesen Maler zu einem Böcklin für die Kinderwelt. Das Buch, welches mit den Be gleitern der verirrten Kinder, dem Niklas, dem Esel und dem Eichhörnchen , bald beim kleinen Deutschland populär werden wird, ist aufs reichste nusgestattet, doch glücklicherweise im besten Holzschnittgeschmack, wie er dem Kindersinn und dem Charakter der putzigen Hemdenengelchen am besten entspricht.
Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin tV., Frobenstraße 33. — Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogan.